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9.2.1990: Bericht Gesandter Loibl
504
Dok. 120
Dok. 120: Bericht. Die deutsche Einheit und die Zukunft der Militärbündnisse,
9.2.1990
Gesandter Wolfgang Loibl an BMAA, Bonn, 9. Februar 1990, Zl. 72-Res/90, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ.
22.17.01/113-II.1/901
BRD; deutsche Einheit und Zukunft der Militärbündnisse
NATO und WP werden lt. NATO-Referat im AA in den nächsten Jahren vor al-
lem als Abrüstungs-Kontrollorgane in Europa benötigt: „23 Staaten können nicht
kreuz und quer abrüsten“. Daher müssen die Bündnisse wenigstens während der
Implementierung von „Wien I“,2 vielleicht sogar zur Kontrolle der Einhaltung von
„Wien II“,3 bestehen bleiben.
Aus Bonner Sicht erhält die NATO eine zunehmend politische Rolle, der militä-
rische Teil tritt durch die Verhandlungen in Wien sowie durch einseitige Reduzie-
rungsmaßnahmen zunehmend in den Hintergrund. Die Bundeswehr würde 1992
bis 1996 vermutlich auf 400.000 Mann reduziert werden (die FDP tritt bereits für
bedeutend stärkere Verminderungen ein). Belgien, Niederlande und USA ziehen
sich einseitig zurück, die übrigen Stationierungsländer würden diesem Beispiel
folgen. Die NATO werde damit zu einem politischen „clearing house“ in einem
größeren Europa.
Eine ideale Entwicklung für die deutsche Politik wäre der Erhalt der Bündnisse
und ihre schrittweise Einbettung in eine KSZE-Architektur, die ihrerseits zu einer
neuen Sicherheitsordnung in Europa führte. Zu diesem Zweck sollte KSE II im
35er Rahmen weitergeführt werden: Über den Zeitpunkt einer Zusammenlegung
von VKSE4 und VVSBM5 gibt es allerdings unterschiedliche Ansichten zwischen
1 Der Bericht wurde erst am 12. April 1990 durch die Abteilung II.1 in Bearbeitung genommen.
Legationsrat Marius Calligaris zeichnete ihn am 19. April 1990 als gesehen ab, Abteilungs-
leiter Gesandter Johann Plattner veranlasste am 20. April 1990 seine Weiterleitung an die
österreichische Botschaft Berlin. Sämtliche Unterstreichungen wurden, sofern nicht separat
ausgewiesen, bereits durch Loibl vorgenommen. Der Bericht hinterließ offenbar keinen blei-
benden Eindruck, denn im August wurde er von Calligaris mit dem Vermerk „Erhalten am
6. August!“ erneut unter der GZ. 22.17.01/191-II.1/90 aufgenommen und ad acta gelegt.
2 Als „Wien I“ wurden die seit 6. März 1989 in Wien im KSZE-Rahmen zwischen Vertretern
des Warschauer Pakts und der NATO stattfindenden Verhandlungen über eine Reduzierung
konventioneller Streitkräfte in Europa (KSE) bezeichnet. Der KSE-Vertrag wurde am 19. No-
vember 1990 am Pariser KSZE-Gipfel unterzeichnet. Siehe dazu bereits Dok. 20, Anm. 10. Zu
den KSE II-Verhandlungen kam es nicht mehr (siehe Anm. 3).
3 Die hier als „Wien II“ bezeichneten KSE II-Verhandlungen fanden nicht mehr statt. Stattdes-
sen kam es zu KSE 1a-Folgeverhandlungen die bereits am 29. November 1990 begannen und
zur Festlegung von Personalobergrenzen für die Streitkräfte aller KSE-Staaten führten.
4 Vgl. Anm. 2 und 3.
5 VVSBM = Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen, die im
Rahmen der 35 KSZE-Teilnehmerstaaten seit 9. März 1989 in Wien abgehalten wurden.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99