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9.2.1990: Bericht Gesandter Loibl
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Dok. 120
Der AA-Vertreter bezeichnet dieses Szenario als möglicherweise rascher aktu-
ell als bisher geahnt: Die DDR stehe vor dem Zusammenbruch; nach den März-
Wahlen12 müssten die beiden deutschen Regierungen so rasch wie möglich die
Einheit und die notwendigen Ausnahmen von einer normalen einheitlichen
Staatsbildung regeln. Dazu gehöre die Frage der Anwesenheit sowjetischer Trup-
pen, wobei der Gesprächspartner eine historische Parallele zur französischen Be-
satzungsarmee im Rheinland nach dem 1. Weltkrieg zog.13
In seinen jüngsten Gesprächen mit US-Außenminister Baker14 habe Genscher
2 Hauptziele verfolgt:
– Baker sollte verstehen, dass die deutsche Einheit wegen des inneren Druckes
in der DDR rascher als voraussehbar Wirklichkeit würde
– Die USA sollten zusichern, in dieser Lage nicht die Stationierung alliierter
Streitkräfte in der DDR zu verlangen: Baker habe diese Zusicherung gegeben (wie
bereits vor ihm Dumas;15 auch Hurd16 würde darauf angesprochen werden).
Möglicherweise könnte die DDR in der NATO eine Bornholm, Grönland und
den Kanarischen Inseln vergleichbare Stellung17 erhalten; der bundesrepublika-
nische Teil würde dagegen innerhalb der NATO verbleiben. Darüber bestünde
in der BRD politische Einigkeit (ausgenommen die Grünen), umso mehr als die
Bundeswehr eine reine Bündnisarmee sei: Ein deutscher Offizier sei zum deutsch-
nationalen Denken weder ausgebildet noch erzogen und könne sich einen Ein-
satz außerhalb der NATO nicht vorstellen; das sei ein wichtiger, auch in Moskau
verstandener Stabilitätsfaktor. „Wir sind kontrolliert. Das ist und bleibt ein Fak-
tum“, meinte der Gesprächspartner. Die östlich der Elbe stationierten Teile des
deutschen Territorialheeres würden schon aufgrund der Wiener Verhandlungen
regelmäßigen sowjetischen Inspektionen unterliegen.
12 Die DDR-Volkskammerwahlen fanden am 18. März statt.
13 Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde im Vertrag von Versailles vom 28. Juni 1919 die be-
fristete Besetzung des Rheinlands durch alliierte Truppen festgelegt. Deutschland wurde nach
Artikel 42 und 43 des Vertrages untersagt, am linken und rechten Ufer sowie westlich einer
50km östlich des Flusses verlaufenden Linie Befestigungen anzulegen. Zudem wurde eine
Haute commission interalliée des territoires rhenans unter Vorsitz der Franzosen als zentrale
Legislative und Exekutive eingesetzt. Die USA beteiligten sich nicht an der Besatzung und
nach dem Rückzug Großbritanniens 1920 verblieben nur noch Frankreich und Belgien als
Besatzungsmächte. Vom Januar bis September 1923 dehnten Frankreich und Belgien die Be-
satzung auf weite Teile des Ruhrgebiets aus, um Deutschland zur Erfüllung der Reparations-
zahlungen zu zwingen. Nach der Zustimmung Deutschlands zum Young-Plan von 1929, der
die letzten Reparationszahlungen Deutschlands nach dem Versailler Vertrag regelte, endete
die Besatzung am 30. Juni 1930, wobei das Gebiet weiterhin eine entmilitarisierte Zone blieb.
14 Siehe dazu Dok. 119.
15 Siehe dazu Dok. 119, Anm. 3.
16 Siehe dazu Dok. 119, Anm. 6.
17 Aufgrund der tatsächlichen Stellung dieser unter dänischer bzw. spanischer Oberhoheit ste-
henden Territorien innerhalb der NATO erscheint dieser Vergleich nicht ganz zutreffend. Er
dürfte darauf abgezielt haben, dass auf diesen Territorien keine ausländischen NATO-Trup-
pen stationiert sein sollten, was aber zumindest im Falle Grönlands mit bilateral ausgehandel-
ten US-Stützpunkten nicht eindeutig der Fall war.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99