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9.2.1990: Bericht Gesandter Loibl
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Dok. 120
– Eine Demilitarisierung Deutschlands wäre ebenso gefährlich: Jeder negative
„Sonderstatus“ würde innenpolitisch explosiv und könnte „Stimmungen“ (d. h.
nationalistische, auslandsfeindliche)
hervorrufen, die nicht im Interesse der Nach-
barn Deutschlands lägen; niemand habe Interesse an einem „neuen Versailles“.
Die Vorteile eines wirtschaftlich starken Deutschlands als Zusammenarbeits-
partner für die Perestrojka hielt der AA-Vertreter für kein überzeugendes Ar-
gument gegenüber Moskau: Die Übernahme der ostdeutschen Konkursmasse
würde in kurzer Zeit eine fühlbare Belastung für jeden Westdeutschen mit
daraus folgenden innenpolitischen Komplikationen bringen, und die deutsche
Frage würde auf lange Zeit alle anderen innen- und außenpolitischen Probleme
überlagern.
Moskau würde möglicherweise sein Einverständnis zur deutschen Einheit un-
ter der Bedingung erteilen, dass die Bundeswehr auf 200.000 Mann vermindert
und deutsches Gebiet kernwaffenfrei würde. Einer solchen Initiative würde in-
nen- und außenpolitisch sowie innerhalb der NATO schwer entgegenzutreten
sein.
Jedenfalls würde es dann bei einer NATO mit integrierter Struktur, aber weniger
Streitkräften bleiben, die Verstärkungen über den Atlantik und den Kanal wür-
den größere Bedeutung erlangen. Die britische Rheinarmee würde im Falle ihrer
Rückführung nach Großbritannien allerdings voraussichtlich bis zu 80 % aufge-
löst werden; dennoch verblieben Frankreich und Großbritannien weiterhin Kern-
waffenmächte (deren Arsenal allerdings möglicherweise von einem START 220
berührt werden könnte).
Die Ankündigung Belgiens zum Rückzug seiner 25.000 Soldaten aus der BRD
schockte Bonn zunächst, wurde jedoch durch die Aufteilung auf 2 bis 3 Jahre re-
lativiert; auch die 8.000 Niederländer würden abziehen, während Kanada seine
Truppen bis zur Implementierung der Wiener Verhandlungsergebnisse belassen
wollte. Die USA seien am Reduzieren, Großbritannien habe auf dem Papier 56.000
Mann in der BRD (tatsächlich aber nur 46.000); Frankreich gebe für sich 50.000
Mann an, was aber auch weniger sein könnte (die französischen Angaben seien
nicht sehr konkret).
Der AA-Vertreter schloss mit Genscher, der Geschichte sollte keine Zwangs-
jacke angelegt und der Phantasie keine Grenzen gesetzt werden. Der Weg zu
einem Europa mit neuer Sicherheitsstruktur führe von nationalstaatlichem Den-
ken fort (Anm: Gerade diesen Eindruck vermag der Beobachter nicht zu teilen,
der das hiesige Interesse an einer nationalstaatlichen Wiederherstellung Deutsch-
lands, aber auch die nationalistisch getönten Entwicklungen in Osteuropa und in
der SU sieht). Die KSZE würde durch eine schrittweise Institutionalisierung die
NATO und den WP überlagern.
20 Bezeichnung der Nachfolgeverhandlungen des „Strategic Arms Reduction Treaty“ (START I),
der zwischen den USA und der Sowjetunion zur Reduzierung strategischer Trägersysteme und
Nuklearwaffen am 31. Juli 1991 unterzeichnet wurde.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99