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13.2.1990: Bericht Botschafter Magrutsch und Gesandter Ehrlich Dok. 122
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1. Am 6.2. hielt sie im britischen Unterhaus fest: „I agree with my honorable friend
that the German people are likely to vote for unification. I agree with him, too,
that it is
a matter not only for the German people but for other countries which will
be seriously affected by it. Germany has also entered into obligations under the
NATO alliance – we must consider its effect on that – the Helsinki accord which
35 nations signed, and the four-power agreement on Berlin. We must agree these
things. It seems that a lengthy transition period is needed so that they can all be
properly worked out and so that the unification of Germany gives rise not more
worries but to greater security.“
Die Frage ob sie garantieren würden, dass GB gegen eine Wiedervereinigung
kein Veto (Vertrag aus 1954)2 einlegen würde, wurde von Frau Thatcher nur aus-
weichend mit dem Hinweis beantwortet, dass sie glaube, dass BK Kohl bezüglich
der Erfüllung der bestehenden Verpflichtungen aus dem NATO-Vertrag, dem
KSZE-Vertrag3 und dem 4-Mächte-Abkommen über Berlin4 „keinerlei Schwierig-
keiten“ machen würde.
einigung zwar grundsätzlich akzeptierte, dieses ‚Entgegenkommen‘ jedoch durch umfassende
Vorbehalte rechtlicher und politischer Natur weitgehend annullierte. […] Diese Haltung der
britischen Premierministerin ist zum Teil Reflex ihrer singulären Sicht, wonach sie selbst als
Ausgangspunkt der ‚wahren Weltrevolution‘, nämlich des Thatcherismus und auch der Ent-
wicklung in Osteuropa (!), eine geradezu persönliche Verantwortung für diesen Reformpro-
zess besitzt, der nicht durch die ‚Selbstsucht‘ der Deutschen gefährdet werden darf.“ Auch die
Haltung der Bevölkerung sei skeptisch und das deutsch-französische Integrationskonzept
laufe Thatchers Interessen zu wider. „Obwohl die Zurückhaltung der britischen Regierung auf-
grund der geg. Interessenslage verständlich erscheint, bleibt die Frage, warum Frau Thatcher
nicht – ähnlich wie Präsident Mitterrand – unter Wahrung aller Rechte eine zumindest ver-
bal positivere Haltung zeigt. Hier dürfte die persönliche Einstellung von Frau Thatcher eine
erhebliche Rolle spielen, da sie ‚privat‘ eine klare Gegnerin der deutschen Wiedervereinigung
ist. Dies nicht nur wegen angeblicher Gefahren für den Reformprozess oder aus der Freund-
schaft für Präsident Gorbatschow, sondern vor allem aus einem tief eingewurzelten nationa-
len Ressentiment. […] Hinzu kommt eine ‚Rancune‘ gegenüber Deutschland im Allgemeinen,
das die ‚Siegermacht‘ GB nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch (innerhalb der EG,
nunmehr selbst gegenüber den USA) in den Schatten stellt und die Glaubwürdigkeit einer bri-
tischen ‚Sonderrolle‘ als Mittler zwischen Ost und West, Europa und Amerika, unterminiert.“
Da mittlerweile auch Gorbatschow „die Wiedervereinigung Deutschlands für unvermeidlich
hält“ sei mit „einer Nuancierung der britischen Haltung […] in einiger Zeit zu rechnen. Die
britisch-deutschen Beziehungen dürften jedoch inzwischen zwar keinen Riss, wohl aber einen
kleinen Sprung bekommen haben.“ Der hier abgedruckte Bericht erging als Fernschreiben
Nr. 25014 an das BMAA und war an das Kabinett des Bundesministers, das Generalsekre-
tariat und die Sektion II gerichtet. Dort wurde er am 12. Februar 1990 durch den Leiter der
Abteilung II.1 Gesandten Johann Plattner in Bearbeitung genommen, der die Depeschen-
weiterleitung Nr. 85095 an die österreichischen Botschaften in Bonn und Berlin veranlasste.
Ebenfalls am 12. Februar 1990 zeichnete Legationsrat Marius Calligaris das Dokument ab.
2 Zu den Pariser Verträgen vom 23. Oktober 1954, die der Bundesrepublik Deutschland un-
ter gewissen Vorbehalten (Stationierung von alliierten Streitkräften) innere Souveränität ge-
währten, Siehe bereits Dok. 63, Anm. 4.
3 Gemeint ist die KSZE-Schlussakte, die keinen völkerrechtlich verbindlichen und damit
rechtswirksamen Vertrag darstellte und daher eine politische Absichtserklärung blieb.
4 Siehe Dok. 1, Anm. 15.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99