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14.2.1990: Bericht Gesandter Graf Dok. 123
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vertretenen politischen Gruppierungen), war am Tag ihrer Abreise aus Berlin
leicht resigniert und fragte sich, ob es überhaupt sinnvoll sei, nach Bonn zu fahren.
Dieser Eindruck hat sich in Bonn bestätigt, wenn nicht sogar verstärkt. Enttäu-
schung war in unterschiedlichem Ausmaß bei allen erkennbar.
Man sei von BRD-Seite laufend als „Brüder und Schwestern“ angeredet worden.
Von einem „Geist der nationalen Verantwortung“ sei jedoch kaum etwas zu spü-
ren gewesen. Ja, die Fülle der guten Ratschläge verbunden mit den weiterhin vor-
gebrachten Bedingungen für Bonner Hilfe hat zu einer deutlichen Verstimmung
in der gesamten Delegation geführt. Das Drängen der BRD-Seite auf möglichst
rasche Herstellung der Wirtschaft- und Währungsgemeinschaft ohne deutliche
Gewährleistung sozialer Sicherheit für Rentner und ohne die Sicherung der Spar-
konten in der DDR muss zu einer weiteren Destabilisierung vor dem 18. März
führen.
Der Gesprächspartner im AM meinte, dass die von Bonn seit langem zugesagte
und bei dem Besuch von BK Kohl in Dresden förmlich bekräftigte Soforthilfe
auch dieses Mal nicht gegeben wurde. Dies werde unweigerlich dazu führen, dass
der Strom der Auswanderer bereits jetzt, nach dem Besuch Modrows in Bonn
und vor den Wahlen am 18. März, zunehmen werde. Diese harte (und berech-
nende)
Haltung der Regierung in Bonn werde sich auch (nachteilig) auf das Wahl-
verhalten in der DDR auswirken. Die Unionsparteien würden die Auswirkungen
am 18. März zu spüren bekommen und bereuen.
Der Gesprächspartner bemerkte im Übrigen, dass das von der Straße diktierte
Tempo der deutschen Einheit zu bedauern sei und es bereits jetzt abzusehen sei,
dass es bei der einmal zustande gekommenen Einigung zu einem bösen Er wachen
kommen werde. Dieser Prozess sei jedoch unaufhaltsam und praktisch nicht
mehr zu beeinflussen.
Unter Hinweis auf die verschiedenen Erklärungen zur Oder-Neisse-Grenze
von Modrow und Kohl3 verdeutlichte Steglich,4 dass die Erklärung Kohls nicht
dazu dienen könne, bei den europäischen Nachbarn als Element der Sicherheit
3 Für die Erklärung Modrows vor der Volkskammer am 11. Jänner 1990, in der er die Oder-
Neiße-Grenze mit Polen als „definitiv“ bezeichnete, siehe: Dokument 32, in: Die Außenpolitik
der DDR. Kohl hatte am 17. Jänner 1990 in Paris nach Ausführungen zur Rechtslage erklärt:
„Die Deutschen – und hieran sollte niemand zweifeln – haben nicht die Absicht, im Europa
von morgen eine Grenzdiskussion vom Zaun zu brechen, die die europäische Friedensord-
nung, die wir gemeinsam anstreben, gefährden müßte. Die Deutschen wollen eine dauerhafte
Aussöhnung mit ihren polnischen Nachbarn, und dazu gehört auch, daß die Polen die Gewiß-
heit haben müssen, in sicheren Grenzen zu leben. Niemand will eine zweite Vertreibung nach
den Schrecken der Vertreibung, die die Deutschen an ihrem eigenen Leib erfahren haben.“
Rede des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Kohl, im Centre de Con-
férences Internationales in Paris am 17. Jänner 1990, in: Europa-Archiv 1990, D 108–D 117,
hier D 115. Siehe zur Thematik ausführlich Dok. 127.
4 Peter Steglich, Stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Grundsatzfragen und Planung im
MfAA der DDR (1977–1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99