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19.2.1990: Bericht Gesandter Graf
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Dok. 126
und BRD zu einem Bundesstaat4 sei klar entschieden worden. Lediglich die Fri-
sten und Modalitäten dieser Vereinigung seien noch offen. Über Vertragsgemein-
schaft, Konföderation oder den 10-Punkte Plan Kohls brauche somit nicht mehr
geredet werden.
Bei den 10 bis 15 Milliarden D-Mark Solidarhilfe, die die DDR-Delegation
verlangt habe, hätte es sich um Warenlieferungen zur Stabilisierung der Lage in
der DDR gehandelt. Die BRD habe entschieden, die DDR weiter hinzuhalten und
spiele bewusst darauf, dass sich die Situation in der DDR bis zum 18. März noch
zuspitzt. Auch nach dem 18. März werde der Druck der BRD auf die DDR weiter
zunehmen. Der DDR gehe es in den verbleibenden Wochen lediglich noch darum,
ein allzu drastisches Zusammenwuchern nach Möglichkeit zu verhindern sowie
die sozialen Aspekte der Einheit (Renten, Sparguthaben, Arbeitslosenversiche-
rung in der DDR) möglichst abzusichern. Die Position der DDR sei jedoch äußerst
schwach, wie es sich bereits beim Besuch Modrows in Bonn gezeigt habe.
Die Verhandlungen zur Währungsunion werden jetzt aufgenommen. Der
Delega
tion der DDR gehörten die Minister Romberg,5 Eppelmann6 sowie der
amtsführende Finanzminister7 und der Präsident der Staatsbank8 an.9 Die Wäh-
rungsunion selbst werde von der neuen Regierung abgeschlossen werden. Nach
dem Besuch Modrows in Bonn hätten sich die naiven Vorstellungen zum Teil ge-
ändert, dass am 19. März vor jeder Türe ein Golf stehen werde. Eine gewisse Er-
nüchterung über die unverzüglichen positiven Folgen einer Währungsunion sei
eingetreten.
Entgegen mancher Beobachter rechnet der Gesprächspartner nicht damit, dass
die SPD am 18. März die absolute Mehrheit gewinnen wird. Die SPD wird jedoch
die relativ stärkste Partei sein und wie Ibrahim Böhme zuletzt erklärt hat, eine
Koalitionsregierung eingehen. Er rechne am ehesten mit einer Koalition mit den
Liberalen. Die PDS werde auf jeden Fall in der Opposition sein. Er bedauere, dass
die linken Kräfte in der DDR sich immer weiter zersplitterten (links versteht Bot-
schafter Seidel somit als links von der SPD). Die Linken und die Grünen in der
DDR seien diejenigen, die davor warnen, dass die Einheit zu schnell kommt und
zu einem Zusammenwuchern führen wird.
Die Frage der polnischen Westgrenze werde eher leicht gelöst werden, da es
allen politischen Kräften in der BRD mit Ausnahme von einigen ganz am rech-
ten Rand Angesiedelten klar sei, dass ohne Garantie der polnischen Westgrenze
4 Nebst der Unterstreichung, zudem handschriftliche Hervorhebung am Seitenrand.
5 Walter Romberg, Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett Hans Modrow (Februar– April
1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
6 Rainer Eppelmann, Minister ohne Geschäftsbereich in der Regierung Hans Modrow (Februar
1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
7 Walter Siegert, amtsführender Minister für Finanzen ab 29. Jänner 1990 nach der Abberufung
von Uta Nickel, siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
8 Horst Kaminsky, Präsident der Staatsbank der DDR (1974–1990), siehe Personenregister mit
Funktionsangaben.
9 Die 1. Tagung der Expertenkommission fand am 20. Februar in Ost-Berlin statt.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99