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19.2.1990: Bericht Gesandter Graf Dok. 126
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die Einheit nicht kommen könne. Seidel rechnet damit, dass eine gesamtdeutsche
Regierung bzw. ein gesamtdeutsches Parlament die polnische Westgrenze aus-
drücklich anerkennen wird.10
Die inneren Voraussetzungen der deutschen Einheit seien weit gediehen, an-
ders steht es jedoch mit den äußeren Maßnahmen. Modrow habe in seinem Kon-
zept der Neutralität eines einheitlichen Deutschlands lediglich die militärische
Neutralität verstanden.11 Sowohl auf dem Territorium der DDR als auch auf dem
der BRD stünden ausländische Truppen. Diese würden auch nach der Einheit für
eine Übergangsphase dort bleiben. Auf Dauer sei es jedoch nicht vorstellbar, dass
in einem einheitlichen Deutschland fremde Truppen stünden. Für die Sicher-
heit Europas sei es erforderlich, dass sowohl die USA als auch die Sowjetunion in
Europa eingebunden bleiben. Auch die DDR habe sich über die äußere Konzeption
der deutschen Einheit noch keine intensiven Gedanken gemacht. Eine Erweite-
rung der NATO bis an die Oder-Neisse-Grenze sei genauso undenkbar wie eine
Zugehörigkeit eines einheitlichen Deutschlands zum Warschauer Pakt.
Die Sowjetunion habe nicht zuletzt in Ottawa grünes Licht für die deutsche
Einheit gegeben.12 Es bleibe ihr aufgrund der inneren Schwäche und Zerrissen-
heit13 auch kaum eine andere Wahl. Wichtig sei es, die Sicherheitsinteressen der
Sowjetunion nicht zu verletzen.14
Kohl dränge mit sehr großem Tempo zur deutschen Einheit und es ist damit zu
rechnen, dass diese noch heuer, spätestens aber nächstes Jahr verwirklicht werde.
1992 werde das einheitliche Deutschland der EG angehören.15
Graf
10 Der gesamte Absatz wurde am Seitenrand durch Litschauer handschriftlich hervorgehoben.
Seidels-Prognose war richtig. Zur polnischen Haltung siehe ausführlich Dok. 127.
11 Siehe Dok. 115–116.
12 Die „Open-Skies“-Konferenz der KSZE fand vom 12. bis 14. Februar 1990 in Ottawa statt.
Am Rande dieser Konferenz wurde am 13. Februar 1990 eine grundsätzliche Einigung auf die
2+4-Formel für die Verhandlungen über die außenpolitischen Bedingungen der deutschen
Vereinigung erzielt. Siehe Dok. 124.
13 Die Sowjetunion hatte nicht nur mit enormen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, sie
war auch innenpolitisch erheblichen Spannungen ausgesetzt, nachdem sich vor allem im
Baltikum die Unabhängigkeitsbestrebungen verstärkten. Am 23. August 1989 hatten rund
2 Millionen Menschen eine über 600 Kilometer lange Menschenkette von Tallinn über Riga
bis nach Vilnius als Ausdruck ihres Strebens nach Unabhängigkeit gebildet. Am 11. März 1990
erklärte Litauen seine Unabhängigkeit, am 4. beziehungsweise 8. Mai 1990 folgten Lettland
und Estland.
14 Dieser Absatz wurde am Seitenrand durch Litschauer mit einem Rufzeichen versehen.
15 Nicht zuletzt aufgrund des Zusatzprotokolls zu den Römischen Verträgen von 1957 (siehe
dazu Dok. 69, Anm. 14) gehörte das Gebiet der DDR bereits zuvor dem „Gemeinsamen Markt“
und dann mit Vollzug der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 auch defintiv der EG an. Die
Anwendung des EG-Rechts hatte bis Ende 1992 zu erfolgen. Siehe: Überleitung des Rechts
der Europäischen Gemeinschaften auf das in Artikel 3 des Einigungsvertrags genannte Ge-
biet (EG-Recht-Überleitungsverordnung) vom 28. September 1990, BGBl. 1990, I, Nr. 51 vom
2. Oktober 1990.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99