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19.2.1990: Bericht Botschafter Wagner Dok. 127
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um die polnische Westgrenze international „abzusegnen“, und in Ottawa13 ledig-
lich das Interesse der Nachbarstaaten Deutschlands an den Einigungsgesprächen
deponiert hat, treten Mazowiecki und auch Jaruzelski für eine gesonderte ver-
tragliche Regelung und für eine unbedingte und aktive Teilnahme an den Ver-
handlungen der 4+2 ein. Mazowiecki hat sich besonders engagiert: er besteht auf
einem Stimmrecht für Polen, soweit Fragen, die die Sicherheit Polens betreffend,
behandelt werden. Es ist Mazowieckis Idee, mit der DDR einen Vertrag betref-
fend die Anerkennung der Grenze ehestmöglich auszuhandeln und zu paraphie-
ren, der mit dem vereinigten Deutschland dann unterzeichnet bzw. ratifiziert
werden sollte.14
Mazowiecki dürften vor allem innenpolitische Gründe zu seiner Haltung be-
wogen haben; er weiß, wie sehr diese Frage den einzelnen Polen berührt. Er mag
13 Die „Open-Skies“-Konferenz der KSZE fand vom 12. bis 14. Februar 1990 in Ottawa statt.
Am Rande dieser Konferenz wurde am 13. Februar 1990 eine grundsätzliche Einigung auf die
2+4-Formel für die Verhandlungen über die außenpolitischen Bedingungen der deutschen
Vereinigung erzielt. Siehe Dok. 124.
14 Die Frage der Grenzen wurde in der Bundesrepublik durch Kohl
– trotz massivem internatio-
nalem Unverständnis für seine Position – vor allem aus innenpolitischen Gründen weiterhin
rein juristisch argumentiert, wonach erst das geeinte Deutschland über seine Grenzen be-
stimmen könne. Gleichzeitig hatte er aber bereits klar zum Ausdruck gebracht, dass Deutsch-
land die Grenzen nicht in Frage stellen würde (siehe Dok. 123, Anm.3). Polen konnte sich mit
seiner hier ausgeführten Forderung nach dem gewünschten Prozedere für die Lösung dieser
heiklen Frage weder gegenüber der Bundesrepublik, noch im Rahmen der 2+4-Gespräche
im Juli in Paris (siehe dazu Dok. 166) durchsetzen. Der abzuschließende deutsch-polnische
Grenzvertrag fand zwar Eingang in den „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug
auf Deutschland“ vom 12. September 1990 (siehe Dok. 170), unterzeichnet wurde er aller-
dings erst am 14. November 1990. Für den „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutsch-
land und der Republik Polen über die Bestätigung der zwischen ihnen bestehenden Grenzen
vom 14. November 1990“ siehe BGBl. 1991, II, S. 1328–1330. Die Ratifizierung erfolgte erst am
17. Oktober 1991 gemeinsam mit dem am 17. Juni 1991 unterzeichneten deutsch-polnischen
Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag. Siehe auch: Botschafter Herbert Grubmayr
an BMAA, Bonn, 20. November 1990, Zl. 525-Res/90, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ.
22.09.01/2-II.1/90: „Aus hiesiger Sicht wird als Summe all dieser Bemühungen eine deutliche
Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen konstatiert. Mit der Ankündigung, noch
vor Jahresende die SV-Pflicht für polnische Staatsbürger aufzuheben […] sowie der raschen
Unterzeichnung des Grenzvertrags seien von deutscher Seite
– auch ‚psychologisch‘
– positive
Vorleistungen erbracht worden. Dabei wird nicht vergessen, daß Polen als einer der ersten
Ostseestaaten für den Verbleib des vereinten Deutschlands in der NATO plädiert hat, was
den Meinungsbildungsprozeß in dieser Schlüsselfrage der deutschen Vereinigung wesentlich
beeinflußt habe.“ Der Bericht der Botschaft Warschau hielt dem entgegen: „Eine bedeutende
Schwierigkeit bleibt freilich auch nach Abschluß der Verträge bestehen, nämlich die, das auf
Regierungsebene Vollzogene auch dem polnischen Volk begreiflich und selbstverständlich zu
machen. Auch jüngste Meinungsumfragen bringen ja immer noch erstaunlich starke Ängste
vor dem vereinigten Deutschland, vor der benachbarten Wirtschaftsmacht zutage. Das Ar-
gument eines möglichen Aufkaufs Polens durch deutsches Kapital […] wird selbst durch das
demonstrative Entgegenkommen von Kohl und Genscher nur sehr langsam entkräftet.“ Bot-
schafter Gerhard Wagner an BMAA, Warschau, 16. November 1990, Zl. 328-Res/90, ÖStA,
AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ. 22.09.01/1-II.1/90.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99