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21.2.1990: Information Gesandter Plattner Dok. 129
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USA: Unter den 3 Westmächten die positivste Einstellung zur deutschen Ein-
heit. Hauptinteresse ist die feste Einbettung eines vereinigten Deutschland in die
NATO. Zum Unterschied von Großbritannien und Frankreich treten die Befürch-
tungen vor einem künftigen Übergewicht Deutschlands in Europa oder vor nega-
tiven Konsequenzen für den EG-Integrationsprozeß zurück.
Großbritannien: Bemerkenswerte Haltungsänderung angesichts der unauf-
haltsamen Entwicklung. Aber Warnungen PM Thatchers vor zu schnellem Vor-
gehen.19 Britisches Interesse, als Siegermacht des 2. Weltkrieges den Einigungs-
prozeß mitzubestimmen. Unausgesprochene Befürchtungen vor einem deutschen
Übergewicht in Europa; Forderung nach Anerkennung der polnischen West-
grenze; Ablehnung einer Neutralisierung Deutschlands.
Frankreich: Befürchtungen, daß Einigungsprozeß den EG-Integrationsprozeß
bremsen könnte und die BRD nunmehr ersterem zu große Priorität einräumt.
Daher Vorschlag Mitterrands, die Schaffung einer EG-Währungsunion mit der
Schaffung der deutsch-deutschen Wirtschafts- und Währungsunion zu koordi-
nieren. Bestehen auf Mitspracherecht am deutschen Einigungsprozeß. Unbeha-
gen vor deutschem Übergewicht in Europa; Forderung nach Anerkennung der
polnischen Westgrenze. Ablehnung der Neutralisierung Deutschlands.
4) Die wirtschaftlichen Aspekte:
BK Kohl hat in seiner Regierungserklärung vom 15.2.199020 darauf hingewiesen,
daß die Wirtschaftskraft der DDR (ca. 1/4 der Einwohnerzahl und über 1/3 der
geographischen Ausdehnung der BRD) ungefähr jener des mittelgroßen Bundes-
landes Hessen entspreche; das in einem einzigen Jahr in der BRD neu geschaffene
der“-Vereinigung; Interview von Michail Gorbatschow am 21.2.1990, Gesandter Sucharipa,
Wien, 27. Februar 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ. 22.17.01/41-II.3/90. Dort wurde
das Prawda-Interview als „zentrale Sprachregelung“ interpretiert, die folgendes beinhaltete:
1) Das Selbstbestimmungsrecht wird anerkannt; eine „Infragestellung der Grenzen anderer
Staaten ist ausgeschlossen“. 2) Es wird ein „Friedensvertrag“ im Viermächte-Rahmen ange-
strebt. 3) Die militärisch-politischen Bündnisse müssen zur Aufrechterhaltung des Gleichge-
wichts bestehen bleiben. 4) Der „‚2+4‘-Verhandlungsmechanismus“ muss mit dem „gesamt-
europäischen Prozeß synchronisiert werden“; Verständnis für die Sorgen anderer Länder.
„Gorbatschow wie Schewardnadse verwehren sich gegen westliche Absprachen über die
Deutschlandfrage ohne vorherige Konsultation der SU.“
19 Premierministerin Thatcher unterstrich diesen Wandel in einer Anfragebeantwortung im
britischen Unterhaus am 8. Februar 1990, als sie bezüglich der deutschen Wiedervereinigung
von einer „transition stage“ im Gegensatz zu einer noch zuvor postulierten „lenghty tran-
sition period“ sprach. Siehe dazu Dok. 122. Siehe auch das Interview Thatchers im Corriere
della Sera vom 21. Februar 1990, in dem sie auf die polnischen Forderungen und einen Frie-
densvertrag mit Deutschland einging, vgl. Vorlage des Leiters des Planungsstabs, Citron, für
Bundes minister Genscher, 23. Februar 1990 (= Dokument 59), in: Die Einheit, S. 301–303,
Anmerkung 5.
20 Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl: Erklärung der Bundesregierung über die Gespräche des
Bundeskanzlers mit Generalsekretär Gorbatschow und DDR-Ministerpräsident Modrow, in:
Texte zur Deutschlandpolitik III/8a S. 107–122.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99