Page - 538 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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22.2.1990: Bericht Botschafter Grubmayr
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Dok. 130
Ich hatte vorgestern Gelegenheit, mich über diese Frage mit VAM Adamyschin,6
der für Westeuropa zuständig ist und mit Herrn Falin,7 dem Leiter der interna-
tionalen Abteilung des ZK, einen der wichtigsten Deutschland-Spezialisten der
Sowjetunion über diesen Fragenkomplex zu unterhalten und daneben auch die
einschlägigen Meinungen führender sowjet. Journalisten zu hören. Die geäußer-
ten Stellungnahmen und Ansichten sind weitgehend gleichlautend und scheinen
von einer zentralen Sprachregelung auszugehen.8 Ich möchte im Nachfolgenden
punkteweise die wichtigsten Facetten der sowjet. Auffassungen und Reaktionen
in ihrem aktuellen Stand anführen:
1) Das Hauptproblem ist nicht die Wiedervereinigung Deutschlands, sondern das
mögliche Wiedererwachen des Geistes des Militarismus und die Hintanhaltung
einer neuerlichen von Deutschland ausgehenden Kriegsgefahr. In dieser Hinsicht
hat die sowjet. Führung eine Verpflichtung vor ihrem eigenen Volk, welche keiner
Revision unterliegen kann. Die Politik jedes Landes hat gewisse Konstanten und
dies ist eine davon.9
2) Die Infragestellung der Resultate des Zweiten Weltkrieges ist für die SU ein
„sehr wunder Punkt“. Ein „Anschluss“ der DDR an die Bundesrepublik würde
in der Sowjetunion sehr schlecht aufgenommen werden. Die jetzige Führung
der SU sucht eine vernünftige politische Lösung für dieses Problem unter Aus-
schluss von Gewaltanwendung. Eine vernünftige Linie Moskau setzt aber voraus,
dass auch „die anderen“ eine vernünftige Linie einhalten. Wenn die anderen (so
wörtlich) eine „Sturm und Drang“-Lösung ansteuern, dann riskieren die, dass
auch „bei uns“ eine solche Sturm- und Drang-Entscheidung erfolgt, was für alle
Teile schlecht wäre. Die Frage, welche Garantie die SU gegen den Revanchismus
und Grenzveränderung erhalten könnte, zog sich wie ein roter Faden durch alle
Gespräche.10
3) Die militärisch-politischen Interessen der SU müssen berücksichtigt wer-
den. Der Eintritt des vereinigten Deutschland in die NATO würde diesen In-
teressen widersprechen.11 Die bis jetzt gemachten Vorschläge, wie z. B. Ein-
schluss ganz Deutschlands in die NATO mit gleichzeitiger Entmilitarisierung der
DDR konveniert der Sowjetunion nicht. Dazu Schewardnadse: „Die Welt ändert
sich mit schwindelerregender Schnelligkeit: was wird, wenn in Frankreich oder
6 Anatolij L. Adamischin, Stellvertretender Minister für Auswärtige Angelegenheiten der
UdSSR (1986–1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
7 Valentin Falin, Leiter der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU (1988–1991), siehe Per-
sonenregister mit Funktionsangaben.
8 Bei dieser Unterstreichung handelt es sich um eine handschriftliche Unterwellung, vermutlich
durch Sucharipa.
9 Dieser Absatz wurde in der Abteilung II.3 von zwei Personen handschriftlich am Seitenrand
markiert.
10 Das Wort „Grenzveränderung“ wurde zudem handschriftlich eingekreist.
11 Die ersten beiden Sätze dieses Absatzes wurden am Seitenrand handschriftlich markiert
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99