Page - 539 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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22.2.1990: Bericht Botschafter Grubmayr Dok. 130
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England eine Diktatur ausbricht, oder in der SU? Auch in Polen ist dies nicht
ausgeschlossen…. .“12
4) Beide deutschen Staaten sollten etappenweise aus den Militärblöcken austre-
ten, in diesem Sinne wäre die Neutralität zu verstehen. Hinsichtlich des Begriffs
Neutralität scheinen von sowjet. Seite gewisse Begriffsverwirrungen vorzulie-
gen. So setzte Herr Falin das von ihm vorgebrachte Konzept der Neutralität mit
dem Begriff einer „Nichtangriffsfähigkeit“ gleich: keine Atomwaffen auf deut-
schem Boden, aber auch keine völlige Entmilitarisierung, sondern bewaffnete
Streitkräfte, die zwar zur Verteidigung genügen, aber keine konventionelle Erst-
schlagskapazität beinhalten. Aber offensichtlich befinden sich die bei den hiesi-
gen Diskussionspartnern oft synonym verwendeten Konzepte „Neutralität“ und
„verminderte Militarisierung“
– Begriffe die völkerrechtlich gesehen in ganz ver-
schiedene Schubladen gehören – noch im Stadium der internen Beratung und
enthalten noch einiges Spielmaterial für Verhandlungen.13
5) Hinsichtlich der in Ottawa grundsätzlich beschlossenen Gespräche der
4 Mächte und der beiden deutschen Staaten14 gibt es hier bereits neue Schlag-
worte, so werden diese 6 Länder zusammen als die „6-er Gruppe“ bezeichnet
(„schestjorka“) wobei schon klare Präferenzen hinsichtlich des zeitlichen Ablau-
fes vorgebracht werden: die SU tritt für die Formel 4+2 ein, d. h. dass zuerst die
Siegermächte des Zweiten Weltkrieges untereinander verhandeln und dann die
beiden deutschen Staaten hinzuziehen (Formel 4+2). Die von BRD-Seite vorge-
brachte Präferenz, dass zuerst zwischen den beiden deutschen Staaten nach den
Wahlen diese Frage behandelt werden soll (also 2+4), wird hier heftig abgelehnt.
AM sagt hiezu, das würde bedeuten, dass zuerst die beiden deutschen Staaten, bei
denen der BRD das Übergewicht zukommt, eine Regelung festlegen. Dies müsste
dann praktisch von den Vieren und nachher von ganz Europa im Rahmen der
KSZE angenommen werden. Diese Prozedur würde die Interessen der übrigen
europäischen Staaten und v. a. auch der SU beeinträchtigen. (Herr Adamyschin
meinte in diesem Zusammenhang, man müsste an das Problem mit „Phantasie“
herangehen. Alle Möglichkeiten müssten durchdacht werden. Also könnte man
z. B. auch über die Variante nachdenken, dass beide deutsche Staaten bzw. das
vereinte Deutschland beiden ja dann auch schon gewandelten Militär-Blöcken
an gehören…).15 Im Gorbatschow-Interview, welches am Tag nach dem Gespräch
mit Adamyschin abgedruckt wurde, tritt er für die Formel 2+4 ein und zeigt
hiezu, es könnten nicht 2, 3 oder 4 Teilnehmer den anderen ihren Willen auf-
zwingen. Aber er dürfte eher eine westliche Verhandlungskoalition, die gegen die
12 Dieses Zitat wurde am Seitenrand handschriftlich mit einem Rufzeichen versehen.
13 Der letzte Satz dieses Absatzes wurde am Seitenrand handschriftlich markiert.
14 Die „Open-Skies“-Konferenz der KSZE fand vom 12. bis 14. Februar 1990 in Ottawa statt.
Am Rande dieser Konferenz wurde am 13. Februar 1990 eine grundsätzliche Einigung auf die
2+4-Formel für die Verhandlungen über die außenpolitischen Bedingungen der deutschen
Vereinigung erzielt. Siehe Dok. 124.
15 Dieser Satz wurde in der Abteilung II.3 von zwei Personen handschriftlich am Seitenrand
markiert, einmal sogar durch ein Rufzeichen.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99