Page - 540 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Image of the Page - 540 -
Text of the Page - 540 -
22.2.1990: Bericht Botschafter Grubmayr
540
Dok. 130
SU auftritt, im Sinne gehabt haben. Jedenfalls stimmen die Gorbatschow- und
Adamyschin Formel nicht ganz überein. – Schewardnadse polemisiert, in ähn-
lichem Sinn wie Gorbatschow gegen westl. Absprachen über die Deutschland-
frage in Ottawa ohne vorige Konsultation der SU.
7) [sic!]16 Obwohl die offizielle Meinung jetzt dahingeht, dass die Vereini-
gung Deutschlands ein Prozess ist, der sich über Jahre hinziehen wird (Sche-
wardnadse in einem Interview), meinte z. B. Herr Falin, man müsste die Frage
der Neugestaltung Europas mit Deutschland als Kernproblem jetzt anpacken und
die Lösung nicht bis in die nächsten Generationen schleifen lassen. Auch die in-
neren Veränderungen in der SU hätten dazu beigetragen, die Voraussetzung für
eine Neuordnung in Europa herbeizuführen und man dürfe diese Chance nicht
verpassen. Präsident Gorbatschow in seinen Zeitungserklärungen wieder sagt: die
Fristen sind Sache der Deutschen, aber jedenfalls müssen erst die Verhandlungen
2+4 (oder 4+2) durchgeführt werden.
8) [sic!]17 Gorbatschow gibt in seinem Interview eine lange Einleitung über die
schon gleich nach dem Krieg begonnenen Bemühungen der SU um Erhaltung
bzw. Wiederherstellung der deutschen Einheit, die alle vom Westen konterkariert
worden seien. Er bringt in eher unbestimmter Form auch den Abschluss eines
Friedensvertrages18 ins Spiel, um eine völkerrechtliche Absicherung für die Gren-
zen und (unausgesprochen) das deutsche „Wohlverhalten“ zu haben. Adamyschin
nahm zwar in seinen Darlegungen nicht dieses Wort in den Mund, aber sprach
auch davon, dass der Helsinki-Akt kein rechtlich bindendes Dokument sei und
einseitige Erklärungen Bonns oder der beiden deutschen Staaten hinsichtlich der
Grenzen nicht als genügend angesehen werden: „Wir brauchen eine rechtlich halt-
bare Bestätigung“. Gleichzeitig meinte er, ein Friedensvertrag wäre jetzt 45 Jahre
nach Kriegsende etwas „exotisches“ (Frage: Redet also Gorbatschow exotisch?)
und Adamyschin weiter: Wir würden gern etwas Neues konzipieren, im Geist des
neuen Europa, nicht eine Konstruktion nach dem Muster der Vorkriegszeit… .“
Es kommt einem vieles nicht ganz ausgereift vor, wenn man so konzentriert der
aktuellen sowjet. Darstellung der Deutschlandpolitik ausgesetzt wird. Unter die
Haut geht dem Moskauer Establishment aber offensichtlich am meisten die Reso-
nanz mit der die Westdeutschen derzeit die DDR „vereinnahmen“. Die (auch von
der Botschaft Bonn einberichteten 250 „Dienstreisen“ von MdB’s19 in die DDR,
die Jubelrede Kohls in Erfurt, die man im hiesigen Fernsehen gezeigt hat, die
Umarmung des Armutschkerls DDR durch den reichen Vetter, der auf die öst-
lichen „Schwäger“ so ostentativ zu vergessen scheint, die durch Parteienassozia-
tionen und Hinüberschwappen des AM-Bereichs symbolisiert normative Kraft
des Faktischen. Das alles hat hier die Überzeugung gestärkt, dass man dabei ist,
16 Paginierungsfehler im Original.
17 Paginierungsfehler im Original.
18 Dieses Wort wurde am Seitenrand handschriftlich markiert.
19 MdB = Mitglied des Deutschen Bundestages.
back to the
book Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99