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23.–25.3.1990: Aktenvermerk Gesandter Prohaska
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Dok. 131
könne, diesen Ländern mit Geld, aber vor allem mit technischem Rat und Hilfe
zur Seite zu stehen (wirtschaftliche Reformen bedürfen politischer Stabilität).
HGS erwiderte, dass Österreich genau dies bereits in Angriff genommen habe
(Seminare für Teilnehmer aus Ost und West; Bankgarantien für Risiken pri-
vater Unternehmer, z. B. Hotelbereich in Ungarn). HGS wies dann auf Polen
hin, wo die Bevölkerung sich mit der Regierung identifiziere, weshalb die To-
leranzschwelle für wirtschaftliche Schwierigkeiten höher liege (im Gegensatz
etwa zu Rumänien).
Bot. Scheich26 bestätigte die geschilderten Eindrücke und verwies auf die Ge-
fahr eines in der Zukunft womöglich stärkeren Auseinanderklaffens zwischen
Reformmaßnahmen (und deren Schwierigkeiten) und ihren absehbaren Erfol-
gen (Erwartungen und Lebensstandard). Er kam in diesem Zusammenhang
auf die geplante Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (G-24
Tagung am 9.2.d. J. in Paris)27 zu sprechen. Die potentiellen Geberländer sollten
es vermeiden, doktrinär zu sein und Wirtschaftshilfe ausschließlich mit „politi-
scher Konditionalität“ zu vergeben (Notwendigkeit individueller Behandlungen
der einzelnen, sehr verschiedenen Länder). Geboten sei eine psychologisch vor-
sichtige Handhabung der heiklen Frage des Ressourcentransfers (Vorwurf des
„Ausverkaufs“ werde in Zukunft immer wiederkommen). Dem stimmte John
Robson zu, hob aber die US-Position der Betonung der Bankfunktion zur För-
derung des Privatsektors der Empfängerländer hervor (Förderung staatlicher
Unternehmen nur zum Zweck der Privatisierung, die insbesonders in Polen vor-
anschreite; Gefühl des Einbezogenseins gerade für die einfachen Leute).
Adrian Basora (Direktor im Nationalen Sicherheitsrat) meinte ergänzend, daß
Kriterien
– in einem sehr allgemeinen Sinn
– für die Vergabe von Hilfsleistun-
gen notwendig seinen (wir können Länder ermutigen, ihre Strukturen zu er-
neuern), und der private Sektor jedenfalls mehr bewegen könne.
Ges. Sucharipa bestätigte die amerikanischen Analysen über Ungarn und
Polen mit einer positiven Modifizierung für Ungarn (die beiden großen de-
mokratischen Parteien in Ungarn werden nach den Wahlen wohl Regierung
bilden; jedoch Zeitfrage bis Arbeitsfähigkeit der neuen Regierung).
Die politischen Parteien Osteuropas entsprechen nicht vollständig unserem
26 Manfred Scheich, Leiter der wirtschaftspolitischen Sektion (Sektion III) im BMAA (1987–
1993), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
27 Am 15. Jänner 1990 eröffnete der französische Präsident Mitterrand in Paris die Konferenz
zur Gründung einer Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, die die reformwilligen mittel-
und osteuropäischen Staaten bei strukturellen Anpassungsprozessen fördern und unterstüt-
zen sollte. Neben Vertretern der EFTA und den EG entsendeten auch die USA, Kanada, Japan,
Australien, Neuseeland, die Türkei, Malta und Zypern Delegationen. Die 34 Teilnehmer ver-
ständigten sich grundsätzlich darauf, dass die Bank vornehmlich private Investitionen und In-
itiativen fördern sollte, die den Übergang zur offenen Marktwirtschaft begünstigten würden.
Eine Einigung konnte jedoch nicht erzielt werden. Am 15. April 1991 wurde die Europäische
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung schließlich in London mit einer Grundkapitalisie-
rung von 10 Milliarden ECU eröffnet. Vgl. Europa-Archiv 4/1990, Z 39.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99