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13.3.1990: Bericht Gesandter Sajdik
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Dok. 135
Aspekt zu verpassen, womit die Möglichkeit des „Einwirkens“ unter allen Um-
ständen aufrechtbleibt.
2) Vereinigung nach Art. 23 Grundgesetz oder aufgrund eines völkerrechtl. Ver-
trages zweier souveräner Staaten
Im sowjet. AM (MID)3 wird heftig gegen eine Vereinigung Deutschlands im
Wege von Art. 23 Grundgesetz polemisiert. „Anschluss“ und „Verschlucken“ der
DDR sind diesbezüglich in das hiesige polit. Vokabular – ebenfalls – bereits ein-
gegangen. Die UdSSR fürchtet – wie in der ho. DDR-Botschaft hervorgestrichen
wurde – ein sang- und klangloses Enden der Eigenstaatlichkeit der DDR und
ein Übergehen zu einer „1+4-Gesprächsformel“. Im sowjet. AM kehrt man fer-
ner hervor, dass sich der Art. 23 in seiner gegenwärtigen Lesart und gängigen
BRD-Interpretation nicht nur auf die möglichen künftigen 6 Länder auf dem
Gebiet der heutigen DDR beschränkt, sondern auch auf Territorien von Polen
und der UdSSR bezogen werden kann.4 Realistischerweise sieht man in der Ver-
waltung für sozialistische Staaten des MID, dass vor allem in den südlichen Ge-
bieten der DDR (Thüringen und Sachsen) die Tendenz nach Wiedererrichtung
der historischen Länderstrukturen sehr stark ist. Eine Rückgliederung nach dem
Modell des Saarlandes sei jedenfalls denkbar. Gleichzeitig konstatiert man, dass
die Kräfte in der DDR, die für eine Eigenstaatlichkeit der DDR eintreten, in der
Minderheit sind. Alle wesentlichen polit. Kräfte einschließlich der PDS haben die
Vereinigung in ihr Programm mitaufgenommen. Der Prozess der Vereinigung ist
nach Ansicht des MID unumkehrbar.
In der SU herrscht offensichtlich Ratlosigkeit darüber, wie lang die DDR als
eigenes Völkerrechtsubjekt aufrechtzuerhalten ist. Man wendet sich gegen eine
zu rasche Vereinigung, hat aber keine konkrete Vorstellung, wie eine langsamere
Entwicklung – Gorbatschow sprach gegenüber Modrow von „etappen
weisem
Vorgehen“ – unter den gegebenen polit. Bedingungen in der DDR zu bewerkstel-
ligen ist.5
Auf die Frage, was denn die Etappen der Vereinigung sein könnten, antwortete
man im MID, „das müssen die Deutschen selber entscheiden“.
3 Das sowjetische Außenministerium (Министерство иностранных дел = MID).
4 Dieser Satz wurde durch Sucharipa sowohl links als auch rechts am Seitenrand markiert. Zu
Artikel 23 des Grundgesetzes siehe bereits Dok. 125, Anm. 3.
5 Modrow hatte am 6. März 1990 erneut Moskau besucht und war mit Gorbatschow zu einem
Gespräch zusammengetroffen. Siehe dazu Dokument 25, in: „Im Kreml brennt noch Licht“;
für den Bericht der Prawda vom 7. März und ein Interview Gorbatschows am selben Tag
siehe Dokumente 80–81, in: Michail Gorbatschow und die deutsche Frage. Laut Einschätzung
der Botschaft Moskau verlangte Gorbatschow ein „etappenweises, kontrolliertes Vorgehen
und ein Einbinden der Wiedervereinigung in den gesamteuropäischen Prozess“ und wandte
sich gegen „das Bestreben, die DDR zu annektieren, und gegen eine Politik der vollendeten
Tat sachen“. Siehe: Gesandter Martin Sajdik an BMAA, Moskau, 7. März 1990, ÖStA, AdR,
BMAA, II-Pol 1990, GZ. 43.18.03/1-II.3/90.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99