Page - 561 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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13.3.1990: Bericht Gesandter Sajdik Dok. 135
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Im vorerwähnten „Prawda“-Gespräch zwischen Falin und Michailow vom
12.d.M. wird von Letzterem eine Parallele mit den 20er Jahren gezogen, als nach
dem Versailler-Friedensvertrag die Besetzung des Rheinlandes durch deutsche
Truppen verboten war und „mit welcher Leichtigkeit dieser Beschluss umgewor-
fen wurde“.14
Wie kann man sicher sein, fragt Michailow, dass das Versprechen, NATO-
Truppen nicht bis an die polnische Grenze zu verlegen, früher oder später ab-
geschwächt wird?
c) Neue europäische Sicherheitsordnung
„Die Konversion der Industrie ist äußerst schwer, aber die Konversion des Den-
kens ist zehnmal schwieriger. Die Asymmetrie in der Rüstung ist sehr gefährlich.
Aber hundertmal gefährlicher ist die Asymmetrie in den Militärdoktrinen.“ Diese
Feststellung Falins spiegelt den Stand des derzeitigen sowjet. Denkens über eine
neue Sicherheitsordnung in Europa wieder. In der UdSSR weiß man, dass man
neue Lösungen suchen muss, doch bisher hat man die rechte Antwort noch nicht
gefunden. Wesentlich sei ein Übergang von NATO und WP zu vorherrschend
polit. Bündnissen.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass vor allem auch Frankreich – wie
aus einem Gespräch in der ho. französischen Botschaft hervorging
– neue Sicher-
heitsstrukturen in Europa advoziert.
In einem aufschlussreichen Artikel in der „Iswestija“ vom 10. d. M.15 wird die
gegenwärtige französische Interessenlage in Europa nicht unkritisch ana lysiert
und zu verstehen gegeben, dass die französische Hauptsorge darin liegt, dass sich
der polit. Schwerpunkt Europas nach Osten verlagern könnte und Frankreich
„eine zweitrangige, periphere Rolle“ zukommen werde. Die „Iswestija“ stellt auch
fest, dass Frankreich Anspruch auf die Rolle eines militär-politischen Führers in
Westeuropa erhob und sich „äußerst geschickt der Unterstützung der BRD be-
diente, welche in Frankreich manchmal als polit. Zwerg, der ein ökonomischer
Gigant ist, galt“.16
In Moskau scheint man zu verstehen, dass vor allem die franz. Forderung, ein
künftiges Deutschland dürfe keine Atomwaffen besitzen, einen durchaus egoisti-
schen franz. Hintergrund haben könnte.17
14 Dieser und der folgende Absatz wurden durch Sucharipa am Seitenrand handschriftlich
markiert. Zur Besetzung des Rheinlands siehe Dok. 120, Anm. 14. Hitler stationierte ab dem
7. März 1936 Truppen der deutschen Wehrmacht im bis dato entmilitarisierten Rheinland,
was einen Völkerechtsbruch in Bezug auf den Versailler Vertrag, darstellte. Dies blieb ohne
nennenswerte politische Konsequenzen.
15 Der Artikel der Iswestija liegt dem Akt nicht bei.
16 Dieser Absatz wurde durch Sucharipa am Seitenrand handschriftlich markiert und mit einem
Rufzeichen versehen.
17 Dieser Absatz wurde von Sucharipa am Seitenrand mit vier Rufzeichen versehen, ergänzt um
die Frage: „Ist das als ev. Zustimmung zu verstehen?“
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99