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27.3.1990: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl Dok. 140
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Dok. 140: Bericht. Die „2+4“-Verhandlungen aus Sicht des Auswärtigen Amts,
27.3.1990
Botschafter Friedrich Bauer und Gesandter Wolfgang Loibl an BMAA, Bonn, 27. März 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol
1990, GZ. 22.17.01/98-II.1/981
BRD; Deutsche Einheit „2+4“ (Info)
Enger persönlicher Mitarbeiter Genschers,2 der sich bisher als zuverlässig er-
wies, hält zur Überraschung der Botschaft „2+4“-Gespräche für weniger proble-
matisch („schon gelaufen“) als deutsch-deutsche und EG-Anpassungen. Die 4
Mächte wollten aus unterschiedlichen Gründen nicht als Bremser erscheinen und
hätten faktisch auch keine Möglichkeit, noch Gegenleistungen zu fordern:
USA unterstützten Bonn kräftig und seien selbst stark an deutscher Einheit
interessiert – weil diese als unausweichlich betrachtet wird und USA sich ihren
wichtigsten Verbündeten in Europa erhalten wollen. Baker (dem Präsidentschafts-
Ambitionen nachgesagt werden) sei starker Verfechter einer Überwindung der
Teilung Europas und an Europa interessiert (vgl. seine programmatische Rede in
Berlin3 mit „Entdeckung“ der EG usw.). Lediglich bei Oder-Neiße Grenze ver-
stünde Washington wegen polnischer Wähler keinen Spaß.
SU erkenne ebenfalls Unausweichlichkeit der Einheit und wolle – wegen In-
teresses an wirtschaftlicher Wohlstandsverbesserung mit EG-Hilfe (dies habe
Gorbatschow in Gesprächen wiederholt gezeigt) – nicht als Bremser wirken. Im
Übrigen wäre für Moskau Gewissheit wesentlich, von Washington weiterhin als
Supermacht behandelt zu werden – und in diesen bilateralen Beziehungen habe
sich nichts verändert. Gesprächspartner nannte als Beleg hierfür das Zustande-
kommen der „2+4“-Lösung: dieser Genscher-Gedanke wurde durch Gespräche
beiderseitiger Kabinettschefs und anschließend Genscher mit Baker vorbereitet,
eingehen darauf wurde Schewardnadse erleichtert, weil Baker die Idee bei an-
schließendem Moskau-Besuch vorbrachte.4
1 Der Bericht erging in Verfolg des Fernschreibens Nr. 25046 vom 21. Februar 1990 (hand-
schriftlich ergänzt: GZ. 22.17.01/48) als Fernschreiben Nr. 25069 an das BMAA und war an
das Kabinett des Bundesministers, das Generalsekretariat und die Sektion II gerichtet. Dort
wurde er von der Abteilung II.1 in Bearbeitung genommen und Abteilungsleiter Gesandter
Johann Plattner verfügte am 28. März 1990 seine Weiterleitung an die österreichischen Bot-
schaften in Berlin, Washington, Moskau, London und Paris. Legationsrat Marius Calligaris
zeichnete das Schriftstück am 28. März 1990 ab.
2 Es könnte sich hierbei um Michael H. Gerdts gehandelt haben. Eine eindeutige Identifizierung
ist auf Grund der vorhandenen Angaben nicht möglich.
3 Außenminister James Baker hielt am 12. Dezember 1989 eine Rede im Presseclub in West-
berlin, in der er auf die US-amerikanischen Entwürfe für die zukünftige Architektur Europas
einging. Vgl. Europa-Archiv 1990, D 77–D 84.
4 Siehe dazu bereits Dok. 119, Anm. 14.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99