Page - 590 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Image of the Page - 590 -
Text of the Page - 590 -
20.4.1990: Bericht Botschafter Schallenberg
590
Dok. 145
Der juristische Rahmen der „äußeren Aspekte“ wird durch die Vier-Mächte-
Deklaration vom 5. Juni 19453 bestimmt, mit der diese die oberste staatliche Auto-
rität über Deutschland und damit die alleinige Entscheidungsgewalt über die
Wiedervereinigung, die Grenzen sowie über die politisch-militärischen Fragen
übernommen haben. Die beiden deutschen Staaten verfügen daher juristisch nur
über eine eingeschränkte Souveränität. Die seither stattgefundene Entwicklung
macht jedoch ein pragmatisches Vorgehen unter Einbeziehung der deutschen
Staaten selbstverständlich und wird auch von keiner Seite in Frage gestellt. Nichts-
destoweniger bedarf die Beendigung der derzeitigen juristischen Situation eines
entsprechenden völkerrechtlichen Instruments.4 Die französische Seite erklärt
sich hinsichtlich dessen Form und Bezeichnung für völlig flexibel; unter den
möglichen Varianten erscheint hier ein Modell erfolgversprechend, in dem Ein-
zelfragen (z. B.
Grenzen) in spezifischen Abkommen oder Deklarationen geregelt
werden, die Gesamtheit der Materie aber doch in irgendeiner Form unter einem
Hut zusammengefaßt wird.5
Hinsichtlich des Inhalts dieser Gesamtregelung bestehen aus hiesiger Sicht
noch deutliche Differenzen zwischen den Westmächten einerseits und der Sowjet-
union andererseits: Während erstere das Ziel des 2+4-Prozesses darin sehen, den
seit 1945 bestehenden Sonderstatus Deutschlands zu beenden und aus Deutsch-
land einen Staat „wie alle anderen“ zu machen, möchte die Sowjetunion die Gele-
genheit zur Aufoktroierung neuer Souveränitätsbeschränkungen nützen.6
Vor diesem Hintergrund ist auch die Diskussion über die Tagesordnung bei der
ersten Beamtenrunde am 14. März verlaufen.7 Während der Westen mit dem
Tagesordnungsvorschlag der BRD-Delegation (Grenzen, politisch-militärische
Aspekte, Berlin, Rechte und Verantwortlichkeiten der Vier) grundsätzlich
übereinstimmt, möchte Moskau die Fragen der Friedensregelung und der
Über nahme völkerrechtlicher Verbindlichkeiten der DDR – vor allem aus
wirtschaftlichen Gründen – ausdrücklich eingeschlossen sehen. Die Grund-
eigentumsfrage dürfte hingegen nicht mehr hineinreklamiert werden. Die so-
wjetischen Vorschläge werden hier im übrigen nicht als definitiv, sondern als
maximale Ausgangspositionen qualifiziert.
Für die zweite Runde der Beamtengespräche8 erwartet man in Paris angesichts
der neuen DDR-Delegation auch diesbezüglich eine neue Konstellation, da sich die
Sowjetunion wahrscheinlich völlig in der Isolation befinden wird.
3 Zur Berliner Erklärung der Alliierten vom 5. Juni 1945 siehe bereits Dok. 69, Anm. 7.
4 Die unterstrichene Passage wurde durch Plattner am Seitenrand handschriftlich markiert.
5 Das Ende dieses Satzes wurde am Seitenrand durch Plattner handschriftlich mit einem Frage-
zeichen versehen.
6 Diese Unterstreichung wurde handschriftlich durch Plattner vorgenommen.
7 Das erste 2+4-Beamtentreffen wurde am 14. März 1990, wenige Tage vor den DDR-Volks-
kammerwahlen, in Bonn abgehalten. Siehe dazu bereits Dok. 124, Anm. 12.
8 Siehe Zweite Gesprächsrunde Zwei plus Vier auf Beamtenebene, Berlin-Niederschönhausen,
30. April 1990 (= Dokument Nr. 264), in: Deutsche Einheit, 1074–1076.
back to the
book Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99