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24.4.1990: Resümeeprotokoll Gesandter Plattner Dok. 146
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Sudhoff:
Wenn die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der DDR (DDR müsse
schon ab jetzt mit der Einführung der freien Marktwirtschaft beginnen, die
Politik der Bundesbank müsse schon ab jetzt auch für DDR-Gebiet gelten) fest-
steht, sei bereits der größte Teil des Problems gelöst. Dann müsse das Sekundär-
recht der EG entsprechend den drei Phasen Delors (1. Währungsunion, 2. Über-
gangsphase bis zur politischen Vereinigung, 3. Einführung des EG-Rechts) in
der DDR eingeführt werden. (In diesem Zusammenhang großes Lob für Delors!)
Die Volkskammer müsse jetzt rasch die nötigen Gesetze beschließen. Hinsicht-
lich der erforderlichen Investitionen in der DDR würden sich große Chancen für
die Industriestaaten – selbstverständlich auch für Österreich – ergeben, mit ent-
sprechender wirtschaftlicher Ausstrahlung nach dem Osten. Die wirtschaftliche
Bedeutung der DDR-Integration ersehe man schon daran, daß 1 % zusätzliches
Wirtschaftswachstum Gesamtdeutschlands ein EG-Wachstum von ½ % bewirke.
Die westdeutsche Wirtschaft stehe bereits Gewehr bei Fuß. Es werde sich alles
sehr rasch entwickeln.
Die Zwischenfrage des HGS, welche „Anlaufstellen“ die österreichische Wirt-
schaft hinsichtlich DDR-Investitionen beraten könnte, beantwortete Sudhoff da-
hingehend, daß BRD-Handelskammern und Wirtschaftsverbände schon jetzt die
Eröffnung von Büros in der DDR planen.
Die äußeren Aspekte der Vereinigung gestalteten sich schwierig. Am 5. Mai
werde das erste 2+4-Gespräch auf AM-Ebene in Bonn stattfinden15 (vorher noch
eine Botschafter-Runde in Ostberlin).16 Seitens der BRD werde auf die absolute
Gleichberechtigung der Gesprächspartner großer Wert gelegt (dies wird auch von
allen Gesprächspartnern anerkannt). Themen sind: Grenzfragen, Sicherheitsfrage
und Berlin.
Grenzfrage:
Diese Frage sei als Scheinthema hochgespielt worden. Die DDR habe ihren Gör-
litzer-Vertrag17 (Verzicht der DDR auf Gebietsansprüche gegen Polen) und die
BRD ihren Warschauer Vertrag.18 Die Republikanische Partei19 habe von der
Grenzfrage in der Wählergunst nicht profitieren können (derzeit nur 2 % bei Um-
fragen). Die Grenzfrage werde durch Entschließung beider Parlamente geregelt
werden, Polen werde bei 2+4 in dieser Frage informiert, aber nicht in Gespräche
eingebunden werden.20
15 Zum ersten 2+4-Treffen der Außenminister am 5. Mai 1990 in Bonn siehe Dok. 149–150.
16 Siehe Zweite Gesprächsrunde Zwei plus Vier auf Beamtenebene, Berlin-Niederschönhausen,
30. April 1990 (= Dokument Nr. 264), in: Deutsche Einheit, 1074–1076.
17 Zum „Görlitzer Vertrag“ vom 6. Juli 1950 siehe bereits Dok. 127, Anm. 12.
18 Zum „Warschauer Vertrag“ siehe Dok. 1, Anm. 17 und Dok. 57, Anm. 10.
19 Zu den „Republikanern“ siehe Dok. 48, Anm. 21.
20 Zu den 2+4 Gesprächen in Paris am 17. Juli 1990 unter Beteiligung der Vertreter Polens siehe
Dok. 166.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99