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24.4.1990: Resümeeprotokoll Gesandter Plattner
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Dok. 146
Visa-Freiheit für Ungarn26 viel Überzeugungsarbeit in der EG gekostet habe. Flücht-
lingsfragen würden ein „Thema der Zukunft“ sein.
3) Gespräch mit Staatssekretär Lautenschlager27
Der HGS verweist auf die Kohl-Mitterrand-Initiative in Richtung Vollendung der
Europäischen Politischen Union28 (militärische Komponente der EG?) und er-
sucht um Darlegung der BRD-Sicht zum österreichischen EG-Antrag.
Lautenschlager:
Das Aide Mémoire29 sei eine gute Sache gewesen. Dadurch sei der im Beitritts-
antrag „so stark markierte Neutralitätsaspekt“ (warum ist das geschehen?) relati-
viert worden. Die Europäische Politische Union sei bisher aus gutem Grunde nicht
definiert worden. Hier müsse aber etwas geschehen, um das Europaparlament
aufzuwerten und die nächsten EP-Wahlen für den Wähler attraktiver zu machen.
In Bonn habe man hierüber zwar gewisse Vorstellungen, diese Frage sei aber nicht
so prioritär (SIC!).30
Bonn sei sich über den Unterschied zwischen wirtschaftlichem Standard
Österreichs und dem der osteuropäischen Staaten völlig im klaren. Die Entwick-
lung in Europa ließe – wenn in der SU alles gut geht – die Neutralität in einem
anderen Licht erscheinen. Die deutsch-französische Aktion laufe auf mehr Kohä-
renz in der EG zwischen Politik und Wirtschaft hinaus. Diese Kohärenz sei ver-
besserungsbedürftig. Die Entscheidungsstrukturen müßten effizienter werden.
Die politischen und wirtschaftlichen Strukturen der EG seien stärker zusammen-
zuführen. Das Europäische Parlament brauche mehr Rechte. Hier seien die Bri-
ten gar nicht so negativ, wie allgemein angenommen wird. In der Frage der Wäh-
rungsunion müßte wirtschaftliche, nicht aber politische Souveränität abgegeben
werden. Die Schaffung der Europäischen Politischen Union (die aber nicht bis
zum Ural reichen werde) könnte für Österreich bedeutend werden. (Gemeint ist
wohl, Österreich müßte diese Entwicklung mitmachen!) Es sei kaum vorstellbar,
daß die SU in der gegebenen Gesamtentwicklung bei der Neutralität Österreichs,
die an Bedeutung verliere, Probleme bereiten werde. Der österreichische Wunsch
auf EG-Mitgliedschaft sei allseits bekannt, Österreich habe bisher gut agiert, sollte
aber nicht zu sehr drängen. Die EG-Kommission sei völlig unabhängig und habe
ihren Rhythmus. Ob der Avis etwas früher oder später fertiggestellt sei, sei doch
nicht so entscheidend.31 Österreich müsse etwas Geduld haben. Der Binnen-
26 Die gegenseitige Visapflicht wurde am 1. Mai 1990 aufgehoben.
27 Hans-Werner Lautenschlager, Staatssekretär im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutsch-
land (1987–1992), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
28 Dazu bereits Dok. 141, Anm. 14.
29 Siehe Anm. 13.
30 So im Original.
31 Die Stellungnahme der Europäischen Kommission (Avis) erfolgte schließlich am 31. Juli 1991,
nachdem sich diese wegen der intensiveren Vorbereitungen zur Realisierung des Binnenmark-
tes und des Ratifikationsprozesses des Maastrichter Vertrages verzögert hatte.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99