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8.5.1990: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl
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Dok. 149
sehr deutlich: einzige Lösungsmöglichkeit sei Versuch einer perspektivischen
Lösung.
Höynck zufolge war klar, dass mangels hinreichender Vorbereitungszeit keine
Substanz-, sondern nur prozedurale Fragen geklärt werden könnten. Nach Eröff-
nungserklärungen (siehe Fax.,4 Meckel5 hielt sich an DDR-Koalitionsvereinba-
rung vom 12.4.1990), auf die gegenseitig nicht eingegangen wurde, erörterten
Außenminister die TO6 (Pkt. 2 bis zum Mittagessen geklärt), dann die Daten wei-
terer Treffen. Am Nachmittag wurde Beteiligung Polens besprochen.7 Anschlie-
ßende Diskussion galt Form der Präsentation des Ergebnisses gegenüber Medien.
Wichtigstes Ereignis sei Konsensentscheidung aller 6 hinsichtlich Anerken-
nung des Willens der Deutschen, „ihre Vereinigung ordnungsgemäß und ohne
Verzögerung zu vollziehen“.
Von Anfang an habe sehr konstruktive Atmosphäre geherrscht, niemand
wollte Schwierigkeiten machen, sondern alle zu zügiger TO-Erledigung beitragen.
Höynck bezeichnete Einigung über TO als wichtig. Pkt. 4 („abschließende
völkerrechtliche Regelung und Ablösung der 4 Mächterechte und -verantwort-
lichkeit“) deute klar auf Ziel einer abschließenden Regelung mit Kernelement der
„Ablösung“, auch andere Punkte könnten zur Regelung gehören, die BRD jedoch
nicht als „Friedensvertrag“ bezeichnen will.
Pkt. 2 („politische-militärische Fragen unter Berücksichtigung von Ansätzen
geeigneter Sicherheitsstrukturen in Europa“) hieß zu Konferenzbeginn noch „po-
litisch-militärische Fragen“. SU wollte jedoch Begriffe der „Synchronisierung“
in TO aufnehmen, wogegen es aber Widerstand gab, weil niemand genauen Be-
griffsinhalt kannte. Nach Wortsinn und Andeutungen wäre allerdings Gleich-
schaltung von rapider deutscher Einigung mit erst anlaufendem europäischem
Prozess (KSZE, Abrüstung usw.), somit unausgesprochen Verzögerung der deut-
schen Einigung zu erwarten gewesen. Auch gegen veränderte Formulierungen
bestanden Bedenken wegen Unklarheiten, was in 2+4 und was zu 35 behandelt
würde. Beide deutschen Delegationen jedoch einig, dass in 2+4 manches bespro-
4 Das Fax liegt dem Akt nicht bei. Die Erklärungen von Baker, Schewardnadse, Dumas und
Meckel sind abgedruckt in: Europa-Archiv 1990 D 495–D 502. Für Genschers Erklärung
und seine Einschätzungen zu den anderen Reden siehe: Hans-Dietrich Genscher, Erinnerun-
gen, Berlin 1995, S. 768–783. Siehe für diese und weitere deutsche Erklärungen zum Treffen
auch Texte zur Deutschlandpolitik III/8a – 1990, S. 203–211. Für die Einschätzung der Rede
Schewardnadses durch die Abteilung II.3 des BMAA siehe: Aktenvermerk. Deutsche Vereini-
gung; 2+4-Gespräche; sowjetische Position (Rede Aussenminister Schewardnadses am 6. 5. in
Bonn), Gesandter Ernst Sucharipa, Wien, 11. Mai 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ.
22.17.01/138-II.3/90. In diesem Akt liegen auch die Reden Genschers und Schewardnadses.
5 Markus Meckel, Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (April – August 1990),
siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
6 Die Tagesordnung umfasste folgende Punkte: 1) Grenzfragen, 2) politisch-militärische Fragen
unter Berücksichtigung von Ansätzen geeigneter Sicherheitsstrukturen in Europa, 3) Berlin-
Probleme und 4) Abschließende Völkerrechtliche Regelung und Ablösung der 4-Mächte-
Rechte und -Verantwortlichkeiten.
7 Zu der polnischen Forderung nach Teilnahme an den 2+4-Gesprächen, siehe Dok. 127, Anm. 9.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99