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8.5.1990: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl
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Dok. 149
Lt. Höynck sei politische Phantasie erforderlich: innerhalb der „Eckwerte“ der
deutschen Position (keine Singularisierung oder Diskriminierung, NATO-Mit-
gliedschaft, Beibehaltung des Zeitplans für deutsche Einheit) könnten Modelle
entwickelt werden, die zwar heutigen sowjetischen Vorstellungen nicht entspre-
chen, für Moskau aber akzeptabel werden könnten. Für die SU gebe es breiten
trade-off für deutsche Einheit, bestehend aus künftigen politischen und wirt-
schaftlichen Beziehungen zu Deutschland, Lösung der Sicherheitsfrage, gemein-
samen Interessen in Umwelt- und Technologiefragen usw. Künftige SU-Stellung
werde auch wesentlich von ihren Beziehungen zur EG abhängen. Deshalb sei Per-
spektive der deutsch-sowjetischen Beziehungen bedeutsam: wolle Deutschland
sich vollends nach Westen ausrichten oder die Bindungen zum Osten (der DDR,
aber auch der BRD) aufrechterhalten? Für Moskau habe SU-Rolle in Europa große
Bedeutung. 4 Mächte-Rechte und 360.000 Mann in der DDR sicherten bisher ihre
physische und rechtliche Präsenz in der Mitte Europas. Nun bestehe völlig neue
Situation mit Gefahr, an den Rand gedrängt zu werden („Europa von Brest bis
Brest, vom Atlantik bis zum Ural“)10 – ein Horrorszenario für die SU! Deshalb
komme der Institutionalisierung des KSZE-Prozesses und der politischen Veran-
kerung der SU darin sehr großes Gewicht zu.
Nichts an den Gesprächen solle Höynck zufolge über- oder unterschätzt, posi-
tive Elemente aber ausgelotet werden. Man müsse verhindern, dass noch ungelö-
ste Fragen aus dem Gesamtzusammenhang Deutschland, KSZE, Abrüstung und
EG die Entwicklungen gegenseitig blockierten.
Zentral sei Konsens der 6 über Notwendigkeit zügiger Verhandlungen und
Einbringungen der Ergebnisse (nicht notwendigerweise schon der endgültigen
Lösung) beim KSZE-Gipfel. Höynck rechnet damit, dass Kernfragen der 2+4 Ge-
spräche bis Gipfel abgeschlossen wären, Gespräche jedoch danach noch weiter-
gehen werden.
Polen wird zum 3. Außenminister-Treffen in Paris (wahrscheinlich 2. Juli-
hälfte) eingeladen, welches sich mit Grenzen befassen wird.11 Warschau könne
auch zu damit zusammenhängenden Fragen sprechen. Polen ist auch zu unmittel-
bar vorausgehendem Direktorentreffen eingeladen. Hingegen Übereinstimmung
der 6, dass keine Beteiligung Polens an Sicherheitsfragen, weil daran auch andere
Nachbarn gleichberechtigt interessiert wären und Warschau diesbezüglich nicht
privilegiert werden könne.
Parteivertreter und Diplomaten zeigten sich gestern in Gesprächen Botschaft
gegenüber besorgt, dass SU durch „Entkoppelung“ der inneren und äußeren
Aspekte auf Sicht über Deutschland auf zeitlich unbefristete Periode (als „Faust-
pfand“ für tatsächliche, nicht nur verbale Umwandlung der NATO und Errich-
tung eines europäischen Sicherheitssystems) beibehalten wolle. Damit wurde von
10 Von Brest in Frankreich bis Brest (Brześć) in Polen.
11 Zum dritten 2+4 Außenministertreffen unter Beteiligung Polens am 17. Juli 1990 in Paris
siehe Dok. 166.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99