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8.5.1990: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl Dok. 149
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deutschen Gesprächspartnern Besorgnis über mangelnde Souveränität (innen-
politisches Problem, Druckmittel gegen US-Präsenz), von westlichen Diploma-
ten Befürchtung eines neuerlichen „Versailles-Komplexes“ (weil SU Verzögerung
der deutschen Einheit den sich an NATO-Erhalt festklammernden westlichen
Verbündeten der BRD zuschieben könnte) verbunden. Interessanterweise wurde
dabei wiederholt neidvoll auf Österreich Bezug genommen, das 1955 volle Sou-
veränität erlangt habe. Höynck hingegen hatte eindeutigen Eindruck, dass SU
nicht verhindern, sondern angesichts „milde ausgedrückt“ kritischer Lage in SU
(schlechte Wirtschaftslage, erstmalige Kritik an Außenpolitik, weiteres Schicksal
der DDR und der SU-Truppen in der DDR!?) etwas Zeit gewinnen wolle: Mos-
kau wisse aber, dass Übergangsstatus (den auch „Genscher-Plan“12 vorsehe)
nicht
lange aufrecht zu erhalten sei – wie illustrativ geäußerte sowjetische Zeitvorstel-
lungen gezeigt hätten.
Rolle der Bündnisse wandle sich, WP werde möglicherweise in 2 Jahren nicht
mehr existieren. Dann stelle sich Höynck zufolge auch Frage der NATO-Mitglied-
schaft völlig anders.
All dies sei nur angedeutet und nicht sehr klar gewesen. SU habe jedoch offen-
sichtlich eingesehen, dass innerer Prozess nicht mehr zu stoppen ist.
Auf Frage konnte Höynck „nicht bestätigen“, dass Moskau seine Vorbehalts-
rechte in Berlin aufgegeben hätte.
Höynck betonte anschließend, dass – obwohl Sachfragen noch weitgehend
unberührt
– Ergebnis des Außenminister-Treffens aufgrund positiver Grundhal-
tung mit gemeinsamem Lösungswillen in zügigen, erfolgsorientierten Verhand-
lungen unter Respektierung gegenseitiger Interessen weit über atmosphärisches
hinausgehe.
Für Bundesregierung ergibt sich nun Frage, ob sie entkoppelte deutsche Ein-
heit rascher verwirklichen oder noch versuchen soll, innere und äußere Aspekte
gleichzeitig zu lösen, um Zeitdruck, z. B. durch KSZE-Gipfel, auf äußeren Aspek-
ten zu belassen.
Bauer / Loibl
12 Genscher äußerte seine Überlegungen im Zuge seines Vortrages an der Evangelischen Akade-
mie in Tutzing am 31. Jänner 1990, vgl. dazu bereits Dok. 116, Anm. 6.und Dok. 119, Anm. 11.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99