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22.5.1990: Bericht Botschafter Hoess
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Dok. 152
Die beiden Delegationen hätten sodann den Fortgang der 2+4-Gespräche im
Hinblick auf Gipfel17 und die nächsten Ministerrunden am 11. Juni in Berlin,18 im
Juli19 bzw. September20 in Paris und Moskau besprochen. Dabei sei trotz der sowje-
tischen Haltung auf den guten Beginn der ersten Runde in Bonn21 verwiesen worden.
Man sei übereingekommen, bei der nächsten Sitzung mit dem letzten TO-
Punkt „Ablösung der Vier-Mächterechte und Verantwortlichkeiten“ und deren
Konsequenzen zu beginnen. Dabei sei von Anfang an von der Erlangung der
vollen Souveränität des vereinigten Deutschland auszugehen. Das vereinigte
Deutschland werde dann als souveräner Staat umgehend seine Entscheidung be-
treffend seine Allianzbeziehungen (NATO) treffen. Der souveräne Staat werde
auch seinen allfälligen (zeitlich und dem Umfang nach limitierten) Stationie-
rungsvertrag mit der SU zu schließen haben.
Da man davon ausgehe, dass das vereinigte Deutschland (mit der Einschrän-
kung der Nichtstationierung von Allianztruppen in Ostberlin) Vollmitglied der
NATO einschließlich der Teilnahme in der internationalen Militärstruktur sein
werde, sei auch die für den 5. und 6. Juli in London22 geplante Überprüfung
der künftigen Strategie und Struktur der Allianz zur Sprache gekommen. Hiebei
seien die Stichworte Abrüstung und Rüstungskontrolle, die künftige Rolle von
Kernwaffen in Europa, gemeinsame Politik einer zu stärkenden KSZE und deren
Aufgabe gegenüber den Reformländern Ost-Mitteleuropas von Bedeutung gewe-
sen. Die Wichtigkeit der KSZE für gesicherte Menschenrechte und Demokratie,
Sicherheitsfragen und Wirtschaftskooperation sei betont worden.
Auf die Verzahnung all dieser Fragen zu sprechen kommend habe man fest-
gestellt, dass die Einigung bei CFE23 eine Voraussetzung für den Erfolg von 2+4,
für die sofortige Aufnahme von CFE II24 zur Beschränkung der deutschen und
17 Gemeint sind die Begegnungen zwischen Bush und Gorbatschow vom 31. Mai bis 3. Juni 1990
in Washington bzw. Camp David. Siehe Dok. 154.
18 Tatsächlich fand das zweite Ministerreffen der 2+4-Gespräche am 22. Juni 1990 in Ost-Berlin
statt. Siehe Dok. 157.
19 Das dritte Ministerreffen der 2+4-Gespräche fand am 17. Juli 1990 in Paris statt. Siehe Dok. 166.
20 Das vierte Ministerreffen der 2+4-Gespräche fand am 12. September 1990 in Moskau statt,
siehe Dok. 170–172.
21 Die ersten 2+4-Gespräche auf Ministerebene hatten am 5. Mai 1990 in Bonn stattgefunden.
Siehe Dok. 149 und 150.
22 Am 5./6. Juli 1990 fand in London der 10. NATO-Gipfel statt. Das Gipfeltreffen war von gro-
ßer Bedeutung, als die Sowjetunion im Vorhinein deutlich machte, dass ihre Position zu einem
vereinten Deutschland in der NATO stark von den Ergebnissen des Treffens abhängen werde.
Der Gipfel endete mit der Veröffentlichung der Erklärung „Die Nordatlantische Allianz im
Wandel“. Siehe dazu Dok. 159.
23 CFE = Conventional Armed Forces in Europe. Seit 6. März 1989 wurde in Wien im KSZE-
Rahmen zwischen Vertretern des Warschauer Pakts und der NATO über eine Reduzierung
konventioneller Streitkräfte in Europa (KSE) verhandelt. Der KSE-Vertrag wurde am 19. No-
vember 1990 am Pariser KSZE-Gipfel unterzeichnet. Siehe dazu bereits Dok. 20, Anm. 10.
24 Die geplanten KSE II-Verhandlungen fanden nicht mehr statt. Stattdessen kam es zu KSE
1a-Folgeverhandlungen die bereits am 29. November 1990 begannen und zur Festlegung von
Personalobergrenzen für die Streitkräfte aller KSE-Staaten führten.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99