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31.5.1990: Resümeeprotokoll Gespräche Botschafter Schmid
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Dok. 153
– laufende Abrüstungsverhandlungen in Wien10
– KSZE – sowjetisches Interesse an ihrer Institutionalisierung
– Überprüfung der geltenden NATO-Strategie (5./6.7.1990 in London)11
– bilaterale deutsch-sowjetische Beziehungen insbesondere auf wirtschaftlichem
Gebiet. Dazu äußerte Dr. Kastrup Sorgen bezüglich der Verträge zwischen der
SU und der DDR (Liefer- und Abnahmeverpflichtungen; die Produktion eini-
ger DDR-Betriebe sei völlig auf die SU ausgerichtet).
Hiezu erläuterte Botschafter Dr. Schmid, daß auch die ehemaligen USIA-
Betriebe,12 deren Ablösung in Warenlieferungen erfolgte, ausschließlich auf Lie-
ferungen in den Osten ausgerichtet waren. Die seinerzeitige Ablöseregelung13
könne eventuell als Muster dienen.
Zur Frage von Botschafter Dr. Schmid nach der Integration der DDR in das
westliche Verteidigungsbündnis, was auch Auswirkungen auf die KSE-Verhand-
lungen hat, meinte Dr. Kastrup, er habe aus den Gesprächen mit dem sowjetischen
Außenministerium den Eindruck gewonnen, daß die SU flexibler geworden sei
und – unter Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen – nach Lö-
sungen suche.
Die SU habe in letzter Zeit verschiedene Vorschläge gemacht:
1. Gesamtdeutschland könne Mitglied in beiden Bündnissen sein (dies würde al-
lerdings Art. 7 des Warschauer Pakt-Vertrags widersprechen, demzufolge kein
Mitglied des Warschauer Pakts einem anderen Bündnis, das den Zielen des
Warschauer Pakts widerspricht, angehören darf).
10 Die KSZE-Staaten starteten im Frühjahr 1989 die „Wiener Gespräche“. Sie verhandelten über
Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) und über „Vertrauens- und Sicherheitsbildende
Maßnahmen“ (VSBM). Die erste KSE-Verhandlungsrunde fand am 6. März 1989 statt. Die
zweite Verhandlungsrunde begann am 5. Mai 1989 (Wien I). Siehe dazu bereits Dok. 20,
Anm. 10.
11 Siehe dazu Dok. 159.
12 USIA, russische Abkürzung für „Verwaltung des sowjetischen Vermögens in Österreich“. Die
USIA-Betriebe waren zwischen 1946 und 1955 ein Verbund von Unternehmen, die als ehe-
maliges Eigentum des Deutschen Reiches von der UdSSR beschlagnahmt wurden und unter
sowjetischer Verwaltung standen.
13 Am 27. Juli, dem Tag des Inkrafttretens des österreichischen Staatsvertrags, traten auch zwei
österreichisch-sowjetische Abkommen in Kraft, die ihren Ursprung in den österreichisch-
sowjetischen Regierungsverhandlungen vom April 1955 hatten und am 12. Juli 1955 in Mos-
kau unterzeichnet worden waren. Das erste betraf Warenlieferungen als Ablöse für das gemäß
Punkt 6 des Artikels 22 des Staatsvertrags von der Sowjetunion an Österreich übergebene Ver-
mögen (darunter die USIA-Betriebe, siehe Anm. 12) in der Höhe von 150 Millionen Dollar.
Das zweite Abkommen sah Erdöllieferungen in der Höhe von 10 Millionen Tonnen vor, die
als Ablöse für die von der Sowjetunion übergebenen Erdölunternehmungen dienten. Diese
Lieferungen wurden im Rahmen von Staatsbesuchen 1958 und 1960 reduziert, sodass im End-
effekt nur 6 Millionen Tonnen an die Sowjetunion geliefert werden mussten. Die Texte der Ab-
kommen sind veröffentlicht in: Österreichische Zeitschrift für Außenpolitik 4 (1964), S. 31–36.
Zur gesamten Durchführung siehe: ebd., S. 27–40.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99