Page - 636 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Image of the Page - 636 -
Text of the Page - 636 -
15.6.1990: Bericht Gesandter Loibl
636
Dok. 156
Dok. 156: Bericht. Deutsche Einheit und Ost-West-Beziehungen aus Bonner Sicht,
15.6.1990
Gesandter Wolfgang Loibl an BMAA, Bonn, 15. Juni 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ. 22.17.01/157-II.1/901
BRD, Deutsche Einheit und Ost-West-Beziehungen (Info)
Kanzlerberater Teltschik und an „2+4“-Gesprächen beteiligter enger persön licher
Mitarbeiter Genschers2 gaben in getrennten, ausführlichen Gesprächen folgende,
weitgehend übereinstimmende Situationsdarstellung und Beurteilung:
SU akzeptiere unbeeinflussbare Unausweichlichkeit deutscher Einheit und
dränge deshalb (weil auch Gorbatschow kein DDR-Chaos wolle)
selbst auf rasche
Klärung der inneren Aspekte. Von Ullmann3 („Bündnis 90“) – nicht der Bun-
desregierung, so Teltschik – ausgehende Initiative zu DDR-Beitrittsklärung nach
Artikel 23 GG4 noch im Juli d. J. gehe letztlich auf SU-Entkoppelung innerer
und äußerer Aspekte beim ersten „2+4“-Aussenminister-Treffen zurück.5 Da-
mit kämen gesamtdeutsche Wahlen „relativ definitiv spätestens am 13.1.1991“!6
Laufende Arbeiten am Überleitungsvertrag könnten bis September 1990 abge-
schlossen, DDR-Landtagswahlen sodann mit gesamtdeutschen Wahlen zusam-
mengelegt werden. Damit würde auch Gefahr begegnet, dass alter Apparat sich
der DDR-Regierung bemächtige, und Schuld an deren Problemlösungsunfähig-
keit der Bundesregierung zugeschoben würde.
Moskau werde sich zunehmend eigener Möglichkeiten durch deutsche Einheit
besser bewusst (Wegfall wirtschaftlicher und politischer Reibungsverluste der
Spaltung!).
Bei äußeren Aspekten gebe es für SU folgende wesentliche Interessen mit stark
psychologischem Hintergrund (Gorbatschow müsse seinem politischen Establish-
ment verdeutlichen, dass er trotz WP-Ende,7 deutscher Einheit, durch Glasnost
1 Der Bericht erging als Fernschreiben Nr. 25135 an das BMAA und war für die Sektion II, das
Generalsekretariat und das Kabinett des Ministers bestimmt. Er wurde in der Abteilung II.1 in
Bearbeitung genommen und Abteilungsleiter Gesandter Johann Plattner verfügte am 18. Juni
1990 seine Weiterleitung an die österreichischen Botschaften in Moskau, London, Paris, Wa-
shington und Berlin-Ost. Im BMAA lag er zudem den Abteilungen II.3, II.7 und II.8 vor.
Sämtliche handschriftliche Unterstreichungen und Anmerkungen erfolgten durch Plattner.
2 Es dürfte sich hierbei vermutlich um Dieter Kastrup, Leiter der Politischen Abteilung (Abtei-
lung 2) im Auswärtigen Amt, gehandelt haben. Eine eindeutige Identifizierung ist auf Grund
der vorhandenen Angaben nicht möglich.
3 Wolfgang Ullmann, Mitglied der Fraktion Bündnis 90/Grüne und Vizepräsident der letzten
Volkskammer der DDR (April – Oktober 1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
4 Sie dazu bereits Dok. 125, Anm. 3.
5 Siehe Dok. 149–150 und Dok. 152, Anm. 14.
6 Diese Aussage wurde am Seitenrand handschriftlich markiert. Siehe dazu bereits Dok. 155,
Anm. 4.
7 Als im Sommer 1990 ein Auseinanderbrechen des Warschauer Paktes möglich schien (siehe
auch Anm. 15), boten die NATO-Staaten den Mitgliedern des Warschauer Pakts
– jedoch nicht
back to the
book Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99