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15.6.1990: Bericht Gesandter Loibl
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Dok. 156
ge meinsame Erklärung o.ä. mit obigen Elementen (etwa analog „Bonner
Erklärung“,10 wonach NATO nicht als erste angreifen würde). Bonn wäre auch be-
reit, über gesamteuropäische Gewaltverzichtsvertrag nachzudenken (schon 1957
von SU in Bukarest vorgeschlagen, damals aber wegen Problem mit Anerkennung
der DDR-Grenze gescheitert. Vergleich aber auch diesbezüglichen SU-Vorschlag
bei Stockholmer KVAE).11
Über unterschiedliche Varianten deutscher NATO-Mitgliedschaft würde noch
nachgedacht, doch schien AA-Vertreter mit SU-Bewegung in Richtung „Gen-
scher-Plan“12 zu rechnen, auch wenn Entscheidung noch einige Zeit auf sich
warten lassen würde.
KSZE biete Teltschik zufolge politischen Rahmen für Verzahnung (auch sicher-
heitspolitische) Europas mit SU. KSZE-Treffen der Generalstabschefs in Wien13
habe diesbezüglich Wunder bewirkt
– auch bei Bundeswehr-Offizieren! Im Übri-
gen machte Teltschik jedoch klar, dass EG (auch im Falle einer Erweiterung)
– ent-
gegen positiven Äußerungen in der Öffentlichkeit, wonach SU zu Europa gehöre
–
zwar zu engen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit, nicht aber zur
Aufnahme der zu großen SU bereit wäre.
Moskau leidet lt. beiden Gesprächspartnern an zwei Traumata:
– Verlust aller Verbündeter (neuer SU Botschafter Terechow14 informierte von
sich aus Teltschik, dass Ungarn beim jüngsten WP-Gipfel15 Austritt für Ende
10 Anlässlich des NATO-Gipfels am 10. Juni 1982 in Bonn verabschiedeten die Staats- und Regie-
rungschefs des Bündnisses die Erklärung über den Verzicht auf den Ersteinsatz aller Waffen.
11 Die Konferenz über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in
Europa fand von 1984 bis 1986 in Stockholm statt. Am 22. September 1986 wurde das Schluß-
dokument der Konferenz über Vertrauensbildung und Abrüstung (KVAE) nach einer finalen
Verhandlungskrise mit dem vorgezogenen Datum vom 19. September von 35 Delegationen
verabschiedet. Die militärischen Aktivitäten von Landstreitkräften im Geltungsbereich der
zur KSZE gehörenden Länder, an denen mehr als 13.000 Mann oder mehr als 300 Panzer teil-
nehmen würden, sollten künftig vorher angekündigt werden, entweder in einem Jahreskalen-
der oder durch spezielle Notifizierung. Siehe Europa-Archiv 41 (1986), Z 190. Am 19. August
hatte der sowjetische Delegationsleiter Oleg A. Grinewskij erklärt, dass die östliche Seite Vor-
Ort-Inspektionen zustimmen könne, wenn sie auf ein bis zwei Inspektionen pro Jahr in jedem
Mitgliedsland beschränkt blieben. Am 29. August präsentierte Marschall Sergej F. Achrome-
jew den Vorschlag, Vor-Ort-Inspektionen aus der Luft durchzuführen, wobei das zu inspizie-
rende Land die Flugzeuge und Piloten stellen sollte. Siehe Europa-Archiv 41 (1986), Z 168. Das
Schlussdokument der KVAE sah vor, dass Inspektionen sowohl zu Land als auch aus der Luft
durchgeführt werden konnten.
12 Genscher äußerte seine Überlegungen im Zuge seines Vortrages an der Evangelischen Aka-
demie in Tutzing am 31. Jänner 1990, vgl. dazu bereits Dok. 116, Anm. 6.und Dok. 119, Anm. 11.
13 Die Generalstabschefs der KSZE-Teilnehmerstaaten waren vom 16. Jänner bis 5. Februar 1990
auf dem Wiener Seminar über Militärdoktrinen im VVSBM-Rahmen zusammengetroffen.
14 Wladislaw P. Terechow, Botschafter der UdSSR bzw. der Russländischen Föderation in
Deutschland (1990–1997), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
15 Ungarn schlug auf der Sitzung am 7. Juni 1990 in Moskau die Auflösung des Warschauer
Paktes vor, vgl. Records of the Political Consultative Committee Meeting in Moscow, June 7,
1990 (= Dokument 153), in: A Cardboard Castle?, S. 674–677.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99