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15.6.1990: Bericht Gesandter Loibl
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Dok. 156
wirtschaftsgipfel21 vorschlagen, bei den nächsten Gipfeltreffen politische und
wirtschaftliche SU-Situation sowie Wünschbarkeit und gegebenenfalls Formen
westlicher Hilfe an SU zu erörtern. Bundesregierung überlegt lt. AA-Vertretern
auch, wie Moskau an Weltwirtschaftsgipfel, GATT, G7, usw. in geeigneter Weise
herangeführt werden könne: SU wisse jedoch um ihre Bringschuld (eigenständige
Durchführung der Wirtschaftsreform), die ihr niemand abnehmen könne. West-
liche Hilfe werde daher nicht rasch einsetzen.
In diesen beiden grundlegenden Bereichen lt. AA noch keine konkreten Abma-
chungen. SU wisse, dass sie keinen Einfluss auf Tempo usw. deutsche Einheit habe
und versuche keine Junktimierung, sondern Vertrauen auf deutsches Eigenin-
teresse an langfristig guten bilateralen Beziehungen und wirtschaftliche Zusam-
menarbeit (große potentielle Absatzmarktchancen). „2+4“-Gespräche bildeten lt.
Teltschik deshalb v. a. Paravent für Moskau zur Verschleierung sich vollziehen-
der deutscher Einheit, aber auch Forum zur Erzielung „handfester Ergebnisse“
zwecks innersowjetischer Rechtfertigungen der Einheit.
Nach Teltschik würden äußere Aspekte deutscher Einheit durch friedens-
vertragliche Regelung (auch Potsdamer Abkommen22 spreche von keinem Frie-
densvertrag) in Form eines Gesamtpaketes erledigt:
1. KSZE-Institutionalisierung (einschl. Verifikationsagentur, Kriegsverhütungs-
zentrum)
2. Abrüstung: KSE-Abschluss (von Bush und Gorbatschow schriftlich verein-
bart) würde bereits Hälfte der SU-Truppen aus DDR abziehen. Unmittelbar da-
nach beginnende KSE 2 (oder „1a“) würden SU-Rückzug aus übrigem Osteuropa
bringen. SU habe demgegenüber legitimes Interesse zu wissen, wieviele Alliierte
und US-Truppen in Europa blieben und wie groß Streitkräfte Deutschlands wä-
ren (Festlegung durch Suffizienz-Regel oder Obergrenzen). SNF-Verhandlungen
könnten zwei weitere Null-Lösungen, was allerdings Sache der beiden Super-
mächte sei: Bonn befürworte SU-US-Vereinbarung über globales Konzept eines
Minimums nuklearer Abschreckung, einschließlich Regelungen für substrate-
gische Systeme (dabei bestehe allerdings US-Kongress auf „no nukes, no troops“,
wofür SU
– die Verbleib gewisser US-Präsenz in Europa wolle
– Verständnis haben
könnte). Bonn hüte sich aber, für Einbeziehung französischer und britischer Kern-
waffen (die Statussymbol dieser Länder und auch Rückversicherung gegenüber
Deutschland bedeuteten) in diese Verhandlungen einzutreten.23
21 Der Weltwirtschaftsgipfel fand vom 9. bis 11. Juli 1990 in Houston, Texas statt.
22 Siehe auch Dok. 69, Anm. 6–7.
23 Dieser Absatz wurde am Seitenrand handschriftlich markiert. Seit 6. März 1989 wurde in
Wien im KSZE-Rahmen zwischen Vertretern des Warschauer Pakts und der NATO über
eine Reduzierung konventioneller Streitkräfte in Europa (KSE) verhandelt. Der KSE-Ver-
trag wurde am 19. November 1990 am Pariser KSZE-Gipfel unterzeichnet. Siehe dazu bereits
Dok. 20, Anm. 10. Bush und Gorbatschow hatten sich bei ihrem Gipfeltreffen in Washington
1990 in einem schriftlichen Statement zur Beschleunigung des Abschlusses der KSE-Ver-
handlungen bekannt. Ebenfalls herrschte Konsens, dass darauf die geplanten KSE II-Ver-
handlungen beginnen sollten. Diese fanden aber nicht mehr statt. Stattdessen kam es zu KSE
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99