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5.7.1990: Gespräche Vranitzkys mit Mazowiecki und Jaruzelski Dok. 158
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AM Hurd sagte, dass „kein großer Durchbruch“ erzielt worden sei. Er unterstrich,
dass Großbritannien gegen einen Sonderstatus für Deutschland sei. Dies würde
nämlich bedeuten, dass es mit Sicherheit in Zukunft Probleme geben werde.
AM Meckel äußerte unter anderem, dass es nach Herstellung der deutschen
Einheit keine offenen Fragen geben dürfe. Er wiederholte den von DDR-Seite im-
mer wieder vertretenen Standpunkt, dass die legitimen Sicherheitsinteressen der
UdSSR respektiert werden müssten. Niemand in Europa dürfe bei der Neugestal-
tung der politischen Verhältnisse der Verlierer sein.
Vereinbart wurde bei dieser Runde ein Zeitplan demnach sollen die 2+4-Ge-
spräche so zeitgerecht abgeschlossen werden, dass Ergebnisse bis zu der im No-
vember stattfindenden KSZE-Gipfelkonferenz vorliegen.
Am Wochenende hatte ich Gelegenheit, mit dem Botschafter eines Warschauer
Pakt-Staates, der früher Mitglied des ZK der KP seines Landes war,3 über das
gegenständliche 2+4-Treffen zu sprechen. Dieser meinte, dass diese Gespräche
eigentlich 1+5 heißen müssten, da der sowjetische Außenminister praktisch allein
gegen die anderen auftrete. Höchstens die DDR versuche irgendwie, der sowje-
tischen Haltung Verständnis entgegenzubringen. AM Baker hingegen vertrete
offensichtlich den Standpunkt, dass nun die Gelegenheit sei, die UdSSR in die
Knie zu zwingen, wobei für ihn die deutsche Vereinigung nur ein Hilfsmittel sei.
Genscher setze naturgemäß andere Prioritäten. Die BRD sei der Meinung, dass
die heutige wirtschaftliche Lage der Sowjetunion so schlecht sei, dass man ihr
die Zustimmung zur Vereinigung einfach „abkaufen“ könne. Maßgeblich sei nur
der Preis.
Binder
Dok. 158: Gespräche Vranitzkys mit Mazowiecki und Jaruzelski in Warschau, 5.7.1990
Botschafter Gerhard Wagner an BMAA, Warschau, 13. Juli 1990, Zl. 217-RES/90, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990,
GZ 518.01.01/21-II.3/901
Resümee-Protokoll des Gesprächs des HBK mit PM Mazowiecki anläßlich seines of-
fiziellen Besuchs in Warschau (5.7.1990)
3 Der Name des Botschafters konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.
1 Botschafter Gerhard Wagner an BMAA, Warschau, 13. Juli 1990, übersandte mit dem Be-
richtstitel „Offizieller Besuch des HBK in Polen, 5. und 6.7.1990“ die hier wiedergegebenen Re-
sümee-Protokolle über die Gespräche mit Mazowiecki und Jaruzelski mit folgendem Begleit-
text: „Der offizielle Besuch des Herrn Bundeskanzlers in Polen wurde in inzwischen geführten
Gesprächen als sehr wertvoll und interessant beurteilt. PM Mazowiecki sagte beispielsweise
Klubobmann Dr. Fischer gegenüber, daß er den Herrn Bundeskanzler als Gesprächspartner
sehr geschätzt habe und diese Gespräche für ihn überaus wertvoll gewesen seien. Er bedauerte,
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Title
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Subtitle
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Editor
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 792
- Categories
- Geschichte Nach 1918
Table of contents
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99