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bis sie es zusammenscharrt und an allen Ecken und Enden
im Schweiß ihres Angesichts zusammenbettelt, das bringt
in einer attischen Nacht der schwelgerische Geist in Saus
und Braus durch, wie er einst die dicken Folianten der
Scholastiker, die auf Kosten und mit der Approbation des
päpstlichen Stuhls gedruckt worden waren, durch Carte-
sius, Bacon und andere Gedankenfürsten preiswürdigen An-
denkens — wer von uns erinnert sich nicht mit herzlichem
Vergnügen an diese schönen Universitätsjahre der neuern
Menschheit! — zum Ärger der Philisterwelt mit jugend-
lichem Mutwillen zum Fenster hinauswarf. Und was das
Schlimmste bei der Sache ist: Die Welt weiß noch bis
diese Stunde nicht, so sehr sie sich darüber den Kopf zer-
bricht, woher der Geist die Mittel zu so großem Aufwand
bekommt; denn sowenig die Welt, wie männiglich be-
kannt, von Wißbegierde gepeinigt wird, so sehr wird sie
es von der Neugierde, und namentlich der, zu wissen, wie-
viel einer täglich zu verzehren hat. Die Welt schätzt näm-
lich den Mann ganz richtig nur nach dem, was er vermag,
was er ausrichten kann. Da nun aber die WTelt, d. h. die
meisten Menschen gar keinen oder höchstens nur einen
sehr geringen Fonds an Geist und Gemüt besitzen, da das
Geld allein das Mittel ihrer Selbstbetätigung und die Quelle
ihrer Produktivität ist, so wird — ebenfalls ganz richtig —
in der Welt der Wert des Menschen nur nach dem Inhalt
seines Geldbeutels angeschlagen, die Summe seiner Geistes-
kräfte gleich der Summe seines pekuniären Vermögens an-
gesetzt, daher schon die Griechen das Sprichwort hatten:
XQ}],uar' avrjo, auf deutsch: Geld ist der Mann. Das große
Interesse aber, das die Menschen daran haben, genau und
gewissenhaft ihre Kräfte gegenseitig zu berechnen und
zu taxieren, kommt von dem Gefühl ihres eignen Un-
vermögens her, von ihrem Mißtrauen gegeneinander und
von dem Neide, den einer gegen den andern hat, wenn er
ein bißchen mehr hat oder es ihm auch nur an Aufwand zu-
vortut. Wenn einer dem andern in den Geldbeutel gesehen
hat, so hat er ihn gewissermaßen in seinem Neglige über-
rascht, wo er sich überzeugen kann, ob die Rolle, die er
in der Welt spielt, einen reellen Grund hat oder bloßer
Wind ist; er hat jetzt den rätselhaften Knoten seines
Lebens, der ihm vorher ein störender dunkler Schmutz-
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Ludwig Feuerbach
Gesammlte Werke, Volume 1
(Gemeinfreie Teile)
- Title
- Ludwig Feuerbach
- Subtitle
- Gesammlte Werke
- Volume
- 1
- Editor
- Werner Schuffenhauer
- Publisher
- AKADEMIE-VERLAG BERLIN
- Date
- 1981
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 11.6 x 17.8 cm
- Pages
- 468
- Category
- Geisteswissenschaften