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Vom Gesicht und Räthsel
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Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde, dass Zarathustra auf dem
Schiffe sei, – denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen, der
von den glückseligen Inseln kam – da entstand eine grosse Neugierde und
Erwartung. Aber Zarathustra schwieg zwei Tage und war kalt und taub vor
Traurigkeit, also, dass er weder auf Blicke noch auf Fragen antwortete. Am
Abende aber des zweiten Tages that er seine Ohren wieder auf, ob er gleich
noch schwieg: denn es gab viel Seltsames und Gefährliches auf diesem
Schiffe anzuhören, welches weither kam und noch weiterhin wollte.
Zarathustra aber war ein Freund aller Solchen, die weite Reisen thun und
nicht ohne Gefahr leben mögen. Und siehe! zuletzt wurde ihm im Zuhören die
eigne Zunge gelöst, und das Eis seines Herzens brach: – da begann er also zu
reden:
Euch, den kĂĽhnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen Segeln
auf furchtbare Meere einschiffte, –
euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit
Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:
– denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und, wo
ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zuerschliessen –
euch allein erzähle ich das Räthsel, das ich sah, – das Gesicht des
Einsamsten. –
Düster gieng ich jüngst durch leichenfarbne Dämmerung, – düster und hart,
mit gepressten Lippen. Nicht nur Eine Sonne war mir untergegangen.
Ein Pfad, der trotzig durch Geröll stieg, ein boshafter, einsamer, dem nicht
Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Bergpfad knirschte unter dem Trotz
meines Fusses.
Stumm über höhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein
zertretend, der ihn gleiten liess: also zwang mein Fuss sich aufwärts.
Aufwärts: – dem Geiste zum Trotz, der ihn abwärts zog, abgrundwärts zog,
dem Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.
Aufwärts: – obwohl er auf mir sass, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm;
lähmend; Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn träufelnd.
»Oh Zarathustra, raunte er höhnisch Silb’ um Silbe, du Stein der Weisheit!
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Buch Also sprach Zarathustra"
Also sprach Zarathustra
- Titel
- Also sprach Zarathustra
- Autor
- Friedrich Wilhelm Nietzsche
- Datum
- 1885
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.0 cm
- Seiten
- 354
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Zarathustras Vorrede 2
- Teil 1 - Die Reden Zarathustras 19
- Von den drei Verwandlungen 20
- Von den LehrstĂĽhlen der Tugend 22
- Von den Hinterweltlern 25
- Von den Verächtern des Leibes 28
- Von den Freuden- und Leidenschaften 30
- Vom bleichen Verbrecher 32
- Vom Lesen und Schreiben 34
- Vom Baum am Berge 36
- Von den Predigern des Todes 39
- Vom Krieg und Kriegsvolke 41
- Vom neuen Götzen 43
- Von den Fliegen des Marktes 46
- Von der Keuschheit 49
- Vom Freunde 51
- Von tausend und Einem Ziele 53
- Von der Nächstenliebe 55
- Vom Wege des Schaffenden 57
- Von alten und jungen Weiblein 60
- Vom Biss der Natter 63
- Von Kind und Ehe 65
- Vom freien Tode 67
- Von der schenkenden Tugend 70
- Teil 2 - Also sprach Zarathustra 75
- Das Kind mit dem Spiegel 77
- Auf den glĂĽckseligen Inseln 80
- Von den Mitleidigen 83
- Von den Priestern 86
- Von den Tugendhaften 89
- Vom Gesindel 92
- Von den Taranteln 95
- Von den berĂĽhmten Weisen 98
- Das Nachtlied 101
- Das Tanzlied 103
- Das Grablied 106
- Von der Selbst-Ueberwindung 109
- Von den Erhabenen 112
- Vom Lande der Bildung 115
- Von der unbefleckten Erkenntniss 118
- Von den Gelehrten 121
- Von den Dichtern 123
- Von grossen Ereignissen 126
- Der Wahrsager 130
- Von der Erlösung 134
- Von der Menschen-Klugheit 139
- Die stillste Stunde 142
- Teil 3 - Also sprach Zarathustra 145
- Der Wanderer 147
- Vom Gesicht und Räthsel 150
- Von der Seligkeit wider Willen 155
- Vor Sonnen-Aufgang 158
- Von der verkleinernden Tugend 161
- Auf dem Oelberge 167
- Vom VorĂĽbergehen 170
- Von den AbtrĂĽnnigen 173
- Die Heimkehr 178
- Von den drei Bösen 182
- Vom Geist der Schwere 187
- Von alten und neuen Tafeln 191
- Der Genesende 222
- Von der groĂźen Sehnsucht 228
- Das andere Tanzlied 231
- Die sieben Siegel 236
- Teil 4 - Also sprach Zarathustra 243
- Das Honig-Opfer 245
- Der Notschrei 248
- Gespräch mit den Königen 251
- Der Blutegel 256
- Der Zauberer 259
- AuĂźer Dienst 267
- Der häßlichste Mensch 271
- Der freiwillige Bettler 276
- Der Schatten 280
- Mittags 283
- Die BegrĂĽĂźung 286
- Das Abendmahl 291
- Vom höheren Menschen 293
- Das Lied der Schwermut 313
- Von der Wissenschaft 319
- Unter Töchtern der Wüste 322
- Die Erweckung 330
- Das Eselsfest 334
- Das trunkne Lied 339
- Das Zeichen 352