unbekannter Gast

Am liebsten frisst die Ziege den Speik...#

Die Ziege ist zweifellos das intelligenteste und auch nützlichste Haustier, wenn man es richtig einsetzt. Beachtet muß werden, daß sie der größte Waldfeind ist, weil sie aufwachsende Jungkulturen aller Baumarten auffrißt und vernichtet. Andererseits verwertet sie Almpflanzen, die kein anderes Tier zu sich nimmt; sogar die eine oder andere für Rind und Schaf giftige Pflanze kann die Ziege ohne Gefahr zu sich nehmen. Im Verhältnis zum Körpergewicht und zur Futteraufnahme liefert eine Ziege dreimal so viel Milch wie eine Kuh. Die Ziege verwertet das Isländische Moos (Graupen) sowie alle möglichen anderen Flechten; auch die bekannte Bartflechte, die im obersten Waldsaum wie Schleier von den Ästen hängt, ist ein beliebtes Ziegenfutter. Alle nur denkbaren Krauter werden von der Ziege aufgenommen. Am liebsten frißt sie den Speik, wobei eigenartigerweise die Milch nicht nach Speik riecht. Wenn Ziegen aber Wacholder fressen, merkt man dies beim Milchgenuß.

An die Heilwirkung der Ziegenböcke im Stall glauben viele. Dies gilt besonders auch für Rauschbrandschäden (Tierseuche) auf den Almen, und so ist es sogar heute noch üblich, daß man einen Ziegenbock gegen „Unreim" (Krankheit) im Stall hält.

Übrigens weiß man, daß gehörnte Ziegen im Gebirge gegen Witterungsextreme, besonders Kälte, weniger empfindlich sind als ungehörnte.

Die Bauern schätzen die Gemsfarbe der gealpten Ziegen nicht besonders, da solche Tiere, wenn die Alpe gegen Herbst zu rötlich wird, kaum noch zu sehen sind; man gibt daher mindestens immer eine gescheckte zur Herde. Gegen Regenwetter ist die Ziege sehr empfindlich, sie hat auch einen sicheren Wetterinstinkt. Wenn schlechte Witterung eintritt, steigt sie ins Tal ab, um von da wieder rechtzeitig aufzusteigen. Die Almbauern sagen mit Recht, sie „riecht" das Wetter.

Die Ziege ist die futterdankbare „Kuh des kleinen Mannes" im wahren Sinne des Wortes - zwei dieser Tierchen vermögen eine ganze Familie mit Milch zu versorgen.

Ziegenkäse ist besonders schmackhaft, er wird nur leider bei uns spärlich in den Handel gebracht, weil viel zu wenig Ziegen gehalten werden. Auf manchen Almen gibt man der Kuhmilch etwas Ziegenmilch bei, weil der Käse dadurch schmackhafter wird.

In der Schweiz kommt ein Teil der Alpgeißen jeden Abend heim ins Dorf, um von dort jeden Morgen wieder den langen Aufstieg zur Alpe zu machen. Die Ziege ist an sich schutzbedürftiger als das Schaf, daher darf man sie nicht auf so rauhen Alpen weiden lassen wie die Schafe.

Von forstlicher Seite wurde der Ziege immer wieder der Krieg erklärt - teilweise zu Recht. Man nannte sie seinerzeit die „Brigantin der Gebirge". Schon vor hundert Jahren wurden gegen sie Schriften mit folgendem Titel verfaßt: „Das Verderblichste für den Wald ist die Geißenweide". Selbstverständlich muß wegen des offenkundigen Waldschadens, den die Ziege infolge ihrer beispiellosen Begierde und Naschhaftigkeit anrichtet, mit Recht das Hüten der Ziegen verlangt werden.

In früheren Zeiten war es gar nicht selten üblich, daß alle Kühe eines Bauernhofes während des Sommers auf der Alm waren, während einige Ziegen im Tal zurückblieben, um die Familie des Bauern mit Milch zu versorgen.

Übrigens: Beim Zweikampf stellen sich Ziegenböcke auf die Hinterbeine, um im Herabfallen die Köpfe gegeneinander zu stoßen. Schafböcke hingegen stoßen mit blitzschnellem Anlauf die Köpfe in waagrechter Richtung nach Art eines Rammbockes zusammen.




Bilder und Text stammen aus dem Buch: "Die schönsten Almen Österreichs: Brauchtum & Natur - Erwandert und erlebt", H. und W. Senft, Leopold Stocker Verlag, 2009.