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9 Spiritualität

Vorbemerkung

Esoterik, Spiritualität, Meditation sind für Kurt Reg-schek vertraute Begriffe. Wie jeder wahre Künstler, schöpfte er aus vielen Quellen - geistigen wie körperlichen, religiösen wie laizistischen, esoterischen wie rational-aufklärerischen. Bei Kurt Reg-schek fließt altägyptisches und indianisches, maurerisches und alchemistisches, buddhistisches und schamanisches, maurisches und christliches, freu-dianisches und darwinistisches, surrealistisches und kubistisches Gedankengut ohne gegenseitige Störung ineinander. In vielen Fällen werden archaische Zeichen (»Ursymbole«) angesprochen, benutzt und dargestellt. Gelegentlich sind Aussagen verschlüsselt, meist aber setzt der Künstler Symbole so ein, dass ihre Bedeutung dem dafür empfänglichen Betrachter zugänglich wird. Damit wird Geheimnisvolles nachvollziehbar, ohne dass der teilweise arkane Charakter der Symbolwelt des Malers völlig verloren geht.

Lassen wir den Künstler zunächst selbst zu den Begriffen Spiritualität und Esoterik sprechen.

»Was ist denn Esoterik wirklich? Sie ist nicht das, als was sie verkauft wird, in der Trivial-Esoterik, so mit Pyramiden oder mit Federn am Hut - das ist sie alles nicht. Das ist nur ein Vorwand für ein Geschäft. Es gab etwa vor zehn Jahren einen ungeheuren Esoterik-Boom; man konnte auf Buchmessen nichts anderes mehr sehen als Esoterik-Bücher. Das ist für einen Esoteriker gar nicht angenehm, wenn so viel Schindluder damit getrieben wird. Man muss sich fragen, was das Wesen der Esoterik ist. Man kann Esoterik mit dem Bild einer Matrix erklären: das Entscheidende sind die Schnittpunkte der Waagrechten mit den Senkrechten. So ist die Wissenschaftlichkeit, sind die wissenschaftlich beweisbaren Dinge alle waagrecht. An der Universität werden nur waagrechte Dinge gelehrt, z.B. Medizin mit ihren Unterabteilungen von der Psychiatrie bis zur Anatomie. Was aber wären die Entsprechungen in der Senkrechten? In der Mineralogie ist es ganz einfach, da ist es der Diamant. Mit den Waagrechten kennen wir uns sehr gut aus, da können wir spazieren gehen von rechts nach links und umgekehrt, aber mit den Senkrechten haben wir große Schwierigkeiten. Z.B. bei den Vögeln ist es der Adler, selbstverständlich, bei den Tieren der Löwe etc.«

Peter Diem: »Verstehe ich richtig, dass du für jede Disziplin einen archetypischen oder symbolischen Schnittpunkt suchst?«

Kurt Regschek:

»Nicht ich, sondern ES. Das ist das Prinzip der Esoterik. Man müsste es halt studieren; ich habe es nicht geschafft, das Thema ganz zu studieren, aber ich habe hineingerochen. C. G. Jung hat sich sehr mit diesen Dingen beschäftigt...

Es gibt ein senkrechtes Weltbild: alles was nicht zu zählen, messen, wiegen und in einem Laborversuch zu wiederholen ist, ist Esoterik.

Ein schönes Beispiel ist die Astrologie. Sie ist uresoterisch; sie arbeitet zwar durchaus mit realen Dingen, mit den Sternen und ihren Bahnen, aber Ausdeutung und Beweisführungen sind esoterisch. Jeder Mensch, der sagt, ich bin kein Esoteriker, verzichtet auf die Hälfte der ganzen Wahrheit. Genau wie wenn jemand sagte, ich brauche die Realität nicht - wir sind aber doch dauernd mit ihr konfrontiert; wir sind aber genauso dauernd mit der Esoterik konfrontiert, nur wollen wir sie nicht wahrhaben und nehmen sie auch nicht wahr. Man sieht die Folgen z.B. in der Medizin. Entweder es gibt eine Ganzheitsmedizin oder es gibt ein Spezialistentum, das sind die, die noch ein paar Linien einziehen, aber nicht sehen, wie die Phänomene zusammenhängen. Dadurch weiß z.B. ein Zahnarzt nach 15 Jahren Zahnarztpraxis überhaupt nichts mehr von seinem Medizinstudium.«

Peter Diem: »Wenn man das für wahr ansieht, dann kommt das wohl ganz automatisch in die Kunst hinein.«

Kurt Regschek:

»Selbstverständlich. Die Kunst selber ist esoterisch. Jeder Versuch, nicht esoterisch zu sein, geht an der Sache vorbei, genau so wie in der Medizin, in der Technik u.s.w., aber in der Kunst besonders, weil sie eben vom Ansatz her nicht durchschaubar ist. Du kannst nicht sagen, was Kunst ist. Niemand hat je sagen können, was Kunst ist.«

Triptichon gesamt
Triptichon gesamt (1960)
Triptychon
Mittelteil aus dem Triptychon (1960), Mischtechnik auf Blattgold auf Holz, Gesamtmaß des Triptychons: 31x58, PB

Theologische Reflexion

Monika Bugs: Dein »Triptychon« ist eine Bildform der religiösen Kunst: Christus und Gottvater, der sich aus einem Vogel entwickelt.

»Ich habe Dir gestern einen Gnadenstuhl gezeigt: Gottvater, Heiliger Geist und Gottsohn. Das hier ist umgedreht. Ich habe Christus nach oben gesetzt«.

In Kenntnis der mittelalterlichen Darstellungen, auf denen der meist auf einem Thron sitzende Gottvater dem Betrachter seinen gekreuzigten Sohn Jesus Christus vorstellt, hat Kurt Regschek in einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema »Dreifaltigkeit« einen sehr eigenständigen Weg gewählt. Auf einem sehr kräftigen Vogelkörper - Taube, Adler oder beides - sitzt der Kopf Gott Vaters in der gängigen anthropomorphen Darstellung: alter Mann mit Vollbart. Der Blick ist leicht zur Seite gewendet, so als würde Gott die gesamte Schöpfung überschauen. Der Gesichtsausdruck hat die Milde des Alters, daneben aber den Anflug eines zufriedenen Lächelns. So als würde Gott sagen wollen: was ich eben jetzt tat, ist, wie alles, was ich tat, gut getan. Und was hat Gott eben getan? Er ließ Christus aus seinem Haupt hervorgehen. Nicht erst den irdische Gestalt annehmenden Jesus, sondern gleich den vollendeten Christus, dargestellt durch das dornengekrönte Haupt des Schmerzensmannes. Im Gegensatz zum Vater ist der Blick des Gottessohnes auf den Betrachter gerichtet, der Mund ist leicht geöffnet - vielleicht um anzudeuten, dass Jesus zu allererst Rabbi - Lehrer - Prediger - war. Das Antlitz Jesu ist nicht schmerzverzerrt, trotz der stilisierten (»überspitzten«) Dornenkrone wirkt es eher entspannt, so als wäre ihr Träger schon wieder am Wege zum Vater. Wir haben es hier mit der großen Kunst Regscheks zu tun, zeitlich Verschiedenes synchron, und elementare Prozesse mit einfachen Symbolen darzustellen.

»Ich glaube an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender, der vom Vater und vom Sohne ausgeht ...« - weder das berühmte »Filioque« (die Lehrmeinung der römisch-katholischen Kirche), noch die These, dass der Geist allein vom Vater ausgeht (der Glaube der Orthodoxie), wird in diesem Bild aufgegriffen. Vielmehr scheint Regschek einer dritten Meinung zuzuneigen: er gibt dem Heiligen Geist insofern Priorität, als er Gott Vater auf dessen Schwingen ruhen lässt, während dieser wiederum seinen Sohn Jesus Christus durch mystische Kopfgeburt in die Welt setzt. Diese Prioritätenreihung würde sich ergeben, wenn man das Bild von unten nach oben liest. Man kann aus dem Gemälde aber genau so gut eine Priorität für den die Spitze der Trias bildenden Jesus herauslesen, was für eine betont christozentrische Glaubensauffassung des Künstlers spräche. Umgekehrt lässt das Bild keinerlei Zweifel an der Einheit der drei Personen Gottes. An dieser Stelle sei betont, dass der evangelisch getaufte Maler Zeit seines Lebens aus vielen Glaubensrichtungen schöpfte und dass religiöse Toleranz eines seiner wichtigsten Lebensgrundsätze war. Das Mittelbild des Triptychons wird zu seiner Rechten von der »Madonna mit dem Nagel«, zu seiner Linken von »Johannes dem Täufer« beseitet.

Es ist oben wie unten
Es ist oben wie unten (1965), Mischtechnik auf Hartfaser, 35x25, PB

Das esoterische Grundgesetz

Was will uns die belehrend gestikulierende Menschenfigur vor königsblauem Hintergrund mitteilen? Dem Bildtitel nach will die einem Narren oder Harlekin ähnliche Gestalt, die mit gegrätschten Beinen fest auf dem Boden steht, offenbar dartun, dass zwischen den zwei - von drachenähnlichen Wesen bewohnten - Sphären wenig oder gar kein Unterschied besteht. Hier fehlt die bei Kurt Regschek oft so kunstvoll gearbeitete Übergangszone - sowohl farblich wie auch im Motiv. Allerdings bildet die Mitte der Gestalt auch die Mitte des Bildes - so bildet die Figur selbst den Übergang zwischen den Sphären. Die Linke weist einfach nach unten, die Rechte mit etwas höherer Aussagekraft (Daumen + Zeigefinger gestreckt) nach oben. Vielleicht liegt die Bedeutung dieser Darstellung tatsächlich nur darin, dass das, was uns oft als großer Unterschied vorkommt, in Wirklichkeit keiner ist, dass es »g'hupft wie g'sprungen« ist, wie man eine Sache angeht. Die Lebenserfahrung lehrt ja, dass alle Dinge - wie Medaillen - zwei Seiten haben und man nur bei Betrachtung beider der Wahrheit auf die Spur kommt. Jedenfalls aber erinnern der Bildtitel und die Gestik im Bild an den Einleitungssatz der Tabula Smaragdina, des Grunddokuments der Alchemie, der da lautet: »Wahr, wahr, ohne Zweifel und gewiss: >das Untere gleicht dem Oberen, und das Obere dem Unteren, zur Vollendung der Wunder des Einen<.«

Buchstabe
Das Motiv erinnert - sicher nicht ohne Absicht - an das Aleph, den ersten Buchstaben des phönizischen und des hebräischen Alphabets:

Weisheit des Ostens

Der Begriff »Buddha« stammt aus dem Sanskrit und bedeutet soviel wie »Erleuchteter«. Ein Buddha ist ein Wesen, welches aus eigener Kraft die Vollkommenheit des Geistes und somit die volle Entfaltung aller seiner Potentiale erlangt hat: vollkommene Weisheit und unendliches Mitgefühl. Der historische Buddha Siddhattha Gotama wurde um das Jahr 560 v.Chr. in Nordindien geboren. Mit 29 Jahren verließ er seine Familie, um Wanderasket zu werden. Durch langjährige Meditation entdeckte er den Weg, das menschliche Leiden zu beenden und ins Nirwana einzugehen. Seine Lehre nennt man den »Edlen achtfachen Heilweg«.

Buddha
Buddha (1974), Aquqarell und Bleistift, 18x25, PB
Siddhattha Gotama starb 483 v. Chr. Die künstlerischen Buddha-Darstellungen - rundlicher Körperbau, voll-lippiges Antlitz - beziehen sich nicht auf den asketischen Religionsgründer selbst, sondern wollen durch Meditation erreichte Vergeistigung und Vollkommenheit signalisieren, was Regschek durch Mehrfachkonturen und fließende Linien noch zu verstärken versteht.

Kurt Regschek löst in diesem Bild, die typischen Gesichtszüge des Buddha so auf, dass durch Meditation erreichte Vergeistigung und der Übergang in den Zustand einer schwerelosen Existenz zum Ausdruck kommen.

Erleuchtung
Erleuchtung (1975), Grisaille, 61x48, PB

»Der Erleuchtung ist es vollkommen egal, auf welchem Weg der Mensch sie erreicht«

(Kurt Regschek)

Der Gegenstand dieser Grauzeichnung ist das Zusammenspiel der sieben Chakren, die sich von unten, dem Wurzel-Chakra, aufbauen und oben, im Kronen-Chakra, enden. Erleuchtung wird zunächst als ein sich von unten nach oben entwickelnder Vorgang verstanden, der im Bereich des Organischen/Emotionalen - dargestellt durch Blutgefäße und Knochen - explosionsartig einsetzt (Licht- oder Energieblitz) und im Bereich des Geistigen/Rationalen - ausgedrückt durch die den Kopf in Wolkenform umhüllenden spirituelle Energie - endet. Wir haben es hier wieder mit der gekonnten Darstellung des Überganges zwischen zwei gegensätzlichen Sphären zu tun. Die Übergangszone, wie gewohnt in der Bildmitte, liegt unter dem Herz-Chakra. Erleuchtung ist einerseits ein Prozess (Bewusstwer-dung) und andererseits dessen positives Resultat (Orientierung). Dieses wird symbolisiert durch die scharfen, einander an der Nasenwurzel rechtwinkelig kreuzenden Linien, wovon die horizontale durch die Pupillen verläuft (= klares Gesichtsfeld, praktisches Erfassen), während die vertikale den Kopf in zwei symmetrische Hälften teilt (das bedeutet klares Denken, geistiges Erkennen). Ist das Bild allein schon durch seine beiden gegensätzlichen Hälften als Abbildung eines seelischen Veränderungsprozesses interpretierbar, drückt erst das durch seine Licht-Schatten-Verteilung plastisch wirkende »Fadenkreuz« den erfolgreich abgeschlossenen Prozess der Erleuchtung aus. Die strenge Geometrie und Symmetrie dieses Linienkreuzes, zusammen mit den als Kraftpunkte gestalteten Enden, sind Symbole dafür, dass ein angestrebtes Ziel auch erreicht wurde: ein stabiler seelisch-geistiger Zustand mit hochentwickelter Weltsicht.

Meditation
Meditation (1976), Mischtechnik auf Holz, 27x36, PB

Reiner Geist

Meditation ist eine Konzentrationsübung mit dem Zweck, einen höheren Bewusstseinszustand oder letztlich sogar den Zustand der Erleuchtung zu erreichen. Um Erleuchtung geht es auch in diesem Bild. Ein nach vielen Richtungen ausstrahlender, tagheller Lichtfleck ersetzt den Kopf der Figur. Diese, in einfaches rotes Gewand gekleidet, verharrt im Lotussitz, hat aber die Arme nicht »empfangend« zur Seite ausgebreitet, sondern streckt sie mit gefalteten Händen gerade nach unten durch - ein Indiz dafür, dass der erwünschte seelische Zustand bereits eingetreten ist und »festgehalten« werden soll. Der Raum, der die meditierende Person umgibt, ist auf das Einfachste reduziert: ein braungrüner Boden und eine hellbraune Wand mit roter, teppichartiger Fläche, Symbole spartanischer Einrichtung - ein seltenes Beispiel für totale Abstraktion bei Kurt Regschek - hier natürlich bewusst gewählt, um auszudrücken, dass die Welt rundum keinerlei Rolle mehr spielt, weil sich die meditierende Person völlig in ihr Inneres zurückgezogen hat.

Kurt Regschek:

»Die Person in diesem Bild meditiert so lange, bis sie ihre Struktur verliert und reiner Geist wird.«

Der Große Richter
Der Große Richter (1975), Mischtechnik auf Leinen, 100x75, PB

Weisheit und Gerechtigkeit

Wie in vielen seiner Werke setzt Regschek auch in diesem Bild das Hauptmotiv über eine menschenleere Landschaft - in ätherischer Transparenz schwebt die Gestalt eines weisen Weltenrichters von rechts unten in die Bildmitte. Während die Gerechtigkeit durch einen Strahlenfächer symbolisiert wird, der aus einer der goldfunkelnden Waagschalen hervorbricht, geht die Weisheit als Strahlenkranz von einem geschliffenen Smaragd an der Stirn der Richtergestalt aus - das uns schon bekannte »dritte Auge«. Der Talar ist um Hals und Schultern mit Spitzen besetzt - ein im Vergleich zum sonst üblichen Hermelin »luftigeres« Symbol richterlicher Würde, das sich außerdem nach hinten in einen Wolkenkranz verwandelt. Der Ausdruck der Augen bleibt wie beim Vorbild dieser Darstellung, dem »Großen Magier« aus dem Jahr 1959, außerirdischrätselhaft. Dieses Bild erzielte den wahrscheinlich höchsten Verkaufspreis aller Werke des Künstlers.

Evolution
Evolution (1978), Mischtechnik auf Leinwand auf Hartfaser, 65x50, PB

Viele Stufen der Entwicklung

Die Interpretation dieses vier tierische und ein menschliches Wesen in abgestufter Entwicklung enthaltende, mit reichem Pflanzenwerk verzierte Bild, in dessen fernem Hintergrund eine Stadtsilhouette sichtbar wird, ist nicht allzu schwierig. Vom einfachen Kriechtier (Evas Schlange?) über die vierfüßige Eidechse und den bereits hochentwickelten Vogel bis zum Damhirsch reicht die Evolution der Tier- und Pflanzenwelt. Am Ende steht die Menschin, mit der einen Körperhälfte sich noch aus einem Baumstamm vexierbildhaft entwickelnd, mit der anderen bereits wieder absterbend, zur Erde zurückkehrend. Der Übergang ins Geistige (der am Ende dennoch wieder einen Übergang ins Pflanzliche, Irdische in sich trägt) wird allein durch das ernste Antlitz und das un/über-natürlich emporstrebende »flammend-geflochtene« Haupthaar ausgedrückt. Infolge seiner Position und Farbgebung stellt dasselbe jedoch einen prominenten Blickpunkt dar. Auch der Baumstumpf rechts unten und das dichte Blätterwerk links oben können als Gegensätze zwischen Leben und Tod aufgefasst werden. Oben und unten, Geist und Materie, Leben und Tod, Entwicklung und Vollendung bilden ja oft anzutreffende »Dualsysteme« - »Einheiten in Gegensätzen« - im bildlichen Werk von Kurt Regschek.

Der Künstler erwähnte einmal, dass ihn die pflanzlichen Formen zu Füßen des berühmten Bamberger Reiters zu diesem Bild angeregt hätten. Über dem Reiter findet sich eine Darstellung der Stadt Gottes - bei Regschek ist diese ebenfalls im Hintergrund sichtbar.

Hermes Trismegistos
Hermes Trismegistos (1990), Öl auf Leinwand, 100x75, PB

Die Weisheit des alten Ägypten

Die Kunstfigur des Hermes Trismegistos (der »dreimal weise« Hermes) wird in der Alchemie aus dem Götterboten Hermes und einem sagenhaften Pharao gebildet, der den Ägyptern in über 30.000 Büchern sämtliche Kenntnisse über natürliche und übernatürliche Dinge beigebracht haben soll, darunter die Hieroglyphenschrift. Er galt den Alchemisten als ihr »Moses«, der ihnen die göttlichen Gebote ihrer Kunst auf der »Smaragdtafel« überlieferte. Hat man sich in die Grundzüge der Alchemie ein wenig eingelesen, fällt die Interpretation dieses Bildes nicht schwer.

Auf dem sandig-felsigen Wüstenboden Ägyptens steht prophetisch Hermes Trismegistos im von der Schlage gebildeten Uroboros-Ring, dem Sinnbild ewiger Wiederkehr und der zyklisch verlaufenden Prozesse der Alchemie. Hinter ihm schwebt die der Steintafel des Propheten Moses nachempfundene »Tabula Smaragdina« mit zahlreichen Inschriften, den zwölf Thesen der Alchemie. Smaragdgrün dominiert den Mittelteil des Bildes, um in interessante, bis ins Schwarz reichende Himmelsfärbungen überzuleiten. Die Hände des Propheten drücken durch ihre Haltung das mystische Gesetz der Einheit von Unten und Oben aus. Das smaragdgrüne, in kunstvolle Falten gelegte Kleid wird durch einen in herrschaftlichem Purpurrot gehaltenen Umhang ergänzt. Besonders auffällig ist die durch die Arme und zwei Yin-Yang-Symbole betonte Diagonale, die eine starke Dynamik bewirkt. Ruhender, magischer Pol ist das - wie üblich als Edelstein ausgebildete - »Dritte Auge«, das Symbol des Überblicks und der Weisheit, vor dem angedeuteten Kopfschmuck eines Hohen Priesters. Kurt Regschek gelingt es mit dieser Darstellung, bildliche Elemente der Archetypen Pharao, Moses und Hermes so zu verknüpfen, dass eine differenzierte Prophetengestalt herauskommt, die durchaus auch jesuanische Züge trägt.

Monika Bugs: Was sind Symbole für Dich? In dem Bild »Hermes Trismegistos« erkennt man u. a. Yin und Yang.

»Hermes Trismegistos war ein seltsamer Mensch, der vielleicht überhaupt nicht gelebt hat, sondern eine Fiktion ist. Er war Grieche, kein Ägypter, aber ein ägyptischer Hohepriester. Die Tafel ist die Tabula Smaragdina, das einzige, was ihn überlebt hat. Viele seiner Schriften sind verbrannt bei dem großen Brand der alexandrinischen Bibliothek. Ein paar Seiten sind geblieben, die hat man rekonstruiert, auch diese Smaragdtafel. Warum Yin und Yang? Das ist meine künstlerische Freiheit, ich habe Symbole gesucht, die das, was ich ausdrücken will, transportieren können.«

Shiva
Shiva (2000), Mischtechnik auf Leinwand, 97x97, PB

Um den heiligen Berg

In alten buddhistischen Schriften und Sanskrit-Texten wird der Berg Kailasch als »Meru« (Nabel der Welt) bezeichnet. Die 6714 m hohe Bergpyramide liegt in West-Tibet, einer mystischen Welt von zauberhafter Schönheit. In der buddhistischen Tradition ist der Kailasch das Zentrum eines von der Natur geschaffenen riesigen vollendeten Mandalas, in dem sowohl die Seen und Flüsse, als auch die anderen landschaftlichen Besonderheiten einen bestimmten Platz einnehmen. In dieser Landschaft ist für die Hindus der Sitz Shivas, der Personifikation des Absoluten, des zerstörenden und erneuernden Prinzips, das für Tod und Leben zugleich steht. Hier vermengt sich das Natürliche mit dem Wunderbaren, bis beide Unterschiede miteinander verschmelzen.

Die beschwerliche Umwanderung des Heiligen Berges unter Rezitation des kraft- und energiegeladenen Mantra »Om mani padme hum« wird »Kora« genannt. Die Kora symbolisiert den Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Der Pilgerweg ist also eine Reinigung des Geistes oder eine Meditation über Leben und Tod. Dabei verwischen sich die Religionsunterschiede, denn jeder der Pilger, die seit Jahrtausenden hierher kommen, gehört zu der großen Gemeinschaft von Wahrheitssuchern, die nach einer höheren Wirklichkeit streben.

Kurt Regschek hat für dieses Bild ein streng quadratisches Format gewählt, sicher kein Zufall, steht das gleichseitige Viereck doch für das Prinzip Vollkommenheit. Das Bild wird vom Berg beherrscht, wie dieser die Landschaft zu seinen Füßen beherrscht. Während der Fels- oder Sandboden bei vielen anderen Bildern des Künstlers in orange gehalten ist und einen zerklüfteten oder durch Menschenhand zerstörten Eindruck erweckt, ist die Landschaft hier zwar einsam und verlassen, strahlt aber Harmonie aus, was durch weichere Formen und ein freundliches Erdbraun symbolisiert wird. Verschränkt mit der schneebedeckten Steilwand des Berges erscheint die Gottheit mit androgynen Zügen. Es scheint, als hätte sich Shiva einen schneedurchfurchten Berghang als Mantel umgeworfen. Der Blick der Gottheit ist wissend und weise. Für die indische Geisteswelt stehen das die Stirn schmückende »dritte Auge« und die Ohrgehänge; auch die das Haar schmückende Mondsichel kommt aus der östlichen Mythologie und bedeutet die Herrschaft über die Zeit. Der wie zum (Segens) Gruß erhobenen Rechten entspringt ein Wasserfall. Dessen zarter blaugrüner Schleier signalisiert, dass es hier nicht nur um reinigendes Wasser, sondern auch um Leben spendende Energie, um Inspiration, ja um Erleuchtung geht.

Das Bild entstand in weitgehender Erfüllung der Wünsche seiner Auftraggeberin - Kurt Regschek hat Tibet selbst nie bereist, doch hat er ein »erotisches Fernverhältnis zu Bergen«. Sein Vater war begeisterter Bergsteiger, mit ihm hat Kurt Regschek viele Alpengipfel bestiegen.


© Bild und Texte Peter Diem und Anton Wladar