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Die Tiroler Dichterzeile#

Von Martin Kolozs#

In Wien ist es der Zentralfriedhof, wo Berühmtheiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. In Innsbruck ist es der kleine Mühlauer Gemeindefriedhof, der sozusagen hochkarätig belegt ist.

Dichterfriedhof Tirol

Am nördlichen Innufer, nur einen fünfminütigen Fußweg von der ehemaligen Talstation der alten Hungerburgbahn entfernt und nahe der unteren Waldgrenze, liegt der Innsbrucker Stadtteil Mühlau. Die Katastralgemeinde wurde 1938 eingemeindet und ist das erste der insgesamt fünf Marths-Dörfer an der alten Verbindungsstraße zwischen der Landeshauptstadt und Hall in Tirol. Der Ort, der 1288 erstmals urkundlich erwähnt wurde, ist an sich schon geschichtsträchtig, wurden hier doch Urnengrabfelder aus der Späten Bronzezeit entdeckt, die auf eine frühe Besiedlung des Gebiets hinweisen; später wurden in den hiesigen Werkstätten Harnische und ein Großteil der „Schwarzen Mander“ für die Hofkirche gefertigt. Auch danach hat der genius loci viel Wertvolles hervorgebracht, vor allem im Bereich des Kulturgeschichtlichen: Das 1910 von Ludwig von Ficker gegründete Periodikum „Der Brenner“, eine Zeitschrift für Kunst und Kultur, deren Schwerpunkte sich nach einem Jahrzehnt in Richtung der expressionistischen Literatur und danach zur Sprachphilosophie und Theologie verlagerten, hatte hier seinen Verlag und versammelte einen großen Kreis Intellektueller, u. a. Ferdinand Ebner, Gertrud von Le Fort, Theodor Haecker, Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Theodor Däubler und Rainer Maria Rilke. Einige von ihnen, aber auch viele ihrer Geschwister im Geiste, liegen heute in der Erde des Mühlauer Friedhofs.

Gottes stiller Acker#

Gegenüber der barocken Pfarrkirche und des sie umgebenden alten Gemeindefriedhofs liegt am Fuße des Scheibenbichl, bekränzt von einer mannshohen Steinmauer, der neue Mühlauer Friedhof, welcher im Volksmund salopp die Tiroler Dichterzeile genannt wird. Der Name stammt daher, dass sich hier eine auffallend hohe Anzahl letzter Ruhestätten von heimischen Schriftstellern befindet. Einige von ihnen haben über die engen Grenzen des Landes hinaus Bedeutung erlangt, andere sind heute fast vollkommen vergessen. Betritt man den idyllischen Friedhof durch das Hauptportal und geht linkerhand weiter, kommt man nach ein paar Schritten zur obersten Gräberreihe in diesem Abschnitt. Hier liegen beinahe Schulter an Schulter der Jurist und Autor Josef Georg Oberkofler (1889 – 1962), die Schriftstellerin Anna Maria Achenrainer (1909 – 1972), der Volksbildner Ignaz Zangerle (1905 – 1987), der Verleger und Essayist Ludwig von Ficker (1880 – 1967) und der berühmte Lyriker Georg Trakl (1887 – 1914). Trakl und von Ficker hat eine ausnehmend starke Freundschaft verbunden, entdeckte und förderte dieser doch den in Salzburg geborenen Dichter und veranlasste nach dessen frühem Tod, 1914, in Krakau, Galizien (heute Polen), wo er als Militärapotheker zu Beginn des Ersten Weltkriegs stationiert war, die Überführung seiner sterblichen Überreste im Jahre 1925 nach Tirol.

Grab Trakl´s

In seinem Gedicht „Am Friedhof“ beschreibt der junge Trakl kurz vor seinem Selbstmord eine Atmosphäre, deren Kraft und Eindringlichkeit auch fast hundert Jahre danach noch unverändert wirkt:

Morsch Gestein ragt schwül erwärmt.
Gelbe Weihrauchdünste schweben.
Bienen summen wirr verschwärmt
Und die Blumengitter beben.

Langsam regt sich dort ein Zug
An den sonnenstillen Mauern,
Schwindet flimmernd, wie ein Trug –
Totenlieder tief verschauern.

Lange lauscht es nach im Grün,
Lässt die Büsche heller scheinen;
Braune Mückenschwärme sprühn
Über alten Totensteinen.


Während die Grabstellen von Ficker und Trakl durch eine rechteckige Tafel bzw. ein liegendes Betonkreuz mit Bronzetafel markiert sind, rankt sich gleich einem metallenen Stammbaum der Grabschmuck von Anna Maria Achenrainer empor. An jedem Zweig dieser kunstvollen Schmiedearbeit hängt der Titel eines Werks dieser geschichtsinteressierten Heimatdichterin: Appassionata, Der zwölfblättrige Lotos, Der grüne Kristall, Die Windrose, Das geflügelte Licht, Frauenbildnisse aus Tirol, Horizonte der Hoffnung, Lob des Dunkels und des Lichts, Zeit der Sonnenuhren und Antonia van Mer. Achenrainer, in der Nachkriegszeit eine wichtige Persönlichkeit im Tiroler Kulturleben, war Mitgründerin des Innsbrucker Turmbundes, einer literarischen Gesellschaft, die noch heute existiert und tätig ist, und hat für ihre literarischen Leistungen den Österreichischen Staatspreis erhalten. Zu ebenfalls großen Ehren kam der Akademiker Ignaz Zangerle, der sich besonders durch seine vielfältigen Publikationen in der Zeitschrift „Der Brenner“ verdient gemacht hat. Vielleicht ist seine Ruhestätte deshalb auch direkt neben der Ludwig von Fickers, des Verlegers und Herausgebers dieser bedeutenden Zeitschrift, zu deren wissenschaftlicher Erforschung Zangerle 1964 das heute noch bestehende Brenner-Archiv gegründet hat.

Dichter und Denker#

Zwei Jahre zuvor, 1962, starb Josef Georg Oberkofler, der hier in Mühlau nicht nur seine letzte Ruhestätte gefunden hat, sondern nach dem auch eine Gasse am Ortsanfang benannt ist. Seine zahlreichen Werke, großteils im Stile der Heimatkunstbewegung verfasst, einer literarischen Strömung, die im Anschluss an den Naturalismus entstand und mitunter das Volks- und Brauchtum thematisierte, erlangten im gesamten deutschsprachigen Raum große Beliebtheit und führten den ehemaligen Redakteur und Verlagslektor zu Lesungen in viele deutsche Städte. Er ruht in kurzer Entfernung zu Carl Dallago (1869 – 1949) und Josef Leitgeb (1897 – 1952). Dallago, dessen Werk nicht leicht einzuordnen ist, da es sich zwischen literarischem Anspruch und philosophischer Theoriebildung bewegt, stand ebenfalls in enger Verbindung zu Ludwig von Ficker, der eigentlich für die Texte dieses schwierigen Zeitgenossen die Zeitschrift „Der Brenner“ gegründet hatte. Was als fruchtbare Zusammenarbeit begann, endete Jahre später im Streit und 1931 mit dem Bruch der intensiven Freundschaft. Sieben Jahre zuvor erschien allerdings im Brenner-Verlag Dallagos umfangreichstes Werk „Der große Unwissende“, in dem der bekennende Pazifist, Anarchist, Antifaschist und Neo-Taoist ein großes Bild seiner Weltauffassung entwarf. Bis zu seinem Lebensende 1949 steuerte Dallago zahlreiche Aufsätze für weitere deutschsprachige Zeitschriften bei, publizierte Gedichte und Lyrische Dramen und pflegte eine weit reichende Korrespondenz, u.a. mit dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Ein anderer „Brenner“-Autor war Josef Leitgeb, der im Gegensatz zu Carl Dallago der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Normen nicht den Rücken kehrte, sondern den Weg eines braven Beamten einschlug: In den frühen 1920er Jahren begann er als Volksschullehrer und stieg nach dem Zweiten Weltkrieg die Karriereleiter zum Stadtschulinspektor von Innsbruck und schließlich zum Präsidenten der hiesigen Volkshochschule hinauf. Neben seinem umfangreichen Werk und seiner Korrespondenz mit vielen Persönlichkeiten seiner Zeit, etwa mit Werner Bergengruen, Gertrud Fussenegger, Ernst Jünger und Hans Carossa, hat er sich vor allem als Übersetzer von Antoine de Saint Exupérys hervorgetan, dessen berühmtestes Buch „Der kleine Prinz“ von ihm und seiner Frau Grete in Deutsche übertragen wurde.

In memoriam#

Bald nach ihrem Tod vergessen wurden die beiden Autoren Karl Leipert (1909 – 1994) und Robert Jäckel (1918 – 1992), die ebenfalls auf dem Mühlauer Friedhof unweit voneinander bestattet liegen. Leipert war, wie auch die Inschrift auf seinem blank polierten Grabstein vermuten lässt, ein Schriftsteller mit starkem Gefallen an einer Blut-und-Boden-Ideologie. Seine Texte mit Titeln wie „Mein Heimatland ist ganz Tirol“ oder „Deutscher Zukunftstraum“ finden zu Recht heute keinen Anklang mehr und sollten mit ihrem Schöpfer zu Staub verfallen. Ganz anders sieht es hingegen mit dem Dichter Robert Jäckel aus, dessen sterbliche Überreste in einem schlichten Urnengrab ihren Ruheplatz gefunden haben. Sein schmales Œuvre besteht lediglich aus dem Gedichtband „Flügelschlag der Ewigkeit“, der 1984 im St. Michael-Verlag erschienen ist, und einigen Beiträgen in verschiedenen Lyriksammlungen. Mehr ist von ihm in akademischen Kreisen kaum bekannt. Vielleicht ändert sich das aber schon beim nächsten Spaziergang, den ein junger Germanist auf den Mühlauer Friedhof und zur Tiroler Dichterzeile macht, um das Grab Georg Trakls oder Ludwig von Fickers zu besuchen – dabei auf diesen vergessenen Schriftsteller stößt, und beschließt, ihn der Welt bekannt zu machen.


Martin Kolozs, geboren 1978, lebt als freier Schriftsteller in Innsbruck. Er hat mehrere Bücher und Theaterstücke veröffentlicht. Für die „Wiener Zeitung“ schreibt er Theaterkritiken und Essays. www.martinkolozs.at


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung vom Samstag, 18. Juli 2009