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Der berühmte Walzer ohne Donau #

Vor 150 Jahren, am 15. Februar 1867, wurde der berühmte Donauwalzer von Johann Strauß uraufgeführt. Die Donau kam im Text gar nicht vor. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 16. Februar 2017).

Von

Doris Becker-Machreich


Faschingsliedertafel im Wiener Dianabad
Dianabad. Am 15. Februar 1867 veranstaltete der Wiener Männergesang-Verein eine Faschingsliedertafel im Wiener Dianabad (Bild). Getanzt wurde zu diesem Anlass allerdings nicht – Walzer aber gab es zu hören, unter anderem zum allerersten Mal den Donauwalzer.
Foto: © Archiv Kulturverein Wiener Blut

Faschingsdienstag 1867: Den Wienerinnen und Wienern ist nicht zum Feiern zumute. Schuld daran ist die verheerende Niederlage der österreichischen Truppen bei Königgrätz ein halbes Jahr zuvor. Anstelle des traditionellen Narrenabends veranstaltet der Wiener Männergesang-Verein (WMGV) deshalb eine Faschingsliedertafel – ohne Tanz. Auf dem Programm: ein neuer Walzer von Johann Strauß. Bis kurz vor der Aufführung wurde daran gefeilt. Das ist an der Originalpartitur ersichtlich, die von Leopold Graßler, Museumswächter und Schatzhüter des Wiener Männergesang-Vereines, in Ehren gehalten wird. „Fehlt da nicht ein Fis?“ steht da zum Beispiel vermerkt. Laut Graßler ein klarer Hinweis, dass der musikalische Leiter und Dirigent des Abends, Rudolf Weinwurm, zur Sicherheit noch einmal bei Strauß nachgefragt hat, bevor er das Werk erstmals vor Publikum aufführte. „Das Ganze muss unheimlich hektisch gewesen sein“, erzählt Graßler, denn der ganze Chor, immerhin 150 Männer, habe das ja auch noch einlernen müssen.

„Wiener seid froh! – oho, wieso?“ #

Dabei hatte der WMGV den Donauwalzer schon viele Jahre davor in Auftrag gegeben. Die innige Verbindung des Männergesang- Vereines zu Strauß war bereits 1844 in den Sträußel-Sälen des Josefstadt-Theaters entstanden, wo Strauß schon in sehr jungen Jahren Konzerte gab und auch der WMGV probte. Strauß war schon damals so begeistert von den Chorsängern, dass er versprach, sollte der Verein jemals etwas von ihm brauchen, sei er jederzeit bereit! Als der Chor 1866 von Strauß endlich die Einlösung seines Versprechens einforderte, schickte der Meister die Chorstimmen und die Klavierbegleitung. Schließlich waren vier Walzer fertig, doch Strauß war nicht zufrieden: „Das kann nicht alles sein, ich mache noch einen fünften“, soll er gesagt haben. „Und den hat er dann so richtig hineingeschleudert“, erzählt Graßler. „Das sieht man auch an der Partitur, diese Schmierage. Man sieht die Streichungen, und auch der Texter hat sich nicht mehr ausgekannt.“

Texte mussten damals von der k.u.k. Polizei genehmigt werden. Kein Problem für den Vereinsdichter Josef Weyl, sollte man meinen, da dieser selbst Polizist war. Aber seine erste Version fiel durch, weil sie zu politisch war und Anstoß erregte. Die zweite entschärfte und genehmigte Version blieb immer noch ein satirischer, aber doch lustiger und zur Faschingszeit passender Text. „Wiener seid froh! – oho, wieso?“, dichtete Weyl. Doch seine Intention, damit ein bisschen Stimmung in den tristen Alltag zu bringen, soll nicht bei allen gut angekommen sein. Die Donau kam darin noch gar nicht vor. Erst 1890 verfasste Franz von Gernerth den bis heute bekannten Text „Donau so blau“.

Johann Strauß hatte an besagtem Faschingsdienstag, dem 15. Februar 1867, eine Verpflichtung bei Hof. Deshalb war er bei der Uraufführung seines wohl berühmtesten Werkes gar nicht dabei und musste das Dirigieren Rudolf Weinwurm überlassen. „Der Erfolg war überwältigend. Das Chorwerk musste trotz fortgeschrittener Stunde wiederholt werden“, notiert der WMGV. Als dagegen der erfolgsverwöhnte Strauß nach der Aufführung hörte, dass es nur eine einzige Wiederholung seines neuesten Werkes gegeben hatte, soll ihm, der an bis zu zehn Wiederholungen gewöhnt war, das doch etwas zu wenig gewesen sein.

Erschöpftes Publikum #

Einer der Gründe, warum der Walzer an diesem Abend nicht den durchschlagenden Erfolg hatte, den er später feierte, war laut Graßler die große Hitze im Ballsaal des Dianabades, der mit 400 Gästen gefüllt war. Die Programmierung des Abends war ebenfalls nicht optimal. Der Donauwalzer stand erst nach der Pause auf dem Programm des rund fünfstündigen Abends. Da waren nicht nur große Teile des Publikums bereits erschöpft. Einige Kritiker hatten die willkommene Unterbrechung für ein Abendessen genutzt und waren gar nicht mehr anwesend, weshalb der Walzer in zumindest drei wichtigen Medien keinen Niederschlag fand. Die Wiener Zeitung berichtete hingegen: „‚An der schönen blauen Donau‘, Walzer für Chor und Orchester von Johann Strauß, schlug zündend ein. Das ist aber auch ein echter, guter Strauß“. Und in der Presse stand zu lesen: „Der liebliche Walzer mit seinen einschmeichelnden Rhythmen dürfte bald zu den populärsten des fruchtbaren Tanzcomponisten gehören“. Dass der Walzer „durchgefallen“ sei, wie später immer wieder behauptet wurde, wird dadurch widerlegt und naturgemäß vom WMGV heftig bestritten. Noch eindeutigere und unbestreitbare Erfolge erlebte Strauß mit seinem Walzer im selben Jahr in Paris und London, wo er frenetisch gefeiert wurde.

Leopold Graßler hält das Faksimile der Originalpartitur des Donauwalzers in der Hand
Das Original. Leopold Graßler hält das Faksimile der Originalpartitur des Donauwalzers in der Hand. Das Original liegt im Safe. Schätzwert: mehr als eine Million Euro.
Foto: Doris Becker-Machreich

Mindestens elf Kompositionen hat der Walzerkönig dem WMGV gewidmet. Das blieb vom Verein nicht unbedankt, und er ernannte Strauß 1868 zum Ehrenmitglied, was diesen zu folgenden Zeilen veranlasste: „Nehmen Sie für diese Auszeichnung meinen tief gefühlten Dank entgegen, sowie die Versicherung, dass ich stets mit Lust und Liebe bereit sein werde, mein bescheidenes Talent dem Vereine zu Diensten zu stellen, und so oft dessen Ruf an mich ergehen wird, treu dem herrlichen Vereine in Lied und That.“

Diesem Wahlspruch des WMGV ist Ehrenmitglied Graßler selbst schon lange treu. Er ist stolz, dass der Donauwalzer dem Wiener Männergesang-Verein als Auftragswerk geschenkt wurde und „dass wir ihn aufbewahren dürfen. Darauf bin ich stolz und darauf, dass ich das hier verwalten darf: Es ist ein Schatz!“ Das Zepter übernommen hat er vom ehemaligen Chorvorstand Kurt Schuh, der war „das Geschichtsbuch des Vereins“. Nun ist Graßler es, der Geschichte und Geschichten weiterträgt.

„Wir geben den Donauwalzer nicht her!“ #

Viele wollten schon den einen oder anderen Schatz aus dem Besitz des WMGV erwerben, aber Graßler stellt klar: „Wir geben das nicht her! Und wir geben auch den Donauwalzer nicht her!“ Dass darüber überhaupt jemals diskutiert wurde, lag an der schlechten finanziellen Verfassung des Vereins vor einigen Jahren. Deshalb schlug der damalige Chorvorstand Josef Laister den Verkauf des auf rund 1 Million Euro geschätzten Donauwalzers vor. „Aber der ganze Verein hat sich gewehrt, und darum ist dann eine Stiftung gegründet worden“, erzählt Graßler. Das war 2005. „Jetzt kann er praktisch nicht mehr verkauft werden, denn da müssten alle Stiftungsmitglieder einstimmig dafür sein – und das wird nie sein!“, glaubt Graßler.

Die Auftragslage des Vereines gibt Anlass zur Hoffnung, dass nie wieder über eine Veräußerung des Schatzes nachgedacht werden muss:. „Alles Walzer, alles Strauß“ heißt es anlässlich des Jubiläumsjahres, denn: „Wir haben ja viele Widmungen von Strauß! – Und wer sollte die singen, wenn nicht wir?“

150 Jahre Donauwalzer mit Ur-Text gesungen vom Wiener Männergesang-Verein am 1. Juli 2017 in Fürstenfeld. Mehr Informationen zum WMGV, Donauwalzer und Johann Strauß: www.wmgv.at

DIE FURCHE, Donnerstag, 16. Februar 2017