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Vischer, Georg Matthäus#

* 22. 4. 1628, Wenns (Tirol)

† 13. 12. 1696, Linz (Oberösterreich)

Topograph, Geistlicher


Pfarrer in Leonstein (Oberösterreich) und Wien. Schuf im Auftrag der Stände Kartenwerke und zeichnete dafür über 1000 Ansichten von Städten, Burgen, Schlössern und Klöstern in Niederösterreich, Oberösterreich, der Steiermark, Mähren und Ungarn; vielfach deren älteste bildliche Darstellung.

Das Antlitz der Erde genau abzubilden haben die Menschen relativ spät erlernt. Das Wissen der Antike, als Claudius Ptolemäus bereits das Problem der Übertragung der Kugeloberfläche der Erde auf eine Fläche als ein eminentes Problem erkannt hatte, war verloren gegangen. Frühzeitliche Kartenbeispiele aus dem Zweistromland und von den Griechen sind jedenfalls verloren gegangen. Wenn wir uns in Erinnerung rufen, so meinte man bis weit in die Neuzeit hinein, dass die Erde eine Scheibe sei. Erst nach der Auswertung der Kenntnisse und Erfahrungen der Entdecker der frühen Neuzeit und der neuerlichen Akzeptanz der Tatsache, dass wir in einem heliozentrischen System leben, begann man Städte, Landschaften, Regionen und schließlich Kontinente kartographisch zu bearbeiten. Voraussetzung für die naturgetreue Abbildung waren auch mathematische Kenntnisse und entsprechende Instrumente, um Entfernungen trigonometrisch zu vermessen. Wie wir wissen, kannten schon die Römer sehr informative Karten. Allein die Form der Abbildung entsprach nicht der natürlichen Sicht. Sie konnten zwar exakt Distanzen in Meilen angeben - man denke nur an die aufschlußreiche Tabula Peutingeriana, eine sieben Meter lange und 38 Zentimeter breite Kopie einer römischen Straßenkarte der antiken Welt -- aber eine maßstabgerechte Darstellung gelang ihnen noch nicht.

Es war das Zusammenwirken der Entdeckungen von Mathematikern und der Wünsche der Militärs in der Neuzeit, woraus die Kartographie wesentliche Impulse bezog. In der Barockzeit wollte man Kartenwerke zwar nicht mehr geheim halten wie seinerzeit die Seekarten der Entdeckungsreisenden - die Portulane (= Seekarten) waren kostbare Kartenwerke von unglaublicher Genauigkeit -, doch die Militärs mit ihren Forderungen nach genauer Wiedergabe von Räumlichkeit und landschaftlicher Besonderheit wiesen der Entwicklung dieser Kunst den Weg. Die überwiegende Darstellungsart dieser Epoche war die Vogelperspektive, was aber noch nicht zur Spezialisierung in der Kartographie führte, sondern der Geograph versuchte möglichst alles Wissenwerte zweidimensional darzustellen. So kommt es oft zu einer Verbindung von verschiedenen Sichtweisen auf einer Karte, Landschaft und Flüsse werden aus der Vogelperspektive gezeichnet, Städte, Schlösser oder Klöster kommen in verkleinertem Maßstab als Ansicht zur Darstellung. Einen weiteren wesentlichen Fortschritt für die Kartographie bedeutete die Erfindung des Buchdrucks, die erste gedruckte Weltkarte stellte Ende des 15.Jahrhunderts Isidor von Sevilla her.

Einer der großen dieses Metiers, dessen Verdienste keineswegs gebührend gewürdigt wurden, war der Tiroler Bauernsohn Georg Matthäus Vischer, dem wir die karto- und topographische Erfassung der heutigen österreichischen Bundesländer Ober- und Niederösterreich, sowie der Steiermark in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts verdanken.

Vischer wurde am 22.April 1628 in Wenns im Pitztal (Tirol) als Sohn eines Bauern und "Kastenamtmannes" (= der für die Verwaltung des Getreidespeichers zuständige Beamte) des Zisterzienserstiftes Stams geboren. Etwa um 1635/36 starb sein Vater, die Mutter versuchte das Amt weiterzuführen, konnte aber nicht die Zufriedenheit des Stiftes erlangen. Nach Wiederverheiratung der Mutter verlor die Familie 1645 endgültig diese Pfründe. Der Sohn Georg besuchte sicherlich die Pfarrschule und anschließend die Stiftsschule, nachgewiesen ist sein Aufenthalt im Stiftsgymnasium für den Zeitraum von 1637-1639 - denn die Mutter blieb das Kostgeld schuldig. Wann er die Schule verließ, ist unbekannt. Jedenfalls ist Georg Vischer um 1643 im Raum Schwarzwald/Schwäbische Alb unterwegs, wo er sich der Einheit des Reitergenerals Johann von Sporck angeschlossen hatte. Sporck hatte sich dank großer Tüchtigkeit im Dreißigjährigen Krieg vom gemeinen Soldaten zum General hochgedient. Bis 1647 blieb Vischer in seiner Einheit, ein Jahr später - der Krieg war mittlerweile zu Ende - hielt er sich wegen einer Erbschaftssache wieder in Stams auf. Aus seiner Militärzeit blieb ihm die Vorliebe für soldatische Kleidung, er trug gerne große Schlapphüte und pflegte mit Pistolen bewaffnet unterwegs zu sein. Vermutlich hatte er sich auch beim Militär die mathematischen und kartographischen Grundkenntnisse angeeignet, jedenfalls ist eine derartige schulische Ausbildung nicht nachweisbar.

1648 suchte Vischer um Aufnahme in das Stift Stams an und begann im Sommer des nächsten Jahres das Noviziat. Doch er verließ schon im Mai 1650 den Orden, er hatte die Demütigungen des Probejahres nicht ertragen können. In der Folge wandte er sich dem Theologiestudium zu, allerdings konnte bisher nicht geklärt werden, wo er studierte. Möglicherweise absolvierte er nur wenige Semester, was damals durchaus für die Erlangung einer Pfarrstelle reichte. Jedenfalls bewarb er sich 1654 bei der Diözese Passau um eine Kaplanstelle in Oberösterreich. Nachgewiesen ist seine Tätigkeit als Benefiziat in der Wallfahrtskirche Andrichsfurth bei Schärding und sein Wirken als Pfarrer in Leonstein zwischen 1666 und 1668. So beschrieb Vischer selbst die Stationen seiner geistlichen Laufbahn in einem Bewerbungsschreiben an die innerösterreichische Hofkammer in Graz im Jahre 1680. Damals interessierte er sich für die Pfarre Vordernberg. In all den Jahren als Seelsorger dürfte sich Vischer auch als Kartenzeichner einen gewissen Ruf erworben haben. Denn schon 1662 erfaßte er die Besitztümer von Georg Siegmund Graf Salburg, der ihm die Pfarre Leonstein zusprach.

Wann in ihm die Idee reifte, eine Karte von Oberösterreich zu zeichnen, ist unbekannt. Um 1666 unterbreitete er den Ständen Oberösterreichs das Projekt einer kartographischen Aufnahme des Landes, wobei er sich verpflichtete, selbst im ganzen Land herumzureisen. Die Stände nahmen seinen Plan nicht wegen der wissenschaftlichen Großartigkeit seiner Idee an, sondern weil ihnen sein Vorschlag aus militärischen und darüber hinaus steuerlichen Gründen interessant erschien. Im Mai 1667 schloss er einen Vertrag mit den obderennsischen Ständen und erhielt ein Patent, das ihm das Herumreisen im Lande erleichtern sollte. Den ganzen Sommer des Jahres 1667 verbrachte er im Gelände. Für die Abwesenheit von der Pfarrstelle hatte er die Erlaubnis des bischöflichen Ordinariats erhalten. Schon im Februar 1668 unterbreitete er den Ständen einen ersten Entwurf, wobei er schon damals auch an die Erstellung einer Topographie gedacht haben dürfte. Denn eine ganze Reihe von Burgen und Schlössern hat er schon bei der Mappierung des Landes gezeichnet. In Kupfer gestochen wurde die Karte von dem Augsburger Meister Melchior Küsell (1626-1683), einem Schwiegersohn Merians des Älteren. Vischer selbst war kein guter Kupferstecher, die wenigen Exemplare der späteren Topographien, die er laut Signatur selbst gestochen hat, sind von eher bescheidener Qualität.

Von Oberösterreich aus wurde Vischer durch Bartholomäus Graf Starhemberg an die niederösterreichischen Stände empfohlen, für die er ebenfalls zunächst eine Mappierung der vier Viertel des Landes vornahm, aber auch eine Topographie zeichnete. Mit den niederösterreichischen Ständen schloss Vischer einen weit besseren Vertrag als mit den Oberösterreichern, mit denen er noch einige Jahre wegen der Fertigstellung der Topographie im Streit lag. Da die Stände sehr wenig bezahlt hatten, mußte er mit dem Verkauf der Karten die Kupferplatten für die Topographie finanzieren, was ziemlich zäh voranging. Die niederösterreichische Karte wurde bereits 1670 veröffentlicht. Dafür erhielt er immerhin mehr als 2500 Gulden für Karte und Topographie, wobei die Kupferplatten in seinem Besitz blieben.

Inzwischen hatte er noch eine Besitzkarte des Stiftes Zwettl gezeichnet und stand mit den Tiroler Ständen in Verhandlungen. Warum es zu keinem Abschluß kam, ist nicht zu eruieren. Der schon als hervorragender Geograph bekannte Vischer verhandelte nunmehr mit den Ständen der Steiermark, die allerdings lange feilschten, sie wollten weniger als die Niederösterreicher bezahlen. Da Vischer keine Aussicht auf eine Pfarrstelle hatte, was ihm zumindest in den Wintermonaten ein Auskommen ermöglicht hätte, ließ er sich auf einen schlechteren Vertrag mit den steirischen Ständen ein. Für nur 2000 Gulden bei einer lächerlichen Anzahlung von 50 Gulden sollte er die gesamte steirische Karte und die Topographie liefern. Um irgendwie zu überleben, nahm er Zwischenaufträge an, so reiste er im Auftrag der kaiserlichen Hofkammer nach Ungarn, wo er Wieselburg, Altenburg und die Schütt-Inseln kartographisch erfaßte. Während der Arbeit am steirischen Auftrag schuf er noch eine Weltkarte - die "Kürzeste Weltbeschreibung" -, außerdem Ansichten von Admont, Wien und Graz, die zu seinen besten Arbeiten zählen. Erst 1678 stellte der den Entwurf der steirischen Karte fertig.

Die späten siebziger und frühen achtziger Jahre, als er an der steirischen Topographie arbeitete, waren durch äußere Umstände schwer behindert: 1679/80 suchte eine Pestepidemie die österreichischen Länder heim, 1683 marschierte ein riesiger Heerhaufen der Osmanen gegen Wien. Immer wieder nahm er noch Privataufträge an, um ein Auskommen zu finden. So zeichnete er u.a. eine Karte Ungarns mit dem Titel "Theatrum belli inter magnos duos imperatores Romanorum et Turcarum" (Kriegsschauplatz zwischen dem römischen Kaiser und dem türkischen Sultan), die er aufgrund vorhandender Quellen herstellte, aber kaum selbst vermessen haben dürfte. Jedenfalls war sie für die künftigen Feldzüge bis Ende des Jahrhunderts von größter Wichtigkeit. Kleinere Arbeiten aus dieser Zeit sind die Zeichnung des Schlosses Kremsier (Tschechien), die Aufnahme der Besitzungen des Klosters Kremsmünster (Oberösterreich) und eine Vermessung des Semmeringpasses zwischen Niederösterreich und der Steiermark.

Es folgten Jahre, über die die Forschung nur sehr wenig weiß. Ab etwa 1687 unterrichtete er am Edelknabeninstitut in Wien Mathematik, auch in Kremsmünster unterwies er Gymnasiasten in der Mathematik. Noch 1695 schloss er mit dem Salzburger Erzbischof Johann Ernst Graf Thun einen Vertrag, den er allerdings nicht mehr erfüllte. Er starb völlig verarmt am 28.November 1696 in Linz, wobei seine Grazer Quartiergeberin, die Witwe Maria Barbara Hackl, noch Jahre Ansprüche an seinen Nachlaß aufrechterhielt, weil er so große Schulden bei ihr gehabt hätte.

Vischer hinterließ erstklassige Karten von Nieder-, Oberösterreich und der Steiermark, sowie mehr als 1300 topographische Ansichten, die wegen ihres Entstehungszeitpunktes für die Forschung besonders interessant sind. Denn sie entstanden zumeist vor den barocken Umbauten, die Architekturgeschichte hat an seiner Topographie eine wichtige Quelle. Wie schwierig er selbst die Arbeit sah, geht aus der von Vischer verfaßten Zueignung zur niederösterreichischen Topographie hervor: "Was für Mühe, Beschwerlichkeit, Zeit und Fleiss diese Arbeit gekostet, davon wird mir vil Worte zu machen die Bescheidenheit verbieten, anderen Vernünfftigen und diser Sach Erfahrenen aber sich das Werck von selbsten zeigen."

Vischers Karten, deren mathematische Voraussetzungen mit bescheidenen Mitteln erarbeitet wurden - es sei nur auf Zirkel und Bussole auf seinem Porträt als Werkzeuge seines Standes hingewiesen -, sind in einem Maßstab von 1:144.000 gezeichnet. Hat er topographische Besonderheiten sowohl in der Karte festgehalten als auch als einzelne Ansicht gezeichnet, so musste der das betreffende Schloss oder die Stadt jeweils zweimal zeichnen, für die Karte wählte er die Ansicht von Süden nach Norden, für die Topographie die sogenannte schöne Schauseite. Zieht man die Fülle seiner Arbeiten in Betracht, kann man ein wenig seinen Fleiß und Arbeitseifer ermessen. Trotzdem konnte er kaum ein Auskommen finden. So erhielt er z.B. von niederösterreichischen Ständen 1000 Gulden "Ergötzlichkeit" (=Anerkennung), allein der Preis einer Kupferplatte lag bei mehr als fünf Gulden. Vischer muß ein überaus bescheidenes Leben geführt haben, wenn ihm auch unterwegs sein geistlicher Stand so manche gastfreundliche Tür geöffnet haben mochte. Ungefährlich war sei Metier keineswegs: Als er in der Steiermark reiste, war gerade die ungarische Magnatenverschwörung, an der auch der steirische Graf Tattenbach beteiligt war, niedergeschlagen worden. In den Grenzgebieten zu Ungarn waren Freischärler und osmanische Streifscharen unterwegs, im Süden des Landes war man gegen moderne Technik oder unverständliche Zeichnungen sehr mißtrauisch und huldigte noch der üblen Sitte der Hexenprozesse.

Die Darstellungsart bei den topographischen Arbeiten ist anfangs relativ schablonenhaft, landschaftliche Details werden kaum ausgeführt und wenn, so wirken sie stereotyp. In späteren Jahren lockerte Vischer die Sterilität der Bilder immer mehr mit kleinsten genreartigen Szenen auf, in den Flüssen zeichnete er Fischerboote, in Schlossteichen schwammen Enten und vor Prunkschlössern fahren Kutschen vor, aus denen hochgestellte Herrschaften entsteigen. Zweifellos gewinnt er mit den Jahren an Treffsicherheit der Zeichnung und vermittelt auch die Freunde an seiner Arbeit.


--> Georg Matthäus Vischer (Briefmarken)
--> Historische Bilder zu Georg Matthäus Vischer (IMAGNO)

Werke (Auswahl)#

  • Topographie von Niederösterreich, aufgenommen 1670/71, 507 Kupferstiche, 1672
  • Topographie von Oberösterreich, aufgenommen 1667/68, 222 Kupferstiche, 1669-74
  • Topographie der Steiermark, aufgenommen ab 1673, vermutlich 500 Kupferstiche, bis 1696

Weitere Arbeiten:

  • Herrschaft Salzburg, 1662
  • Karte von Niederösterreich, 1670
  • Abriß der Wieselburger Gespannschaft, 1672
  • Große Ansicht von Stift Admont, 1674
  • Ansicht von Wien, 1675
  • Langansicht von Graz, 1675
  • Grenze zwischen Steiermark und Salzburg bei Mandling, 1677
  • Karte der Steiermark, aufgenommen 1673-75, Kupferstich 1678
  • Landgericht Stift Kremsmünster, 1678
  • 4 Viertelkarten von Niederösterreich (erarbeitet 1669/70, Neudruck 1695-97)

Literatur#

  • A. L. Schuller, in: G. M. Vischer, Topographia archiducatus Austriae inferioris modernae, Neuausgabe, 1976


Redaktion: Dr. Isabella Ackerl