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vom 15.04.2018, aktuelle Version,

Lahnsattel (Gemeinde St. Aegyd)

Lahnsattel (Rotte)
Ortschaft
Lahnsattel (Gemeinde St. Aegyd) (Österreich)
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Basisdaten
Pol. Bezirk, Bundesland Lilienfeld (LF), Niederösterreich
Gerichtsbezirk Lilienfeld
Pol. Gemeinde St. Aegyd am Neuwalde  (KG Herrschaftsgründe)
Koordinaten 47° 46′ 21″ N, 15° 30′ 26″ O
Höhe 938 m ü. A.
Einwohner der Ortschaft 105 (2001)
Gebäudestand 83 (2001)
Postleitzahl 8694 Frein an der Mürz
Statistische Kennzeichnung
Ortschaftskennziffer 04445
Zählsprengel/ -bezirk St.Aegyd-Umgebung (31411 001)
Ort i. e. S. 23 Adr. (2015); Adressbereich[1] 38 Adr. (2015)
Quelle: STAT: Ortsverzeichnis; BEV: GEONAM; NÖGIS

f0BW

Lahnsattel ist ein Ort im Mürztal in Niederösterreich wie auch Ortschaft und Katastralgemeinde der Gemeinde St. Aegyd am Neuwalde im Bezirk Lilienfeld.

Geographie

Die Ortslage befindet sich 27½ Kilometer südwestlich von Lilienfeld und 23 Kilometer nordwestlich von Mürzzuschlag. Sie befindet sich am Lahnsattel (1006 m ü. A.), dem Pass zwischen oberstem Mürztal bei Frein an der Mürz und dem obersten Salzatal bei Mariazell-Halltal, am Südfuß des Göllers (1766 m ü. A.). Südlich erhebt sich die 1523 m ü. A. hohe Wildalpe. Beide Berge werden zu den Mürzsteger Alpen gezählt, respektive der Göller zu den Niederösterreichischen Kalkalpen und die Wildalpe zur Hochschwabgruppe der Obersteirischen Kalk- und Schieferalpen.

Ort und Ortschaft Lahnsattel

Die Rotte Lahnsattel liegt etwa einen Kilometer östlich der Passhöhe auf etwa 940 m ü. A. auf der Mürztaler Seite des Sattels, direkt an der steirischen Landesgrenze. Der Ort umfasst knapp 25 Gebäude entlang der Lahnsattel Straße (B23).

Zur Ortslage im weiteren Sinne (Adressbereich) gehören auch die Rotte Donaudörfl unterhalb, talauswärts das Haus bei Kaltwagl , und auch die verlassene Ortslage Gscheidl an der Gscheidlhöhe nach Schwarzau östlich,[1] zusammen um die 40 Adressen.

Die Ortschaft Lahnsattel umfasst auch noch die Rotte Neuwald Mürztalauswärts, wie auch den Ort Terz auf der anderen Seite des Lahnsattels an der Salza (von der auch Häuser zu Mariazell gehören), sowie das Göllerhaus. Das sind insgesamt gut 80 Gebäude mit etwas über 100 Einwohnern.

Die Ort Lahnsattel liegt etwa 50 Höhenmeter oberhalb des Kriegskoglbachs, Im Süden des Ortes ist das Gelände flach, im Norden und Osten ziehen einige Gräben von der Südflanke des Göllers herab, der Lahngraben und bei Donaudörfl Hintereck- und Saugraben. Letzterer geht hinauf zum Waldhütsattel (1266 m ü. A.) zwischen Göller und Gippel-Massiv (1699 m ü. A.), wo es dann links zum Göllerhaus geht, auf der anderen Seite nach Kernhof hinunter. Zwischen Kaltwagl und Neuwald kommen Stille Mürz (von Gscheidl) und Kalte Mürz zur Mürz zusammen.

Zum 10 Kilometer nordwestlich hinter dem Göller-Gippel-Zug liegenden Hauptort St. Aegyd bildet Lahnsattel eine orographische Exklave, die nur über die zwei Pässe Kernhofer Gscheid (Salzagebiet) – Lahnsattel (Mürzgebiet) rund um den Göller, gut 20 Straßenkilometer, erreichbar ist. Die Grenzen zu den steirischen Ortschaften entsteht dadurch, dass hier im Raum die Landesgrenze und damit auch die St. Aegyder Gemeindegrenze entlang der Bäche verläuft. Durch seine abgeschiedene Lage hat der Ort auch eine steirische Postleitzahl (8…).

Nachbarorte und -ortschaften

Ortsfriedhof Lahnsattel, hinten die Sulzrieglalm an der Wildalpe
Ulreichsberg   (O)
Gscheid



Göller
Kernhof (O)


Terz (Gem. St. Aegyd a.N. u. Mariazell)
Halltal  (O, Gem. Mariazell)
Donaudörfl
(beide Bez. Bruck-Mürzzuschlag, Stmk) Frein an der Mürz (O, Gem. Mürzsteg)
Kaltwagl (Gem. Mürzsteg)
Neuwald
Gscheid gehört noch zur Ortschaft Kernhof

Geschichte und Sehenswürdigkeiten

Die Herrschaftsgründe waren ein alter landesfürstlicher Jagdbann, einer der größten Dominikalbesitzungen im seinerzeitigen Österreich.[2] Daher, dass es eine forstliche Verwaltung war, rührt auch der Verlauf der Verwaltungsgrenzen in den Tälern her.

1783 wurde hier mit der Holzarbeit begonnen, davor war die Gegend gänzlich unbesiedelt, und nur in Terz stand ein Haus.[3] Die ersten Häuser am Lahnsattel entstanden in den 1780ern.[4] Der Schwemmmeister Georg Huebmer (Hubmer), der „Raxkönig“,[5] hatte zu der Zeit begonnen, im seinerzeit Hoyos’schen Schwarzau Holz in großen Stil an die Innerberger Hauptgewerkschaft und dann auch nach Wien zu verliefern. Als die Wälder des Naßwald-Gebietes erschöpft waren, musste Huebmer in immer weiter entfernt liegende Wälder im Einzugsgebiet der Mürz wechseln. In den 1810ern erhielt er die kaiserliche Genehmigung, hier im Herrschaftswald zu schlägern.

Der in Gosau am Dachstein, im Salzkammergut, geborene Holzunternehmer holte dann auch eine geschlossene Gruppe von Holzknechten aus seinem Heimatort zu sich, und siedelte sie in Lahnsattel und Ulreichsberg an.[6] Zu Abschluss dieser Besiedlung umfasst der Ort 25 Keuschen und hatte 130 Einwohner.[4] Die Gosauer waren lange Geheimprotestanten gewesen, die sich erst durch das Josephinische Toleranzpatent von 1781 frei bewegen konnten, und waren dann als gute Waldarbeiter gesucht. Die Salzkammergutler siedelten am Lahnsattel, während später zugewanderte katholische Leute, darunter vom Hochwasser 1830 geschädigte aus dem Donautal, das Donaudörfl begründeten. Auch an der Gscheidlhöhe, wo Huebmer einen Schwemmtunnel ins Schwarzauische sprengen ließ und einen Holzaufzug anlegte, entstand zu der Zeit ein kleines Dorf, Gscheidl, mit Schule und Gasthaus.[7]

Die kulturellen Unterschiede der beiden Orte hielten sich noch lange. Die evangelischen Holzknechtfamilien sprachen sich als Zeichen der Zusammengehörigkeit untereinander nur mit dem Taufnamen an, die Donaudörfler wurden mit ihrem Familiennamen angeredet.[6] Bis heute sehenswert ist auch der kleine, abgelegene Ortsfriedhof der Lahnsattler, während die Donaudörfler und Neuwalder nach Frein eingepfarrt waren.[8]

Im späten 19. Jahrhundert förderte Kaiser Franz Joseph dann auch das Pilgerwesen nach Mariazell, und der Alpenverein markierte 1893 den Zellersteig Gscheidlhöhe – Lahnsattel aus, seinerzeit war das Verlassen des Weges aber noch streng verboten.[9] Heute führt über Lahnsattel der Ostast des Österreichischen Weitwanderweges 06, der Mariazellerweg.

Das Ende der Waldarbeit kam nach dem Ersten Weltkrieg, zu der Zeit wurde auch der Ort Gscheidl sukzessive aufgegeben, und die Ortschaft um den Lahnsattel ist seither von starker Abwanderung betroffen: Lebten 1910 hier noch über 370 Menschen, sankt die Einwohnerschaft unter 200 in den 1960ern, und beträgt heute nur mehr um 100.[3] Noch in den letzten 20 Jahren verlor sie fast ein Fünftel ihrer Bevölkerung.

Vom einstigen Urwald am Gscheidl ist nur ein Rest verblieben, der Neuwald, Lahnsattler Urwald genannt.[10] Sonst ist die Gegend an der Stillen Mürz heute Forst ohne Besonderheit.[11]

Der Lahngraben, und mit ihm Sattel und Ort, erhielt seinen Namen nach der häufigen Zugbahn von Lawinen (mundartlich Lahn). Der Lahnsattel trägt seinen Namen nicht zu Unrecht, die Region weist schneereiche Winter auf, und die Ortslage ist oft von Lawinenabgängen betroffen. Am 17. Jänner 1844 verschüttete eine Staublawine zwei Häuser mit insgesamt elf Personen. Nach drei Tagen konnte eine Frau lebend geborgen werden. Am 18. Jänner 1878 ging eine 150 Meter breite Lawine vom Göller nieder, die 13 Menschen in den Tod riss und das am Sattel situierte Gasthaus Höchbauernhaus spurlos verschwinden ließ. Bis heute ist die Lahnsattelstraße des Öfteren wegen Lawinengefahr gesperrt.

Der Ort ist ein günstiger Ausgangspunkt zur Ersteigung des Göllers, auf den etliche verschieden schwere Aufstiege möglich sind.

Direkt beim Ort liegt das Kaltenbachloch, eine Quellhöhle.

Bevölkerung und Gebäudestand [3]
EHzgt. Österr. Krld. Österr. u.d.Enns
(Österr.- Ugrn.)
Bld. Niederösterreich
(1./2. Rep. Österr.)
1751 1869 1880 1890 1900 1910 1923 1951 1961 1971 1981 1991 2001 2011
385 342 311 290 376 347 252 210 176 163 123 105
1 59 53 50 49 55 56 62 62 72 78 79 83 86

Einzelnachweise

  1. 1 2 Das einzige Haus in Gscheidl hat aber die Adressen Kernhof; die Ansiedlung ist nicht zu verwechseln mit der Ortslage Gscheid an der Kernhofer Gscheid nordwestlich.
  2. Heiner Eichner, Otto Back, Peter Ernst, Sergios Katsikas: Sprachnormung und Sprachplanung. Festschrift für Otto Back zum 70. Geburtstag; mit Beiträgen aus den Bereichen Graphematik, Orthographie, Namenkunde, Österreichisches Deutsch, Sprachnormung und Plansprachenkunde, 2. Auflage, Verlag Edition Praesens, 1996, S. 161 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. 1 2 3 Kurt Klein (Bearb.): Historisches Ortslexikon. Statistische Dokumentation zur Bevölkerungs- und Siedlungsgeschichte. Hrsg.: Vienna Institute of Demography [VID] d. Österreichische Akademie der Wissenschaften. Niederösterreich Teil 2, St. Aegyd am Neuwalde: Lahnsattel , S. 122 (Onlinedokument, Erläuterungen. Suppl.; beide PDF o.D. [aktual.]).
    Spezielle Quellenangaben: 1751: Theresianische Fassionen. Niederösterreichisches Landesarchiv (NÖLA), Ständisches Archiv. Angaben nach dem Weigl-Nachlass im NÖLA. • 1869: Statistische Central-Commission (Hrsg.): Orts-Repertorien der im österreichischen Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder. (1871 ff.). • 1880, 1890: Statistische Central-Commission: Spezial-Orts-Repertorien der im österreichischen Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder. 1883 resp. 1892 ff. • 1900: Statistische Central-Commission: Gemeinde-Lexikon der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder. 1903 ff. • 1910: Statistische Central-Commission: Spezial-Repertorien. 1915 ff. • 1923 und später: Bundesamt für Statistik / Österreichisches Statistisches Zentralamt / Statistik Austria (Hrsg.): Ortsverzeichnis. (Ergebnisse der Volkszählungen).
  4. 1 2 Fritz v. Neuman (Bearb.), Kurt Bellak (Hrsg.): Heimatkunde des Bezirkes Lilienfeld. Band 4. 2. Auflage. Bezirksheimatmuseum Lilienfeld, Lilienfeld 2002, S. 32. Angabe nach Klein, S. 122
  5. Fritz Lange: Vom Dachstein zur Rax – Auf der Spuren von Georg Hubmer. Sutton Verlag, 2007, ISBN 978-3-86680-184-4 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. 1 2 Geschichte. staegyd.at.
  7. Lange, 2007, Foto S. 96, und S. 101.
  8. Franz F. Seidl: Mürzsteg im Wandel der Zeit. Verlag der Gemeinde, 1995, Ortschaft Neuwald, S. 623 ff., Donaudörfl, S. 625.
  9. Mitteilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, Band 19, 1893, S. 154, Sp. 2 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. Der Neuwald ist aber anders als der Rothwald (der eine ähnliche orographische Exklaven-Lage hatte), weil er frei zugänglich ist, kein echter Urwald im Sinne eines Naturreservates. Ausführlich in K. Zukrigl, G. Eckhart, J. Nather: Standortskundliche und waldbauliche Untersuchungen in Urwaldresten der niederösterreichischen Kalkalpen. = Mitteilungen der Forstlichen Bundes-Versuchsanstalt Mariabrunn 62, 1963, S. 9
  11. Vgl. Foto, Martin Nessl, 2009, zur Tourenbeschreibung (1546 m). martinnessl.info