unbekannter Gast
vom 30.12.2017, aktuelle Version,

Lucia Heilman

Lucia Heilman (geboren am 25. Juli 1929 in Wien als Lucia Kraus) ist eine österreichische Überlebende des NS-Regimes und Ärztin.

Leben

Geboren als Kind jüdischer Eltern, ist sie nicht einmal neun Jahre alt, als Hitler in Wien einmarschierte: „Ich […] bin, soweit ich mich erinnere, allein zum Heldenplatz gelaufen, weil es geheißen hat, dort ist eine Veranstaltung. […] Und ich bin dort gestanden und hörte das Schreien, das Grölen und die Rufe: Heil, Heil, Heil … Ich wußte, ich gehöre nicht dazu. […] Ich empfand dieses Gejohle und die Stimmung als bedrohlich, als ungeheuer bedrohlich.“[1]

Ihr Vater, ein Beleuchtungsingenieur, befindet sich damals in Persien. Er will seine Familie zu sich holen, Lucias Mutter, die Chemikerin Regina Kraus, geb. Steinig, hatte zwar die Ausreisepapiere, aber nicht genügend Geld für die Schiffskarte. Der Vater wird zu Kriegsbeginn interniert und schließlich nach Australien deportiert. Lucia und ihre Mutter sind in Wien festgehalten, Lucia muss ihre Volksschulklasse verlassen und durfte nicht mehr im Schlickpark spielen: „Ich erinnere mich, wir sind von der Schule in den Park gelaufen, und auf allen Bänken stand: ,Nur für Arier'. Die Mühe, die sie sich gegeben haben, auf jede Bank das aufzuschreiben: ,Nur für Arier'.“[2]

Ihr Lieblingsopa wird vor ihren Augen festgenommen und deportiert, er stirbt am 23. Oktober 1939 im KZ Buchenwald. Ihre Freundin Erna Dankner wird gemeinsam mit ihren Eltern ins KZ Theresienstadt verschleppt und schließlich am 17. August 1942 im KZ Auschwitz ermordet, im Alter von 16 Jahren. Eines Tages läutet es an der Wohnungstüre und einem Ehepaar gefällt die elterliche Wohnung in der Berggasse 26. Mutter und Tochter haben 14 Tage Zeit auszuziehen, Anfang 1939 wird ihre Wohnung von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Sie kommen in eine kleine Sammelwohnung, wenige Häuser weiter, und sollen deportiert werden. Doch Reinhold Duschka, ein Freund ihres Vaters, gewährt beiden Zuflucht in seiner Werkstätte in der Mollardgasse 85a in Mariahilf.[3][4] Er besorgte für die beiden Nahrung und Kleidung auf dem Schwarzmarkt und beschaffte Lehrbücher für Lucia. Er wusste, dass er sich damit in Todesgefahr brachte. Im Laufe der Zeit lernten Regina und Lucia, wie man Metalle für die Arbeit Duschkas vorbereitete und halfen ihm dabei.

„Im März 1944 begannen die Luftangriffe. Ich habe Freude empfunden. Fast täglich gegen 11 Uhr wurde eine Vorwarnung ausgegeben […] Die Menschen konnten sich vorbereiten auf den Angriff, und wer konnte, ist in seinen Luftschutzkeller gegangen. Wir haben uns nicht in den Keller getraut, wenn wir hinunter gelaufen wären, hätte man uns nach einem Ausweis gefragt und woher wir kommen. Eines Tages im November war an einem Sonntag Fliegeralarm. Meine Mutter sagte: Heute gehen wir, heute wird niemand im Keller sein, denn die Leute vom Werkstättenhof arbeiten ja nicht, und wenn man uns fragt, werden wir uns irgendwie herausreden. […] Bevor wir im Keller waren, fiel wieder eine Bombe, und wir waren vollständig mit Staub bedeckt. […] Wir sahen, dass kein Dach mehr existierte und aus dem 4. Stock loderten Flammen. Die Werkstatt, unser Versteck war verbrannt.“

Lucia Heilman : Die letzten Zeugen, Burgtheater 2013 [5]

Duschka lässt Mutter und Tochter nicht im Stich, bringt sie in seinem neuen Atelier unter. Dieses ist allerdings ebenerdig, mit einem Schaufenster zur Straße. Die beiden müssen ein halbes Jahr in einem Kellerabteil verbringen, in absoluter Dunkelheit − hinter einer schweren, feuchten Holztür. Über diese Zeit spricht Lucia Heilmann nicht.[6]

Tageslicht sieht Lucia erst wieder im April 1945, als russische Soldaten sie befreien. Sie studiert Medizin, arbeitet als Ärztin, heiratet und bekommt zwei Töchter. Ihren Vater sieht sie nur mehr einmal in Australien. Viele Jahre kann sie über ihre Kindheit nicht sprechen. Reinhold Duschka weigert sich lange, sich als Gerechter unter den Völkern auszeichnen zu lassen, er fürchtet Anfeindungen. 1991 stimmt er zu. Die Republik Österreich hat ihn für seine Heldentat nie ausgezeichnet.

In der Spielzeit 2013-14 wirkte Lucia Heilman bei der Zeitzeugenproduktion Die letzten Zeugen am Wiener Burgtheater mit. Die Produktion bezog sich auf die Novemberpogrome 1938, erlangte hohe Wertschätzung seitens Publikum und Presse und wurde zum Berliner Theatertreffen und ans Staatsschauspiel Dresden eingeladen.

Literatur

  • Lucia Heilmann: Hidden in Vienna. In: Renate S. Meissner (Hrsg.): Lives Remembered. Life Stories of Victims of National Socialism. National Fund of the Republic of Austria for Victims of National Socialism, Wien, 2012, Bd. 2, S. 46–55

Nachweise

  1. Textbuch Die letzten Zeugen, Burgtheater Wien 2013, 9
  2. Textbuch Die letzten Zeugen, Burgtheater Wien 2013, 10
  3. Gedenktafel für Reinhold Duschka, Stadt Wien, abgerufen am 30. August 2013
  4. Eröffnung Gedenktafel Reinhold Duschka, Die Grünen Wien 6, 8. April 2013, abgerufen am 30. August 2013
  5. Textbuch Die letzten Zeugen, Burgtheater Wien 2013, 48f
  6. Programmbuch Die letzten Zeugen, Burgtheater Wien 2013, 7