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vom 27.10.2018, aktuelle Version,

Spiel im Morgengrauen

Spiel im Morgengrauen ist eine Novelle Arthur Schnitzlers, die im Mai 1927 im Verlag Ullstein erschien. Schnitzler hatte sie in den Jahren davor als „B[a]d[e]n Novelle“[1] ausgearbeitet.

Inhaltsangabe

Leutnant Wilhelm Kasda erhält eines Sonntagmorgens unerwarteten Besuch: Der ehemalige Dienstkamerad Oberleutnant Otto von Bogner bittet ihn dringend um 960 Gulden, die er aus der Firmenkasse entwendet hat und nun vor der drohenden Revision zurücklegen muss. Die Barschaft von Wilhelm besteht aber nur aus 120 Gulden. Auch alle Bekannten, die als Leihgeber in Frage kämen, wurden entweder schon gefragt oder hatten selbst kein Geld.

Wilhelm hat die Idee, das benötigte Geld beim Kartenspiel im Café Schopf, das er ab und zu sonntags besucht, zu gewinnen. Sie verabschieden sich in der Hoffnung, das gewünschte Geld zu beschaffen, Willi nimmt den Zug nach Baden, besucht dort die Familie Keßner in der Hoffnung, zum Mittagessen eingeladen zu werden, und verbringt in Gesellschaft eines Anwaltes den Nachmittag bei ihnen. Nach dem dritten oder vierten Glas Wein erscheint weitere Gesellschaft, eine ältere Dame mit ihren zwei Töchtern. Von seinen geteilten Erwartungen und Gefühlen hin- und hergerissen, empfiehlt sich Wilhelm schließlich. Nachdenklich schreitet er durch die Stadt, als er im Café Schopf ankommt und sich neben Leutnant Greising und den Theatersekretär setzt. Danach werden sie vom Oberleutnant Wimmer aufgefordert zum Kartentisch zu gehen, an dem bereits er, der Konsul, Doktor Flegmann, Herr Elrief, der Regimentsarzt Tugut und Sekretär Weiß eifrig spielen.

Es dauert nicht lange, bis Wilhelm eine Summe von über tausend Gulden gewonnen hat. Er entschließt sich, mit dem Schauspieler Elrief vom Spiel zu gehen. Zufrieden will er zur Familie Keßner zurückkehren; die aber hat sich auf einen Ausflug ins Helenental begeben. So beschließt er wieder zum Café zurückzukehren und bekommt dort sofort wie selbstverständlich wieder eine Spielkarte ausgeteilt. Wilhelm hat Glück und vergrößert nach anfänglichem Pech sein Vermögen auf über 2000 Gulden. Anschließend wird gemeinsam abendgegessen und Willi verabschiedet sich endlich, um den Zug um zehn Uhr vierzig nicht zu versäumen. Doch da er auch noch der Familie Keßner begegnet, entgeht ihm der Zug nach Wien um eine Minute.

Er widmet sich zum dritten Mal dem Spiel, beschließt zuerst vorsichtig zu setzen. Willi gewinnt nochmals kräftig und findet sich schließlich im Besitz von 4200 Gulden, als sich schon das Ende dieser Partie ankündigt, das auf halb drei angesetzt ist. Es packt ihn die Spielsucht und er riskiert zu viel. Konsul Schnabel legt eine Bank von 3000 Gulden auf, etwas Unerhörtes. Wilhelm verliert nahezu sein gesamtes Vermögen. Die Umstehenden empfehlen ihm warnend, das Spiel zu beenden. Der Konsul streckt ihm immer wieder Tausenderscheine vor. Willi hört auf mitzuzählen und spielt einfach weiter, vom Fieber gepackt, sein Glück in den letzten Minuten doch noch zu wenden. Zum endgültigen Ende der Partie findet er sich mit einer Schuld von 11000 Gulden wieder. Schnabel erklärt sich bereit, die Rechnungen zu übernehmen und lädt den Leutnant ein, mit ihm in seiner Kutsche nach Wien zu fahren. Eiskalt besteht er auf der immerhin großzügig bis Dienstagmittag verlängerten Frist, in der Willi ihm die Ehrenschuld zurückbezahlen kann, ansonsten er seinen Offiziersposten los ist.

Der Fiaker erreicht die Kaserne, der Konsul verabschiedet sich. Leutnant Kasda meldet sich am nächsten Tag krank, nachdem er seinem Burschen aufgetragen hat, Bogner zu melden, dass er nichts ausgerichtet habe. Verzweifelt begibt er sich zu seinem Onkel, in der Hoffnung auf Hilfe. Nach einigem Insistieren erfährt Willi, dass der Onkel sein Vermögen seiner Frau überschrieben hat, und dass er diese nur drei Mal im Jahr besuchen darf. Es handelt sich um Leopoldine Labus, ein Blumenmädchen, mit dem Willi vor drei bis vier Jahren eine Nacht verbracht hatte. Willi findet ihre Adresse heraus und sucht sie auf. Es stellt sich heraus, dass sie jetzt eine wohlhabende Geschäftsfrau ist.

Willi trägt Leopoldine seine Not vor. Sie wolle es mit ihrem Advokaten besprechen, sagt sie, und werde ihm am Abend zwischen sieben und acht Bescheid geben lassen. Am Abend erscheint Leopoldine höchstpersönlich in seinem Zimmer. Nach einleitender höflicher Konversation kann er sie zu einem gemeinsamen Essen im Zimmer überreden, sie verbringt die Nacht bei ihm in der Kaserne. Von Scham gehemmt, wagt er nicht nach dem Geld zu fragen. Als Wilhelm am Morgen erwacht, verlässt sie ihn und gibt ihm 1000 Gulden als Liebeslohn für die vergangene Nacht, da er sich von ihr ja vor Jahren auch mit zehn Gulden verabschiedet hatte. Die erwarteten 11000 Gulden bleiben aus. Willi lässt seinen Burschen die 1000 Gulden zu Bogner bringen. Drei Stunden später finden Bogner und Regimentsarzt Tugut Willis Tür verschlossen. Die Tür wird von außen geöffnet – Kasda hat sich erschossen. Willis Onkel erscheint, ein Kuvert mit den rettenden 11000 Gulden in der Hand – zu spät. Er beugt sich über den Toten und glaubt das Parfüm seiner Frau zu spüren; ein Verdacht kommt in ihm auf – und verfliegt wieder. Die Untersuchungskommission tritt ein.

Interpretation

Formales

Die Erzählung Spiel im Morgengrauen ist zeitlich klar strukturiert und spielt ziemlich exakt innerhalb von 48 Stunden. Beide Handlungskomplexe, Hasardspiel und erotisches Spiel sind auf jeweils die Hälfte der Erzählung verteilt. In der Erzählung vom Leutnant Kasda spielt der innere Monolog eine wichtige Rolle, da sie hauptsächlich aus dem Blickwinkel der Hauptgestalt gestaltet ist. Der Erzähler verschwindet nicht völlig, aber er hält einen gewissen Abstand von seiner Darstellung. Der Logik des Handlungsablaufes fehlt eine bewusste Zielsetzung, die Handlungsanstöße der Figuren ergeben sich aus der jeweiligen Situation, nicht aus dem zielgerichteten Wollen. Das beginnt schon am Anfang der Erzählung, als durch die erste Begegnung mit Bogner Willis Alltag durch den Zufall einer Situation bestimmt wird. Auch als sich Kasda aus dem Spiel im Café Schopf zurückziehen möchte, gerät er durch das Versäumen des Zuges wieder an den Kartentisch zurück, obwohl er nichts mehr riskieren sollte. So entsteht ein Doppelcharakter, einerseits besitzt die Erzählung ein Erzählgefälle, welches die Hauptperson auf eine Katastrophe hintreiben lässt, andererseits kollidieren in der Handlung zufällige Überraschungen mit den aktuellen Situationen. Diese Unterbrechungen rufen einen diskontinuierlichen Eindruck hervor, obwohl die Novelle andererseits auf ein Ereignis hingeordnet scheint.

Eros und Thanatos

Ein Grundthema in Schnitzlers Werken ist die Problematik „Eros [Liebe] und Thanatos [Tod]“ und bildet auch das Thema in der Novelle Spiel im Morgengrauen. Der Offizier Wilhelm existiert in einer Welt der Liebe und des Glücks. Schicksal wird hier identisch mit dem Glücksspiel, das man gewinnen und verlieren kann. Kasdas Leben hängt nur an den Möglichkeiten des Glücks, beim Kartentisch einige Gulden zu gewinnen, und an dem Streben nach erotischen Erfahrungen. So lautet die Volksweisheit: „Kein Glück in der Liebe – dann Glück im Spiel“ und umgekehrt. Sein Optimismus lässt sich immer auf solche Formeln zurückführen, manchmal artet der Gedanke des Zufalls aber auch aus – „Elf, zwölf – elf, zwölf – elf, zwölf (…) Zwölf, das klang vielleicht besser als elf, vielleicht brachte es ihm Glück…vielleicht geschah das Wunder – gerade wenn er zwölf verlangte.“ (S. 374*) Kasda meint in diesem Fall, als er überlegt, um wie viel er seinen Onkel bitten soll, sein Erfolg hänge einzig und allein von einer Zahl ab. Wieder zuhause in seiner Kaserne angelangt, hat er einen Traum, der ihm das Spiel vermischt mit anderen Erlebnissen widerspiegelt. Einzelne Kartenszenen spielen sich in seinem Kopf ab. Die verschiedenen Karten nehmen Züge von Persönlichkeiten in seinem Leben an: „Pik-Neun – Pik-Zehn – Herz-Dame – verdammte Kanaille, dachte Willi. Denn die Herzdame war eigentlich das Fräulein Keßner.“ (S. 369*) Hier erkennt man die Wichtigkeit der Farben. Rot (Herz-Dame) steht für das weibliche Geschlecht, für die erotischen Abenteuer, die schwarze Kartenfarbe (Pik), als das Motiv des Hasardspiels. Auch hier wiederum sind Eros und Thanatos metaphorisch im Traum vereint. Da die erotische Farbe Rot allerdings auf das Fräulein Keßner bezogen ist, die eher unwichtig ist, muss man auf die tiefenpsychologische Traumdeutung Freuds zurückgreifen, die so genannte „Traumverdichtung“.

Der Tod

Kasdas Tod beginnt eigentlich bereits an der Stelle, an der Bogner am Anfang erscheint. Er ist der todbringende Freund, der, mit seiner Bitte um freiwillige Hilfe, Kasdas Leben dem bekannten Schicksal überlässt. Die unterschwellige Warnung, die auch sogleich seine Todesnachricht sein soll, deutet darauf hin: „Es war vielleicht doch besser, dass ich nichts hab’ von mir hören und sehen lassen, und ganz bestimmt wär’s besser, wenn ich auch heut’ nicht hätt’ kommen müssen.“ (S. 325*) Bogner erscheint bei Wilhelm mit dieser Nachricht und durchbricht seinen gewohnten Alltag. Am Ende seines Lebens, nach dem Selbstmord, verschwindet er wieder unauffällig: „Er wartete im Toreingang, bis das Regiment vorbei war, dann schlich er, an die Wand gedrückt, davon.“ (S. 410*) Er erscheint hier als Unbekannter, der plötzlich aus dem Nichts kommt und nach erfüllter Tat wieder im Nichts verschwindet.

Der Teufel

Während man Bogner als den Tod darstellen kann, kann der Konsul als Teufel gesehen werden. Dieser wird als geheimnisvoll und bedrohlich beschrieben. Er trägt schwarz: „Der Kellner hing dem Konsul den Mantel um, einen weiten, schwarzen, ärmellosen, mit Samtkragen versehenen Mantel...“ und wirkt mysteriös: „Man wußte von Konsul Schnabel nicht viel mehr, als daß er eben Konsul war, Konsul eines kleinen Freistaats in Südamerika...es [war] klar, daß man diesem Mann gegenüber mit Spott und Späßen in keiner Weise auf die Kosten kommen würde... und man entschloß sich...zu einem vorsichtigeren Benehmen ihm gegenüber“ Während die anderen also vorsichtig geworden sind, tappt der naive Willi in dessen Fallen und erkennt nicht, dass dieser es auf ihn abgesehen hat: „und als Willi an der Tür sich noch einmal umwandte, sah er, daß ihm nur das Auge des Konsuls mit einem kalten, raschen Aufschauen von den Karten gefolgt war...er blickte nicht auf, als Willi an den Tisch trat, … und doch spürte der Leutnant, daß der Konsul sofort sein Kommen bemerkt hatte.“ Als Willi kein Geld mehr hat, verführt ihn der Konsul, indem er ihm ständig mehr Geld borgt: „Der Konsul hatte ihm zwei weitere Tausender hingeschoben. ‚Bedienen Sie sich, Herr Leutnant‘“ Die noblen Züge des Konsuls verschwinden vollends bei der Heimfahrt, und mit gleichgültiger Kaltblütigkeit genießt der Konsul die Fahrt, während er sich ironisch freundlich mit dem unehrenhaften Leutnant unterhält. „‚Merkwürdig‘, nickte der Konsul. ‚Wenn man denkt, wie die Existenz für manche Menschen sozusagen vorgezeichnet daliegt, während andere von einem Jahr, manchmal von einem Tag zum nächsten...‘ Kopfschüttelnd hielt er inne.“ Unerbittlich hält er an der Schuld fest: „Ich gebe mich nicht zufrieden, Herr Leutnant, morgen, Dienstag mittag, letzter Termin … Oder – Anzeige an Ihr Regimentskommando...nehmen Sie die Angelegenheit nicht leicht, wenn Sie Wert darauf legen... Offizier zu bleiben...“ Fast wie ein Teufelspakt erscheint die Schuld Willis, die er mit seinem Tod einlöst.

Rache des süßen Mädels

Durch ihren Besuch in seiner letzten Nacht rächt sich Leopoldine, als Vertreterin eines süßen Mädels. In jüngeren Jahren bei ihrem Treffen mit Willi schaffte es jener, eine Liebesnacht durch baldige Trennung zu einer bordellartigen Szene zu degradieren. Leopoldine rächt sich, indem sie seinem Onkel zwar das Geld gibt, aber weiß, dass Willi sich sofort nach ihrem Verlassen das Leben nehmen wird und es so niemals nützen kann.

Faszination des Spiels

Neben der zerstörerischen Macht des Geldes setzt Schnitzler der zerstörerischen Faszination des Spiels ein eindrucksvolles Denkmal. Willi, der sich vorerst noch vornimmt, vorsichtig zu spielen und „mit einem geringen Einsatz beginnen...niemals das Ganze aufs Spiel setzen...“ will, wird zunehmend sorgloser: „Sind die hundert weg, so hör‘ ich auf, unbedingt, schwor er sich zu. Aber er glaubte selbst nicht daran.“, bis er schließlich keine Kontrolle mehr über sich hat: „Wenn man jetzt aufhörte, so konnte ihm nichts mehr geschehen, und das war gut. Zugleich aber spürte er eine unbändige, eine wahrhaft höllische Lust, weiterzuspielen...“ Am Ende spielt er wie in Trance und sieht sich selbst spielen: „War er das selbst, der sprach? Seine Worte? Seine Stimme?“ (S. 350*) Erst als das Spiel vorüber ist, kommt er wieder zu sich und erkennt später, „daß man den Kopf verloren, ja, daß man eine Viertelstunde geradezu unzurechnungsfähig gewesen war“.

Ausgaben

  • Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen. Hrsg. von Barbara Neymeyr. Reclam, Stuttgart 2006. ISBN 978-3-15-018428-8. Nachwort: S. 113–134.
  • Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen. Novelle. Dtv, München 2011, ISBN 978-3-423-02686-4 (unveränderter Nachdr. d. EA S. Fischer Verlag, Berlin 1927).
  • Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen. Manesse-Verlag, Zürich 2002, ISBN 3-7175-4024-6.
  • Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen. In: Ders.: Meistererzählungen. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2003, S. 321–412, ISBN 3-596-15918-0.
  • Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen. In: Ders.: Traumnovelle und andere Erzählungen. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2008, S. 220–309, ISBN 978-3-596-90088-6.

Ergänzungen

Das Spiel wird zwar einmal als Bakkarat namentlich genannt, nach den in der Novelle enthaltenen Hinweisen handelt es sich jedoch um ein dem Baccara ähnliches Spiel namens Macao.

Verfilmungen

Belege

  1. Arthur Schnitzler: Tagebuch. 16. November 1926.