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Die Grazer Annenstraße, eine Hauptstraße meiner Kindheit#


Von

Günther Jontes


Ich wurde am Jahresende des Kriegsjahres 1939 geboren. Mein Erinnerungsvermögen ist stark und reicht bis in mein drittes Lebensjahr zurück. Deshalb kann ich auch über Graz, die Stadt meiner Kindheit und Jugend noch vieles berichten. Darunter auch über die Annenstraße, die mich aus meinem Heimatbezirk Eggenberg-Algersdorf auf Schulwegen und überhaupt jedem Weg "in die Stadt" führte.

Am Anfang stehen keine guten Erinnerungen. Als die Rote Armee sich im Frühjahr 1945 bereits in bedenklicher Weise der steirischen Grenze genähert hatte, kamen meine Mutter, die Großmutter, mein jüngerer Bruder und ich aus der Oststeiermark zurück, in die wir 1943 gezogen waren, als auch Graz in verstärktem Maße alliierte Bombenangriffe zu erleiden hatte. Nun waren wir zwar halbwegs sicher, von der Front nicht überrollt zu werden, mussten aber die angloamerikanischen Bombardements fürchten, die sich besonders auch auf die Grazer Bahnhöfe konzentrierten. Als in unserer Nähe etliche Wohnhäuser Bombentreffer erhielten und unser Keller als Luftschutzraum , in welchem ich schon unsägliche Stunden der Angst erlebt hatte, keineswegs Sicherheit bot, beschloss meine Mutter, sich mit uns Kindern in den Schutz der Schlossbergstollen zu begeben. Das geschah um die Osterzeit 1945. Einmal gerieten wir auf dem Weg dahin - wir hatten Eggenberg zu spät verlassen - am Beginn der Annenstraße in einen Angriff. Ich erinnere mich an die Druckwellen der Einschläge, die dem Hauptbahnhof und den Wohnbauten der Keplerstraße galten. Wir waren schutzlos preisgegeben, blieben aber unverletzt.

Auch in der Annenstraße wurden Häuser getroffen. Das heutige Negrellihaus als letztes der nördlichen Häuserzeile bekam einen schweren Treffer und jahrelang blickte einen die Ruine eines halbierten Hauses an, deren eine Front eingestürzt war und die Räume der einzelnen Stockwerke bloßgelegt hatte. Man sah die verschiedenen Tapezierungen und Färbelungen der Wände, Elektroinstallationen, Zimmertüren und mir heute ganz absurd, fast surreal erscheinend, an einer Wand einen dekorativ befestigten Fächer. Man erkennt in der Folge der heutigen Annenstraße die ehemaligen Bombenhäuser meist daran, dass die gründerzeitlichen ornamental stuckierten Fassaden nur mehr nüchterne Fensterreihen aufweisen und über manchem Haustor noch eine Tafel zur Erinnerung an den Wiederaufbau in den 50er Jahren befestigt ist.

Wer in Graz mit der Eisenbahn ankam und in die Stadt wollte, fand sich zuerst mit seinem Gepäck auf dem Bahnhofsvorplatz und hatte dann die Möglichkeit, sich mit der Straßenbahn, die vorerst noch eine Pferdebahn war, oder mit einem Fiaker dorthin zu begeben. Der Südbahnhof, heute Hauptbahnhof, war beim epochalen Bau der Strecke Wien-Triest klugerweise ziemlich weit von der Stadt entfernt geplant worden. Der Initiator Erzherzog Johann, den man wegen der Durchsetzung dieser Bahnlinie als den Retter der obersteirischen Eisenindustrie nennen kann, opferte für das Bahnhofsareal sogar seine große Musterplantage, in welcher unzählige Sorten Äpfel, Birnen und anderen Edelobstes gezüchtet wurden.

Annenstraße

Noch bevor ich 1950 ins Oeversee-Gymnasium eintrat, führte mich mein Weg schon durch die Annenstraße stadtwärts. Zum einen ging oder fuhr ich ins Konservatorium zum Klavierunterricht, zum anderen alle paar Tage in das 1947 wieder ganz zugängliche Landesmuseum in der Raubergasse. Da die Straßenbahn ja Geld kostete, kam ich zu Fuß auf leichten Kindesbeinen, im Sommer mit Sandalen mit Holzsohlen, den "Holzklapperln", im Winter mit meinem einzigen Paar abgetretener Halbschuhe, durch die Annenstraße ans Ziel, die von 1938-1945 - wie meine Eltern mir erzählten - in Krefelder Straße umgetauft worden war. Die Straßenbahn war damals ein Hauptverkehrsmittel und durch unsere Straße fuhren noch der Zweier (als Ringlinie über den Jakominiplatz, die Gleisdorfergasse, die Glacisstraße und über Wickenburggasse und Keplerstraße zum Hauptbahnhof), der Fünfer (von Eggenberg hinter dem Schloss nach Puntigam), der Siebener (wie heute von Wetzelsdorf nach St. Leonhard). Der Sechser (von Gösting nach St. Peter) kreuzte beim Roseggerhaus die Annenstraße. Es waren meist uralte Wägen mit Anhänger, in denen jeweils ein Schaffner oder eine Schaffnerin waltete. Im Beiwagen durfte geraucht werden und der Fahrer musste im Triebwagen noch stehen. Mit einem eigenartig jammernden Geräusch, das mir noch im Ohr liegt, marterten sich die schwachen Elektromotoren der Motorwägen das letzte Steilstück der Annenstraße Richtung Bahnhof hinauf. Das Grazer Tramwaymuseum weiß da sicher mehr zu erzählen. Jedenfalls wurde ich erst als Gymnasiast mit einer Monatskarte zum ständigen Straßenbahnfahrer. Auf meinem häufigen Weg ins Landesmuseum Joanneum mit den mich schon als Kind faszinierenden Schätzen aus Natur und Kultur schritt ich also vorerst mit einem Fünfziggroschenstück in der verschwitzten Hand per pedes dem Ziel meiner Sehnsüchte entgegen.

Meine Straßenbahnhfahrt ins Gymnasium endete für mich an der Haltestelle heute Esperantoplatz. Mit meinem Schulfreund Hans Lackner, einem Eggenberger, ging ich dann die Idlhofgass entlang bis zum Oeverseegymnasium. Diese Gasse hatte ebenfalls viele Bombentreffer erhalten. Die Lederfabrik Rieckh war ausgebrannt, war aber schon wieder im Wiederaufbau begriffen und es stank erbärmlich nach übelriechenden Häuten in ihrer Gerberlohe. Man brauchte wieder Leder in großen Mengen, denn die zivile Schuhproduktion war im Krieg zum Stillstand gekommen.

Auf meinem Fußweg durch die Annenstraße hatte ich Gelegenheit, die Geschäfte mit ihren sich doch immer mehr mit Waren füllenden Auslagen zu betrachten, von denen es nur mehr ganz, ganz wenige im Originalzustand und an Ort und Stelle gibt, so die "Große Brieftasche" stadtwärts vor dem Roseggerhaus, das mit der Kreuzung Elisabethinergasse die große Zäsur im Verlaufe der Straße bildete, die ja gleichzeitig auch die beiden Stadtbezirken Lend gegen Norden und Gries gegen Süden schied. Auch den - o Schreck! - "Gummineger" gibt es noch unverändert, wenngleich seit Jahren in Auflösung mit Ausverkauf. Ein langsames Sterben! An Ort und Stelle ist heute auch noch die "Gaststätte Postl". Die heutige Straßenbahnstation Esperantoplatz wurde damals allgemein nach dem Hotel am Eck Idlhofgasse "Drei Raben" genannt. In der kleinen Grünfläche gab es übrigens eine Tankstelle. Ein modernes Denkmal erinnert an den absurd erscheinenden sozialistischen Versuch, mit Esperanto eine Weltsprache zu schaffen, die alle anderen ersetzen sollte. Sie ist von einer unglaublichen Primitivität und heute kümmert sich kaum jemand mehr darum.

Dahinter steht das damals unbeschädigt gebliebene Gebäude der Arbeiterkammer, das in der Zwischenkriegszeit als einer der wenigen wirklich modernen Architekturen als Hotel „International“ erbaut worden war. Auch hierher zog es mich, es war sogar ein wesentlicher Bestandteil meines Wochenablaufes. In diesem Gebäude mit Zugang von der Ostseite, dem Park, existierte nämlich die Arbeiterkammerbibliothek, die mein Vater eifrig frequentierte und mich jedes Mal dorthin mitnahm. Ich in meiner auch dadurch früh entfachten Liebe zum Buch und zum Lesen durfte mir Lesestoff für eine Woche aussuchen. Es waren vor allem naturkundliche und Bücher zu geschichtlichen Themen, die mich anzogen. Ich las dabei natürlich aus stark gebrauchten Büchern, deren eigener Geruch und deren Eselsohren und Kaffeeflecken, Bleistiftnotizen usw. aber abzustoßen begannen. Dieses Milieu verließ ich mit 14 Jahren, als ich die Bibliothek meiner Sehnsüchte jenseits der Annenstraße, die Steiermärkische Landesbibliothek für mich entdeckte.

Auch am Beginn der Straße hieß es nicht Eggenberger Gürtel, sondern "Annensäle" nach einem großen Brauereirestaurant, das ebenfalls stark bombenbeschädigt beim Wiederaufbau der Spitzhacke zum Opfer fiel. Und gegenüber gleich neben der Straßenbahnunterführung, die 1945 von einer Bombe gespalten worden war, stand die Ruine des im Untergeschoß trotzdem noch bewohnten Hotels Leeb, heute Daniel, in dessen Vorgarten heute noch als einzige Erinnerung an vergangene Zeiten ein alter, knorriger, aber trotzdem wunderschöner exotischer Baum steht, der mir schon als Kind aufgefallen war und der den Bombenhagel trotz seiner Verwundungen überlebt hatte.

Was mich dann als Jugendlichen besonders anzog, waren die beiden Kinos der Annenstraße: Das Annenhof- und das Unionkino. In letzterem hat sich seit Jahrzehnten, seit den Zeiten des Kinosterbens der Laden einer Textilkette eingenistet. Kinos gab es im Umfeld der Straße etliche. Und sie waren stets voll. Neben den beiden eben erwähnten in der Keplerstraße das Apollo, hinter dem Roseggerhaus nördlich das Orpheum, in der Ägydigasse die Murlichtspiele. Das Unionkino mit seiner Cinemascopeleinwand zog mich besonders an, da es stets amerikanische Abenteuer- und Wildwestfilme besserer Qualität spielte. Kinogehen war nicht billig. Ich konnte mir so um 1955 gerade noch einen der billigen Plätze in der ersten und zweiten Reihe leisten, wo man nur ein stark verzerrtes Bild auf der Leinwand präsentiert bekam. Das kostete 5 Schilling, genausoviel wie ich selbst für eine Nachhilfestunde kassierte, die ich in Englisch oder Latein Unterstuflern mit wechselndem Erfolg gab. In der 1/2 3 Uhr Vorstellung sitzend genoss ich den ganzen abenteuerlichen Zauber, der in der Zeit vor dem Fernsehen von den bunten bewegten Bildern ausging. Das Annenhofkino sah mich weniger häufig, denn dort war es teurer und die Filme entsprachen auch nicht ganz meinen Abenteuer heischenden Jugendträumen.

Die Anfänge des Fernsehens haben ebenfalls in meinen Annenstraßen-Erinnerungen Platz. Wo sich heute beiderseits der nach Süden abzweigenden Traungauergasse die beiden Trakte des Einrichtungshauses Leiner erheben, existierten ein großer Steinmetzbetrieb, eine Buchdruckerei und ein Radiogeschäft. Es war noch winterliches Frühjahr 1956 und in Cortina d'Ampezzo waren die Olympischen Winterspiele im Gange. Wer hatte damals knapp ein halbes Jahr nach dem Beginn der Ausstrahlungen denn schon einen Fernseher zuhause? Vor besagtem Geschäft drängten sich auf dem eher schmalen Gehsteig wohl mehr als hundert Menschen und verfolgten, darunter auch ich, einen der Siegesläufe von Toni Sailer. Nun führten an dem Hause auch die Schienen der Straßenbahn vorbei. Auch auf diesen standen die Menschen und blickten wie gebannt auf den winzigen Schwarz-Weiß-Bildschirm in der Auslage des Ladens. Näherte sich nun eine Straßenbahn, so musste der Fahrer durch aufgeregtes Klingeln die Zuseher von den Schienen scheuchen, um überhaupt weiterfahren zu können. War die Garnitur durch, schloss der Schwarm sofort wieder die Lücke und gab sich atemlos der Spannung hin. Wir reagierten tatsächlich alle wie ein Schwarm von Fischen oder Vögeln. Welche Faszination!

Annenstraße

Topographisch gesehen ist hier der Anfang der Annenstraße zu sehen, oder wenn man will, ihr Ende. Bevor sie verbaut wurde und in ihrer Linie die beiden Stadtbezirke Lend (links) und Gries (rechts) trennte, muss man sich vorstellen, dass eine holprige Landstraße von der Murvorstadt direkt bis zum Schloss führte und teilweise eine Allee darstellte. Seit 1717 war Eggenberg in der weiblichen Linie den Herbersteinern anheimgefallen, die sich ein prächtiges Palais in der Sackstraße bauten, das heute das Haus der Geschichte des Landesmuseums beherbergt. Das Haus am linken Straßenzwickel ist das Negrellihaus, das 1945 durch Bomben so schwer beschädigt werden sollte und wo ich mit Mutter und Bruder fast umgekommen wäre.. Auf der rechten Seite des Bildes befand sich noch in meiner Kindheit der Steinmetzbetrieb Greinitz, wie der Schriftzug am Giebel schattenhaft erkennen lässt.

Bis zum Beginn der 50er Jahre waren noch fast alle Lebensmittel und Gebrauchsgüter nur über Marken und Bezugsscheine zu haben. Da war es eine Sensation, als 1953 in der Annenstraße ein Süßwarengeschäft eröffnet wurde, der Zuckerlkönig Klug, in dem es vielfältige, in Papiersäckchen zu je zehn Deka eingewogene Kanditen, eben "Zuckerln" gab. Schreiende Preisschilder lockten: Saure Drops NUR 1 Schilling, Krachmandeln NUR 1 Schilling 50 usw. Die Leute stürmten das innen nur primitiv ausgestattete Geschäft förmlich. In der Annenstraße bildeten sich lange Schlangen kauffreudiger Kunden, die Polizei musste immer wieder für Ordnung sorgen. Und dann ein grauenerregender Mord! Der Besitzer Klug war ein älterer Herr in weißem Mantel, der immer schlau über die Brille blickte und einen pfiffigen Eindruck machte. Seine Frau Friederike als einzige Helferin im Geschäft, wurde 1953 nächtlicher Weile ermordet. Man munkelte, der Kaufmann wäre durch seine Zuckerln zu einem sagenhaften Vermögen gekommen. Von ganzen Nachttöpfen voller goldener Uhren und anderen Schätzen war da die Rede. Ob die oder der Mörder je gefasst wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Durch Zufall entdeckte ich unlängst das Grab des Mordopfers auf dem Grazer Zentralfriedhof.

Grabstein auf dem Grazer Zentralfriedhof

Aufstieg und Fall des Hauses Klug verbinden sich in meiner Erinnerung also ebenfalls mit der Annenstraße, in der sich dann ein sehr nobel ausgestattetes Geschäft mit wirklich feinen und vielfältigen Süßwaren auftat, der "Pagl" schräg gegenüber dem Roseggerhaus, an dessen Auslagenscheiben mit den dahinter ausgestellten Leckereien ich mir die Nase plattdrückte, wenn ich hier direkt vor dem Geschäft auf die stadtauswärts führende Straßenbahn wartete. Die aus dem damals modernen Material Eloxal gefertigte noch immer bestehende Fassade führte später in das Ladengeschäft einer Bäckerei. Heute ist es leer und verlassen und auch die Haltestelle wurde weiter nach Westen verlegt.

Annenstraße

Manche Geschäfte hatten originelle Namen, die sich noch direkt biedermeierlich anhörten. So gab es schräg gegenüber dem Roseggerhaus im mächtigen Haus der Bürgerspitalstiftung eine Parfümerie "Zur Puderquaste" und ein Damenhutgeschäft "Zum Florentinerhut". Ich entsinne mich auch noch, dass sich im Roseggerhaus, dem charaktervollen Bau als einer Mischung aus Heimatkunst und Art deco in Parterre und im ersten Stock das Café Rheingold befand. Von hier aus wurden oft Kabarett-, aber auch Publikumssendungen wie "Zeig was du kannst" im Rundfunk übertragen, der damals als Grazer Sender zur Sendergruppe Alpenland der britischen Besatzungszone gehörte. Spätere Größen wie der bekannte Mime Fritz Muliar sind damals hier aufgetreten. Dann zog ein Autohaus, das dann zu einem Möbel- und Einrichtungshaus mutierte. Eine qualitätsvolle Galerie zeitgenössischer Kunst war das Nebenprodukt, zu deren Vernissagen man gerne hinpilgerte. Dann zog in zwei Geschoßen ein seltsames Kaufhaus namens SEWA ein, dass dem Vernehmen nach von einer nicht unbedenklichen Sekte indischer Provenienz betrieben wurde. Da gab es Asienramsch jeder Art, Lebensmittel, Textilien und ich ging gerne hin und erwarb manche Kuriosität. Heute herrscht auch hier gähnende Leere und SEWA ist stark verkleinert einige Häuser stadtwärts weitergezogen und zieht mich nicht mehr ein.

Annenstraße

Da fällt mir noch ein bedenkliches Erlebnis in dieser Gegend ein, das meine kindliche Unbekümmertheit und unreife Dummheit zeigt. In einem bitterkalten Winter so etwa 1950 wartete ich neben dem Postamt Ecke Elisabethinergasse gegenüber dem Roseggerhaus auf die Straßenbahn, diesmal auf den Sechser. Neben mir floss wie heute der Mühlgang die Häuserfronten entlang nach Süden und war vom Gehsteig durch ein noch heute existierendes Eisengitter abgeschrankt. Der Handlauf befand sich ungefähr in Höhe meines Gesichtes und ich konnte mich nicht enthalten, um die Kälte zu prüfen, einmal mit der bloßen Zunge darüberzuschlecken. Sofort war ich angefroren, musste mich gewaltsam losreißen. Es tat sehr weh und mit blutender Zunge mümmelnd begab ich mich nach Hause. Auch eine Erinnerung zu meiner Lebenswelt Annenstraße.

Neben dieser Stelle gab es auch noch über dem Mühlgang zwei hölzerne Hüttchen, eine Trafik und ein Zeitungsgeschäft. Wenn man dem darin sitzenden alten Verkäufer, übrigens eine rechte Elendsgestalt, 50 Groschen gab, durfte man ein paar Comichefte, ohne sie kaufen müssen, stehend durchschmökern. So eignete ich mir Tarzan, Donald Duck oder die Billigheftfigur Sigurd an. Und später, im gesetzten Alter von 15 kaufte ich, jeweils um 1 Schilling 50 meine Rolf Torring-Heftln und Jörn Farrows U-Boot-Abenteuer. Ich habe etliche davon noch heute in meiner Bibliothek der Erinnerungen und erfreue mich an dieser heute schon einen besonderen Effekt hervorrufenden "klassischen" Trivialliteratur.

Die Annenstraße war für Graz auch so etwas wie eine Paradestraße. Die Maiaufmärsche der SPÖ zogen hier Richtung Innenstadt durch. Da es nur Weniges zur Befriedigung der angeborenen Schaulust des Menschen gab, ging man auch hier zuschauen und staunte über die vielen Fahnen, die Sportlergruppen, über die prächtig geschmückten Fahrräder der Ortsgruppen des ARBÖ, der damals wirklich noch ein Arbeiter-Radfahrer-Bund-Österreichs war. Auch gewalttätig ging es zu. Ich war im Herbst 1950 Augenzeuge, als beim Roseggerhaus die einen Putschversuch probenden Kommunisten sich mit der Polizei ein Gerangel lieferten.

Dieser Straßenzug bot einst eigentlich alles, was eine richtige Stadt zu bieten hatte. Außer den bereits erwähnten Objekten waren da noch - und sind auch noch an Ort und Stelle - zwei Apotheken, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, unweit von der Straße dasjenige des Elisabethinen-Ordens, beide mit einer Klosterkirche versehen. Die Barmherzigenkirche schon fast am Südtirolerplatz, wo die Annenstraße endet, zählt überhaupt zu den Perlen des Grazer Barock. Im Weichbild stehen auch noch die entzückende ehemalige Bürgerspitalskirche zum Heiligen Geist, die Schulkirche meines Gymnasiums, wo ich mich erstmals auf der kleinen Barockorgel versuchte, und die Pfarrkirche St. Andrä. Zur Infrastruktur zählt natürlich das Postamt, das es heute auch nicht mehr gibt, sondern zuerst einem Nudelgeschäft und dann einem Fundbüro Platz machen musste.

Murplatz

Die Annenstraße hat für mich einen besonderen Erinnerungswert. Leider ist sie, die einst eine der bedeutendsten Einkaufsstraßen der Grazerstadt mit auch noch anderen Attraktionen war, zu einem beliebigen Straßenzug herabgesunken. Fremdartige Ramschmärkte und Ess-Lokale orientalischer Fastfood dominieren. Eine starke Frequenz im Wechsel der Läden ist bemerkbar. Leere Geschäftshöhlen mit plakatverklebten und verdreckten Auslagenscheiben glotzen einen an. Welch bedauerlicher Wandel! Als Professor für Volkskunde wollte ich einmal die Annenstraße in ihrer historischen und kulturellen Bedeutung als Diplomarbeits-, vielleicht sogar Dissertationsthema vergeben. Ich ließ es aber bleiben und es schmerzt mich, wenn ich meine Erinnerungen mit ihren Sehnsüchten, kleinen Erfüllungen und so vielen bunten Bildern des Lebens in dieser einst einzigartigen Grazer Straße mit dem Heute vergleiche. Wird die Annenstraße je wieder auferstehen? Ihre Häuser stehen ja noch. Aber die Menschen ?

Da war ich 1948 in der zweiten Klasse der Hasner-Volksschule in Graz-Eggenberg. Ich sitze als zweiter rechts neben meiner Lehrerin Martha Rechling. Sie war eine liebe Person, der ich viel verdanke und die meine Neigungen, Stärken und Schwächen früh erkannte. Die Ärmlichkeit dieser Zeit wird sichtbar, dass viele meiner Mitschüler barfuss unterwegs sind. Auch Lederhose und Matrosenanzügerl kamen vor und dazu vieles von den Müttern Gestricktes. In dieser Zeit spielt vieles, von dem ich zu erzählen wusste.

Hasner-Volksschule