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Wolfgang Paar, Johannes Rieder (Hg.): Weinviertler Kellerleben#

Bild 'Paar'

Wolfgang Paar, Johannes Rieder (Hg.): Weinviertler Kellerleben. Texte und Bilder. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 132 S., ill. + CD, € 24,95

Wolfgang Paar und Johannes Rieder sind Kellergassenführer. Dieser Beruf ist kaum zwei Jahrzehnte alt, und hat doch schon vielen BesucherInnen die Faszination der kulturhistorischen Weinviertler Spezialität erschlossen. Die Ausbildung, die rund 500 Personen absolviert haben, hat der "Agrar-Plus"-Leiter Michael Staribacher entwickelt. Er ist einer der 30 Autoren, aus deren Werken das Buch über das Kulturgut Kellergasse zitiert. Sein etwas makabrer Beitrag findet sich im Kapitel "Keller - ein Himmel auf Erden?".

Sechs Kapitel umfasst dieser interessante Band, der Texte, künstlerische Bilder und Fotos der Kulturlandschaft beinhaltet. Als Zugabe gibt es eine CD, auf der die Autoren ihre Texte lesen, darunter so prominente wie Alfred Komarek, der durch seine "Polt"-Romane der Gegend ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Als Presshausbesitzer im Pulkautal vermittelt er im ersten Abschnitt den "Reiz der Kellergasse": "Es riecht ein wenig feierlich, diesseitig und jenseitig zugleich, nach gottesfürchtigem Leichtsinn und sündhafter Besinnung, umso mehr dort, wo noch Wein die dicken Fässer füllt. Zu dieser Dämmerwelt im Bauch der Erde gehört auch die Stille hier unten. Wer ihr zuhört, wird nicht allein gelassen, sondern eingehüllt in ein dichtes, vielsagendes Gespinst."

Wie Alfred Komarek wurde auch Christian Kalch, Architekt der Niederösterreichischen Agrarbezirksbehörde, mit dem "Köllamaun" ausgezeichnet. Die Holzskulptur eines Weinbauers erhalten Personen, die sich für die Erhaltung und Pflege der Kellergassen engagieren. Im Kapitel "Die Liebe zur Kellergasse" beschreibt er deren "Harmonie": "Nirgendwo hat ein landwirtschaftlicher Produktionszweig eine derart signifikante Architektur geschaffen, wie der Weinbau mit den Kellergassen. … Presshäuser, aber auch andere Beispiele naiver Architektur … sind verstandesmäßig nicht zuzuordnen, weil sie mit dem Herzen wahrgenommen werden. Keine architektonische Regel, sofern es eine solche überhaupt gibt, kann erklären, warum zwei (oder gar keine oder mehr) kleine rechteckige Maueröffnungen, mit Eisenstäben vergittert, und eine windschiefe, schadhafte Holztür in einer schlampig verputzten Fassade ein derartiges Gefühl von Harmonie aufkommen lassen."

Lois Schiferl, dem als Lehrer die Bräuche seiner Heimat ein Anliegen waren, erzählt im Abschnitt "Gastfreundschaft" über das Greangehen. Am Ostermontag luden die Weinbauern ihre Arbeiter nach dem schweren Werk des Fastenhauens zu drei Spezialitäten in die Kellertrift: weißes Brot, roter Wein und schwarzes Fleisch (Geselchtes). Dies nannte man Emmausgehen. " ' Heint geh ma ebm aus', ruft einer. 'Jo, ebm aus, oba schief hoam!', fürwitzt die Antwort. Nach einer halben, nach einer dreiviertel Stunde ist der Ort menschenleer. Selbst Wickelkinder mussten mit, der Sonne, der Luft, der Mütter wegen. Die Wagen mit den Kleinen stehen vor den Presshäusern. Die ganze, weite Kellertrift dischkuriert, ruft, juchzt, singt, musiziert, als hätte man einem deutungsreichen Fest ein eigenes Dorf erbaut. … Die Hausfrau meint: 'Om besten gfollt ma dös vun Herrn Pforrer. Wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus den Herrn bewirteten, hot a in da Predi gsogt, bewirten die Bauern ihre Arbeitskameraden und Freunde.'"

Die Überschrift des vierten Teils, "Keller - ein Himmel auf Erden ?" ist mit einem Fragezeichen versehen. "Die Sage 'Der Tod im Weinfass' wurde zur 'Eibesthaler Kelleroper'. Darin überlistet der reiche Weinbauer Höllenhois den Tod. So manches weiß getünchte Presshaus enthält die kleinste Einheit an Literatur - den Sinnspruch an der Wand oder auf den Presshausgeräten" , schreiben die Herausgeber und geizen nicht mit Beispielen, wie einem Reim aus Röschitz: "Der Wein erfreut des Menschen Herz. Zuviel getrunken, bringt er Schmerz. Er öffnet sträflich deinen Mund und tut oft ein Geheimnis kund."

"Köllamauna" sind die Kellermänner, die alten Weinbauern, die täglich durch die Trift gehen, um im Keller nach dem Rechten zu sehen. Über sie schrieb Josef Weinheber: "Er riecht schon die Keller. Die stehen nacheinander, die weißen, die gelben, mit grasgrünem Tor. Ein Sprüchel zu Häupten, zwei Luken an der Seiten - und steinalte Mander, die hocken davor."

Vor dem letzten Kapitel, "Zum Schmunzeln", haben die Herausgeber eine Warnung parat: "Schon im Alten Testament heißt es , der Wein sei 'doch von Anfang an zur Freude geschaffen.' Zur Schadenfreude kann diese werden, wo zu viel des Rebensaftes jemandes Sinn benebelt." Martin Neid, Rechtsanwalt, Weinkabarettist, Schauspieler und Autor, steuert eine "Kellerweisheit" dazu bei. "Der Weinbauer ruht im Kellervorhaus, die Hand liebevoll um das Glas gelegt. … Die weihevolle Stille wird jäh unterbrochen, als Schritte in den Andachtsraum rumpeln. ' Geh, schenk mir ein. Ich sag dir's i hob so einen Durst!' Der Kellerherr blickt verächtlich auf: 'An Durst hast ? Du trinkst erst, wenn'st an Durst hast ? Also des is mir noch nie passiert. Bis zum Durst darf man' s gar nicht kommen lassen.' "

Die Herausgeber wollten mit dem vorliegenden Kaleidoskop aus Originaltexten, Fotografien und Kunstwerken dem ursprünglichen Lebensraum ein neues Denkmal setzen. Das ist ihnen bestens gelungen. Als Außenstehender würde man sich oft mehr Information über die kulturhistorische Besonderheit des Weinviertels wünschen. Aber vielleicht ist es Absicht, die Emotion in den Vordergrund zu stellen. Die Leser sollen wohl von den schönen Bildern und hintergründigen Texten ihre Phantasie anregen lassen und den festen Vorsatz fassen, einen Ausflug in das Viertel unter dem Manhartsberg zu unternehmen. Wer noch mehr wissen will, findet vieles im Buch Weinviertler Kellergassen, das 2012 in der Edition Winkler-Hermaden erschienen ist.