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Josef Leitner: Oberösterreich erleben#

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Josef Leitner: Oberösterreich erleben. Kuriose Plätze und besondere Ausflugsziele. Verlag Anton Pustet Salzburg 2020. 256 S., ill., € 24,-

"Kurier"-Leser kennen Josef Leitner als Kolumnisten, der ihnen interessante Stätten der Natur und Kultur verrät. Dass er dabei mit dem "Pepimobil" unterwegs ist, zeigt den feinen Humor des Autors. Er ist studierter Theologe, Jurist und Germanist. Das merkt man dem vorliegenden Buch auf sympathische Weise an. Es führt zu 77 "kuriosen Plätzen und besonderen Ausflugszielen" in Leitners Heimat-Bundesland Oberösterreich.

Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben, schreibt er und begleitet uns auf Tour 75 zum Kulturensemble St. Margarethen im Zaubertal bei Linz bzw. Leonding. Die Barockkapelle Maria Thal soll auf eine vor 1000 Jahren gegründete Einsiedelei zurückgehen. Über mehrere Jahrhunderte war diese Städte mit der spätgotischen Madonna der wichtigste Wallfahrtsort im Zentralraum von Oberösterreich. Erst der Bau der Pöstlingbergkirche im 18. Jahrhundert beendete diese Tradition, weiß der Autor. Er berichtet vom Kreuzweg mit der Kalvarienbergkirche und der Heilig-Grab-Kapelle, die im 17. Jahrhundert von den Jesuiten errichtet wurden.

Häufig sind kulturellen Sehenswürdigkeiten sakraler Natur, wie das Gotteshaus in Waldhausen, die erste barocke Klosterkirche Oberösterreichs: 600 Engel und 300 Fresken schmücken die einschiffige Tonnenkirche. Im Traunviertel machen mittelalterliche Fresken den Besuch der Filialkirche Stadlkirchen in Dietach zum Erlebnis. Vor drei Jahrzehnten freigelegt, zählen sie heute zu den best erhaltenen Wandmalereien aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Eine Schutzmantelmadonna bietet der Menschheit unter ihrem Hermelinmantel Zuflucht. In Garsten kann man zur Fastenzeit in der ehemaligen Klosterkirche die vom Kremser Schmidt gestalteten Fastentücher bewundern. In Oberwang im Salzkammergut leuchten Glasfenster von Lydia Roppolt (1922-1995) in das Innere der frühgotischen Konradkirche. In den neun Fenstern hat Roppolt 36 biblische Motive abstrakt gestaltet, die damals in konservativen Kreisen wenig Anerkennung fanden. Bruno Kreisky hingegen schätzte die Künstlerin so sehr, dass er sich von ihr porträtieren ließ. Im Innviertel befindet sich mit Stift Engelszell das einzige Trappistenkloster Österreichs. Die Mönche produzieren 16 Sorten Likör und vier Sorten Bier, wovon sie 85 Prozent exportieren Der Kapitelsaal aus dem 13. Jahrhundert steht im Gegensatz zur elegant im Rokokostil ausgestatteten Kirche. Im Hausruckviertel erhebt sich "die wohl schönste Dreifaltigkeitskirche der Welt". Sie wurde 1713 als Dank für das Ausbleiben der Pest gebaut. Das auf dreieckigem Grundriss erbaute Gotteshaus hat drei Türme, drei Halbkuppeln und drei Portale. Die drei Altäre finden im Lauf des Kirchenjahres abwechselnd Verwendung. Im Mühlviertel stößt man in Micheldorf auf ein christliches Pilgerziel, das ein "keltischer Kultplatz" gewesen sein soll. Solche werden in Oberösterreich an vielen Orten vermutet, wenn man den Erklärungen einheimischer Heimatforscher folgt. In bester journalistischer Manier lässt Josef Leitner seine Interviewpartner zu Wort kommen. In den Zitaten erfährt man allerlei, auch Unglaubliches, Esoterisches und Sagenhaftes. Das Mühlviertel erweist sich da als besonders ergiebig. Seit dem Vorjahr gibt es einen "Granitpilgerweg" mit 100 spirituellen Orten zwischen Donau und tschechischer Grenze. Er soll, auch dies ein wiederkehrendes Motiv, "den Menschen Ruhe und neue Kraft geben".

Die juristische Vergangenheit des Autors zeigt sich u. a. in der Beschreibung des Museums im Renaissanceschloss Scharnstein im Traunviertel. Da sich dort um 1600 der Sitz der Herrschaft samt Gerichtsbarkeit befand, hat der Besitzer 20 Kellerräume als Kriminalmuseum gestaltet. Einen erfreulichen Kontrast bildet das erste österreichische Weihnachtsmuseum in Steyr. Nachdem im Innerberger Stadl seit fast einem Jahrhundert das "Steyrer Kripperl", eines der letzten Stabpuppentheater im deutschen Sprachraum, spielt, bekam die Stadt vor zwei Jahrzehnten das "Erste österreichische Weihnachtsmuseum" als Attraktion. Die Sessel einer ehemaligen Geisterbahn führen bis in das Dachgeschoß des hisstorischen Bürgerspitals. Dort erwarten die Besucher eine putzige Engelswerkstatt, eine Schau internationaler Weihnachtsbräuche und die größte private Christbaumschmuck-Sammlung der Welt. Die Schauspielerin Elfriede Kreuzberger präsentiert hier 14.000 Stücke aus der Zeit von 1830 bis 1945.

Das Buch bietet mit seinen 77 Routen durch die sechs Regionen des Bundeslandes allen Kulturgenuss-Wanderern etwas Interessantes. Sie sollten nicht verabsäumen, das handliche Vademecum bei ihren Touren zu Rate zu ziehen. Einen ersten Überblick verschaffen Übersichtskarten zum Ausklappen. Bei jedem Kapitel sind weiterführende Informationen, Startpunkt, Wegbeschreibung und Dauer angegeben. Während die meisten Wanderungen leicht zu Fuß zu bewerkstelligen sind - nur wenige erfordern Trittsicherheit und Schwindelfreiheit - finden sich einige, die man besser per Pferd, Fahrrad, Bergbahn, Atterseeschiff oder schnorchelnd absolviert.

Ein E-Bike empfiehlt sich für die 50 km entlang des Schwarzenbergschen Schwemmkanals. Über dieses technische Wunderwerk des 18. Jahrhunderts kam Holz aus dem Böhmerwald via Mühlviertel zur Donau. Es passierte den 400 m langen, ältesten Tunnel Mitteleuropas und unterquerte 87 Brücken. Zu Spitzenzeiten waren 1200 Menschen mit der Trift beschäftigt. Im Traunviertel folgt man einem moderneren Transportmittel, der Waldeisenbahn, die bis 1971 Holz aus dem Reichraminger Hintergebirge brachte. Die Strecke führte durch 19 Tunnels und über 41 Brücken. Heute zählt die Gegend zum Nationalpark Kalkalpen, der einzigen UNESCO Weltnaturerbe-Stätte in Österreich. Hingegen verfügt das Land über neun Weltkulturerbestätten, darunter die prähistorischen Pfahlbauten im Mondsee und Attersee. Die in Seewalchen nachgebauten Steinzeit-Einbäume auf dem Buchumschlag machen auf den Inhalt neugierig. So erfährt man im Salzkammergut-Kapitel auch, dass Gustav Mahler drei produktive Sommer in Steinbach am Attersee verbrachte. Sein Komponierhäuschen wurde rekonstruiert und im neuen Dorfzentrum blickt der Meister überlebensgroß auf die Gäste. Das Konterfei wurde nach einem Gemälde von Christian Ludwig Attersee als Mosaik aus Murano-Glas geschaffen. Im Innviertel findet man in Maria Schmolln einen speziellen Wanderweg. Nach dem Motto "Gemma Schmolln schau'n" vermitteln "Landschaftsrahmen" einzigartige Blicke auf den Wallfahrtsort. Oberösterreich ist mit Themenwegen gut erschlossen. Fast könnte man von einer beschilderten Landschaft sprechen. Vielleicht ist es ein Hobby des Germanisten, die Sprüche der Schautafeln genauer anzusehen. So liest er bei der Schlögener Schlinge im Hausruckviertel: "Hier nimm Platz und ruh dich aus, betracht' der Donau schönen Lauf. Wirfst deinen Blick nach allen Seiten, siehst überall die Donauleithen." In seinen heimatlichen Zentralraum zurückgekehrt, zitiert Josef Leitner doch lieber Goethe: Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maßstab für fremde Länder.

hmw