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Helmut Ardelt: Oberösterreich in der Steinzeit#

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Helmut Ardelt: Oberösterreich in der Steinzeit. Eine archäologische Spurensuche. Verlag Anton Pustet Salzburg. 192 S., ill. € 25,-

Citizen Science ist in den vergangenen Jahren zu einer wertschätzenden Bezeichnung für die "Bürgerwissenschaft" geworden. Früher hätte man die nicht-akademischen Laien eher abschätzig als Hobbyforscher oder Dilettanten bezeichnet. Doch schon Mitte des 19. Jahrhunderts forderte der Mineraloge Wilhelm Haidinger Interessierte auf, Naturerscheinungen zu beobachten und ihm die Ergebnisse mitzuteilen. Diese wurden publiziert, die Wissenschaft erhielt neue Daten und die Amateure sahen sich in ihrem Engagement bestätigt. Nicht nur die Naturgeschichte war und ist bei Laienforschern beliebt, viele haben sich auf Heimatkunde oder Archäologie spezialisiert. Einige bringen es zu besonderen (Er-)kenntnissen, vor allem wenn sie den Dialog mit der Wissenschaft pflegen. Zu ihnen zählt der Oberösterreicher Helmut Ardelt, der bis zu seiner Pensionierung im Management eines weltweit tätigen Technologiekonzerns beschäftigt war. Seit drei Jahrzehnten begleitet ihn die Leidenschaft für prähistorische Archäologie. Jetzt hat er seine Erkenntnisse in einem reich illustrierten Buch veröffentlicht, wobei viele Fotos von ihm selbst stammen.

Der Autor geht systematisch und chronologisch vor. Er beginnt mit einem Überblick über die Steinzeit, die vor etwa 3,3 Millionen Jahren in Afrika begann und bei uns um 2000 v. Chr. endete. Das Altpaläolithikum (bis ca. 300.000 Jahre von heute) war der früheste und längste Abschnitt. Zu den herausragenden Erfindungen zählte der Faustkeil als Universalgerät. Auch der Gebrauch des Feuers war bekannt und ermöglichte die Zubereitung von Jagdbeute. Anders als in Niederösterreich gibt es in Oberösterreich (noch) keine Funde aus dieser frühen Epoche.

Auf sie folgte das Mittelpaläolithikum (ca. 300.000 bis 40.000 Jahre vor heute). Aus der Zeit der Neandertaler stammt das wohl älteste bisher in Oberösterreich entdeckte Artefakt. 1931 fand man in einer Ziegelei am Linzer Froschberg ein Objekt aus Hornstein und fossile Knochenreste von Wisent, Mammut, Riesenhirsch, Höhlenbär und Wildpferd. Bei Grabungen des OÖ Landesmuseums in den 1960er und 1970er Jahren erwies sich die Berglitzl, eine Granitkuppe bei Langenstein an der Donau, als "urgeschichtliche Fundgrube" mit tausenden Steinartefakten. Ihre wissenschaftliche Bearbeitung steht zwar noch immer aus, doch können Teile der Funde im Landesmuseum in Linz und im Stadtmuseum Perg besichtigt werden. Auch im Toten Gebirge haben Neandertaler ihre Spuren hinterlassen. Ein interdisziplinäres 80-köpfiges Forschungsteam stieß auf Steinwerkzeuge und zahlreiche Reste tierischer Knochen.

Das Jung- und Spätpaläolithikum (ca. 43.000 bis ca.11.700 Jahre bis heute) war eine Periode extremer Klimaschwankungen mit dem Höchststand der Vereisung vor etwa 20.000 Jahren. In der westlich der Stadt Perg gelegenen Katastralgemeinde Weinzierl wurden Ende des vorigen Jahrhunderts zwei jungpaläolithische Freilandstationen entdeckt. Seit 1987 beschäftigt sich Helmut Ardelt mit der eiszeitlichen Jägerstation Weinzierl 1. Bis 2020 sammelte er dort etwa 3000 Trümmer. Dabei fielen ihm die zahlreichen Rauchquarz- und Bergkristallstücke auf, aus denen präzise Geräte hergestellt wurden. Auf dem Lagerplatz Weinzierl 2 fand der Autor neben Knochenresten 2000 Steinartefakte, darunter fossilen Schmuck. Er schließt daraus, dass sich dort Steinschlägerwerkstätten befanden. Als weitere besondere Relikte gelten Schmuckstücke aus Schneckengehäusen. Mit einem Alter von 35.000 Jahren dürften sie die ältesten Oberösterreichs sein. Interessante Fundstellen sind auch das Nixloch - eine Tropfsteinhöhle zwischen Ternberg und Losenstein -, die auf 1300 m Höhe gelegene Gamssulzenhöhle im Toten Gebirge in Spital am Pyhrn und Felsüberhänge an der Rebensteiner Mauer im Bezirk Steyr-Land.

Ab dem Mesolithikum (ca.9 700 bis 5 500 v. Chr.) wechseln die Altersangaben von (Jahre) vor heute auf die Jahre vor Christus. In Oberösterreich hat die Kultur der Mittelsteinzeit bei Bad Ischl, auf der Berglitzl, in Aschach an der Donau und im Pramtal Spuren hinterlassen. Dort wurde auch Hornstein aus bayrischen und mährischen Lagerstätten verarbeitet.

Das Neolithikum (ca. 5 600 bis 2 200 v. Chr.) ist durch die "neolithische Revolution" gekennzeichnet. An Stelle der Jäger- und Sammlergesellschaften traten - zu regional unterschiedlichen Zeiten - die produzierende Wirtschaftsweise mit Landwirtschaft und die Sesshaftigkeit. Die Gebrauchskeramik wirkt künstlerisch, die Menschen fertigten Frauenstatuetten aus Ton und Stein an. Wo es Wasser, aber kein Hochwasser, gab, bauten sie Siedlungen mit Langhäusern. Sie errichteten Kreisgrabenanlagen und erfanden Geräte zur Bodenbearbeitung und Textilherstellung. Für Oberösterreich hat im 4. Jahrtausend v. Chr. die Mondseekultur … große Bedeutung. … Charakteristisch sind die tief eingedrückten, weiß inkrustierten Ornamentmuster auf ihren Gefäßen. … 2011 wurden die "Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen " in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Das Interesse an der - seit damals so benannten - Mondseekultur begann in den 1870er Jahren. Um die Jahrhundertwende rekonstruierte man eine Pfahlbausiedlung, die ein trauriges Ende nahm. 1922 diente dieses Museumsdorf als Kulisse für den Film "Sterbende Völker" und wurde drehbuchgemäß niedergebrannt. In den vergangenen Jahren hat man die Forschung intensiviert und die Ergebnisse touristisch nutzbar gemacht. Die Pfahlbaugemeinden Attersee, Mondsee und Seewalchen errichteten an ihren Uferpromenaden Informationspavillons.

Naturgemäß liegen aus dieser relativ jüngsten Zeit die meisten Funde vor. Im oberösterreichischen Zentralraum waren dies ein Gräberfeld in Rutzing, linearbandkeramische Siedlungsreste in Tödling, ein Siedlungsplatz in Leonding, Siedlungsreste in Pasching bei Linz, Besiedelungsnachweise in Ansfelden, die Kreisgrubenanlage von Ölkam, Oberflächenfunde in St. Florian, Relikte am Unterlauf der Enns, Gräber in Scharlitz und Tödling. Auch von Fundstellen außerhalb des Zentralraums weiß der Autor zu berichten: Höhensiedlungen im Alpenvorland, Siedlungsreste an der Traun, und im Innviertel, bei der Schlögener Schlinge, in Altenberg (wo 110 Pfeilspitzen und 190 Flachbeile und Fragmente aufgesammelt wurden), im Gallneukirchner Becken und im donaunahen Mühlviertel.

Vieles ist der Aufmerksamkeit der Citizen Scientists zu verdanken. Immer wieder weist Helmut Ardelt namentlich auf ehrenamtlichen Forscher hin, die ihm Einblick in ihre Sammlungen gewährten. Der Autor forschte in Absprache mit Grundbesitzern, Denkmalamt und Landesmuseum, er pflegte auch internationale Kontakte zu wissenschaftlichen Institutionen. In seinem Buch zeichnet Helmut Ardelt ein faszinierendes Bild einer unvorstellbar langen Epoche. Am Eingang jedes Kapitels stellt er größere Zusammenhänge dar und gibt Einblick in die Lebensweise der Menschen von damals. Ein zusammenfassendes Glossar erweist sich als hilfreich, ebenso wie anschauliche Zeichnungen von rekonstruierten Personen und Siedlungen.

Manches lässt sich nur vermuten, der Autor geht vorsichtig mit Deutungen um. Abschließend widmet er sich Spezialthemen wie der Gletschermumie vom Tisenjoch oder dem prähistorischen Fernhandel. Dieser reichte, wie eine Karte zeigt, von Skandinavien bis Italien und von Bayern bis zum Schwarzen Meer. Zwar referiert Ardelt die "Kultischen Handlungen auf der Berglitzel" versieht aber den Titel mit einem Fragezeichen. Ebenso kommen die "Geheimnisvollen Felsritzungen im Salzkammergut" vor. Doch auch hier zeigt sich der ehemalige Manager erfreulich realistisch: Diese Interpretationen und vermuteten Zeitstellungen können derzeit mit wissenschaftlichen Methoden nicht bestätigt werden. Ob sich Menschen der Jungsteinzeit tatsächlich auf Felswänden unserer Alpen verewigt haben, bleibt somit ein Geheimnis.

hmw