Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Johannes Ramharter, Heidemarie Bachhofer: Tulln #

Bild 'Tulln'

Johannes Ramharter, Heidemarie Bachhofer: Tulln – Momente einer Stadt. Herausgeber: Stadtgemeinde Tulln. Offizielles Buch anlässlich 750 Jahre Stadtrecht. Kral Verlag Berndorf. 496 S., ill., € 34,90

Vor 750 Jahren reiste der Kaufmann Marco Polo nach Peking, starb Ludwig IX. auf dem siebenten Kreuzzug, reimte Jacobus de Voragine die berühmte Legendensammlung "Legenda aurea". Für die niederösterreichische Gemeinde Tulln hat 1270 eine ganz besondere Bedeutung: Am 27. Oktober beurkundete König Ottokar ihr Stadtrecht.

Jetzt ist das offizielle Buch zum Jubiläum erschienen. Unter dem Titel "Momente einer Stadt" behandeln 13 AutorInnen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen die Stadtgeschichte nach einem themenbezogenen Ansatz. Das Konzept sah zunächst eine Abkehr von traditionell angelegten Stadtbiographien vor, schreiben die Herausgeber Johannes Ramharter und Heidemarie Bachhofer. Es war daher der Anspruch an die Autorenschaft, in ihren Beiträgen jeweils von einer aktuellen Situation den Bogen in die Vergangenheit zu führen und damit die Gegenwart besser verständlich zu machen. Nach fast 500 Seiten anregender Lektüre kann man bestätigen, dass ihnen dies gelungen ist. Eine chronologische Darstellung findet sich ausführlich im Anhang. Dieser enthält weiters eine Anthologie zur Geschichte Tullns, Statistik, Bibliographie, Personenregister, Autoren- und Abkürzungsverzeichnis.

Seit dem Erscheinen der letzten Stadtgeschichte sind vier Jahrzehnte vergangen, seit der ersten umfassenden Darstellung fast 150 Jahre. Naturraum, Römer, Grenzraum, Selbstverwaltung, Stadt-Land-Beziehungen, militärische Konflikte, Verkehr, Urbanisierung, Religion, Bevölkerungsstruktur, Bildung, Katastrophen, Gesundheit, Wirtschaft, Freizeit, Kunst, Katastralgemeinden und Zukunftsvisionen sind die 17 Themen, die den Wandel widerspiegeln.

Seit einigen Jahren nennt sich die Stadt, die zwei Flüssen (Große und Kleine Tulln), die westlich und östlich davon in die Donau münden, ihren Namen verdankt, "Tulln an der Donau". So lautet auch der erste Satz im Jubiläumsband Tulln an der Donau - ein Name ist Programm. Der Biologe Matthias Kropf beschreibt darin Lebensraum und Biodiversität. Die Tullnerfelder Donau-Auen bilden einen Teil des europaweiten "Natura 2000"-Schutzgebietes. 40 Brutvögel-Arten sind hier heimisch, Ansiedlungsprogramme haben die Biber zurückgebracht. Die floristische Kartierung Österreichs verzeichnet mehr als 700 Arten Höherer Pflanzen. Tulln nennt sich "Gartenstadt" oder "Rosenstadt", was auf die ortsansässigen Gärtnereien und Baumschulen verweist. Der erste Blumenkorso fand 1953 statt, zehn Jahre später die erste Gartenbaumesse. 1967 folgte die Eröffnung des Messegeländes, seit 2008 gibt es die Landesgartenschau "Garten Tulln". Die 1996 fertig gestellte Donaubrücke trägt den Namen "Rosenbrücke" und ein Einkaufszentrum heißt "Rosenarkade".

Dass Tulln heute ein überregionales Zentrum des Landes und auch eine der bedeutendsten Einkaufsstädte in Niederösterreich ist, ist unter anderem der günstigen Verkehrslage zu verdanken, betont Manfred Neubauer. Der Vermessungstechniker beschreibt Die Entwicklung Tullns im Netz der Verkehrsverbindungen. Im römischen Straßensystem spielte das Reiterkastell Comagenis eine Rolle. Seit dem Jahr 218 steht in der Katastralgemeinde Nitzing ein Meilenstein. an seiner ursprünglichen Stelle. Er markierte die Hauptverbindungsstraße von Wien nach St. Pölten. Lange Zeit war der Warenverkehr auf der Donau von großer Bedeutung. Stromaufwärts mussten die Schiffe durch "Treideln" entlang der Treppelwege gezogen werden. Dabei waren mehr als 100 Pferde und Menschen damit beschäftigt, solch einen mehr als 500 Meter langen Zug stromaufwärts zu schleppen und zu manövrieren. Besonders wichtig für den Transport von Gütern und Passagieren war die 1870 eröffnete Franz-Josefs-Bahn. Damit war Tulln wieder an einem Hauptverkehrsweg situiert, und die nördlich der Donau liegenden Orte und Gemeinden hatten eine sichere und gute Verbindung in die Stadt. Mit der Brücke über die Donau wurde in Tulln ein langsamer, aber stetiger wirtschaftlicher Aufschwung eingeleitet.

Die AutorInnen erläutern diesen Aufschwung ebenso wie die durch Kriege und Katastrophen verursachten Rückschläge. Am Ende des lesenswerten Buches stellt Bürgermeister Peter Eisenschenk Eine Zukunftsvision für Tulln vor. Experten und Einwohner entwickelten gemeinsam die Tulln Strategie 2030. Sie legt die Ziele für die nächsten 15 bis 20 Jahre vor. Schwerpunkte sind Mobilität, Umwelt, Wirtschaft, Stadtentwicklung, Soziales, Gesundheit, Kultur, Sport und Tourismus. Dass es bei so umfassenden Weichenstellungen unterschiedliche Positionen gibt, war nicht zu vermeiden (auch, dass frühere Fehlplanungen eingestanden werden mussten). Was aber für die Zukunft wichtig ist, hat sich seit 1667 nicht geändert: damit mehrer ainigkeit und lieb gepflanzt werde. Mit dem Zitat aus einem Ratsprotokoll, das die Herausgeber als Motto ihres Buches wählten, schließt sich der Bogen zur Vergangenheit. Oder mit Odo Marquard philosophisch formuliert: "Zukunft braucht Herkunft".

hmw