Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Dorfgeschichten#

(Bedingungen in der Provinz)#

von Martin Krusche

Ich mag diese Vorstellung sehr: Was immer uns gelingt, ruht auf den Vorleistungen anderer. Das hat äußerst kontrastreiche Dimensionen. Und es ereignet sich auch im Nebeneinander, also gestützt auf die Kompetenzen anderer, die ihr Wissen in ein Gemeinwesen einbringen. Daraus ließe sich ableiten: Was immer uns gelingt, gedeiht mit den Leistungen anderer. Damit meine ich, daß wir einfallsreich und schöpferisch sind, wenn wir in einem anregenden geistigen Klima leben, welches sich aus vielen Quellen entfaltet.

Eine Krusche-SPLITTERWERK-Interferenz von 2018. (Foto: Martin Krusche)
Eine Krusche-SPLITTERWERK-Interferenz von 2018. (Foto: Martin Krusche)

Das einsame Genie von singulärer Exzellenz ist ein Phantasma. Und selbst wenn man alle paar hundert Jahre ein, zwei Exemplare davon fände, hätte das keine besondere Aussagekraft. Wie Menschen als Zoon politikon, als gesellige Tierchen, werden erst durch Anregung und Abwechslung zu kreativen Kräften. So funktioniert unsere kognitive Ausstattung. Aber ich schweife ab, bevor ich begonnen hab, auf einen Punkt zu kommen.

Kürzlich führten die Archäologin Sarah Wolfmayr und der Historiker Siegbert Rosenberger an einige Stellen der Stadt Gleisdorf, welche Querverbindungen zur römischen Antike repräsentieren.

Es gab in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten hier einen Vicus, also eine Siedlung an einer Route, die später Bernsteinstraße genannt wurde.

Bisher ist mangels Quellen nicht bekannt, wie diese Siedlung hieß. Aber Funde machen deutlich, daß es im Raum Gleisdorf Produktionsstätten gab, die der Metall- und Glasverarbeitung gewidmet waren. Ich hab unter Splitter und Scherben (Wozu die Befassung mit Resten unserer Geschichte?) eine Notiz zu diesem Rundgang verfaßt.

Darin finden Sie einige gute Gründe, warum wir uns noch heute dafür interessieren sollten, wovon diese historischen Fundamente handeln. Siehe in diesem Zusammenhang auch meine Notizen unter Rosa, Rosae, Rosae... (Wozu über die Antike nachdenken?). Da wird dann deutlich, welche Ereignislinien aus der Antike heraus in die Dampfmaschinen-Moderne führen, die derzeit gerade in der Vierten Industriellen Revolution einen radikalen Umbruch erlebt.

Gerade weil das Tempo in den letzten 200 Jahren permanenter technischer Revolution langsam ins Unerträgliche steigt, hilft uns ein Hauch von Geschichtskenntnis bei der Orientierung. Dem ist übrigens ein aktuelle EU LEADER-Projekt gewidmet, das unter der Projektleitung des Ludersdorfer Bürgermeisters Peter Moser steht. Dabei geht es um Klein- und Flurdenkmäler, also um Bildstöcke, Wegkreuze, Kapellen etc.

Dieses komplexe Zeichensystem, das unseren Lebensraum durchzieht, birgt eine Menge sehr interessanter Aspekte. Es hilft uns, die Gegenwart zu deuten, wenn wir dieses kulturelle Netzwerk der Wegmarken etwas besser verstehen, denn es entspringt nicht den Ambitionen der Obrigkeit, sondern kommt aus der Bevölkerung. Siehe dazu: Wegmarken: nächste Stufe (Ein LEADER Kulturprojekt)

Archäologin Sarah Wolfmayr und Historiker Siegbert Rosenberger (Foto: Martin Krusche)
Archäologin Sarah Wolfmayr und Historiker Siegbert Rosenberger (Foto: Martin Krusche)
Wegmarken: Projektleiter Peter Moser (links) und Fotograf Richard Mayr. (Foto: Martin Krusche)
Wegmarken: Projektleiter Peter Moser (links) und Fotograf Richard Mayr. (Foto: Martin Krusche)

Prozeßhaftes Arbeiten#

Das halte ich unter anderem deshalb für erwähnenswert, weil allein schon diese paar Aktivitäten illustrieren, daß die Kleinregion Gleisdorf aus sich heraus ein breites Spektrum versierter Fachkräfte stellt, sachkundige Menschen, die im Zusammenwirken große Themen bewältigen.

Das verlangt keineswegs, alle relevanten Personen unter ein gemeinsames Dach zu schubsen. Gerade die Vielfalt der Charaktere im Kontrast zur Vielfalt der Positionen macht diese Gemengelage hochwirksam. Dazu kommen gelegentlich Experten von auswärts als Gäste. So etwa der Kameramann Fritz Erjautz mit seinen aktuellen soziokulturellen Interessenslagen. Unser Arbeitstreffen in den Hügeln über Ilz hatte freilich nicht zufällig eine Themenstellung aus dem Bereich der Mobilitätsgeschichte: Puch. Ein Mythos. (Der Auftakt einer Erkundung)

Kameramann Fritz Erjautz (Foto: Martin Krusche)
Kameramann Fritz Erjautz (Foto: Martin Krusche)

Johann Puch ist sicherlich, wenn wir nach historischer Tiefe fragen, der prominenteste Fabrikant der Steiermark. Sein Name wurde zur Marke und diese zum Teil der vormaligen Steyr-Daimler-Puch AG. Dazu paßt, daß der Keuschlerbub Janez Puh aus der Untersteiermark erst Handwerker und dann Unternehmer wurde, dessen Produkte Weltrang erreichten. Das ist ganz exemplarisch eine individuelle steirische Entwicklungsgeschichte.

Der Punkt dabei: Experten als Gäste von auswärts bereichern das regionale Kulturgeschehen auf unverzichtbare Art. Aber dieses Kulturgeschehen wäre ohne Substanz, würden die inspirierten Kräfte vor Ort fehlen. Das ist übrigens ein Zusammenhang, wie er aus den 1970er Jahren heraus als Grundlage einer eigenständigen Regionalentwicklung gedacht wurde. Eine Beachtung der autochthonen Kräfte und Talente, die sich mit interessanten Menschen nach eigenem Belieben über jede Distanz hinweg austauschen, wozu uns die aktuelle Mediensituation mit Telekommunikation und Telepräsenz interessante Möglichkeiten bietet.

Aber die reale soziale Begegnung bleibt unverzichtbar. Apropos Experten von auswärts! Als wir im Jahr 2016 in Hofstätten „Mythos Puch III“ realisiert haben, war Kulturwissenschafter Matthias Marschik einer der Akteure dieser Session auf dem Parkplatz einer Spedition. (Ich hab gemeinsam mit Marschik bisher zwei Bücher verfaßt.) Dort besuchte uns Informatiker Hermann Maurer, um sich anzusehen, was wir treiben. Daraus resultiert meine inzwischen kontinuierliche Kooperation mit Maurer. So entstand zum Beispiel unser Themenfeld Mensch und Maschine.

Marschik hat mir übrigens gerade eine seiner aktuellen Publikationen geschickt. Das gemeinsam mit Schriftsteller Thomas Karny verfaßte Buch „Motorsport in Österreich 1945 bis 1970“, erschienen im Sutton Verlag. (Darin natürlich gut vertreten der King of Cool unserer Jugendtage, Rennfahrer Jochen Rindt.)

Kulturwissenschafter Matthias Marschik (links) und Informatiker Hermann Maurer bei „Mythos Puch III“. (Foto: Martin Krusche)
Kulturwissenschafter Matthias Marschik (links) und Informatiker Hermann Maurer bei „Mythos Puch III“. (Foto: Martin Krusche)
Bild 'mix04'

Das hat wiederum einiges mit der Popkultur zu tun. In der Sache war ich kürzlich mit Musiker Jimy Cogan unterwegs. Der ist Jahrgang 1946, hat diese gesamte Entwicklung der Nachkriegszeit erstens miterlebt und zweitens an einigen Stellen mitgestaltet. Siehe dazu: Bis zum Anschlag (Popkultur als Rahmenbedingung und Arbeitsinhalt)

Kenntnis der Antike#

Was ich nun deutlich machen möchte, der Blick Richtung Antike nützt uns derzeit, um die Tiefe und Dauer mancher Ansichten und Vorstellungen zu begreifen, wie sie gegenwärtig Wirkung haben; und zwar ganz unabhängig davon ob sich jemand für Geschichte interessiert oder nicht. Diese Betrachtungen halte ich für nützlich, um zu begreifen, was Mentalitätsgeschichte bedeutet und wie unglaublich wirksam sie ist.

Das berührt auch Aspekte dessen, was wir uns unter Volkskultur vorstellen dürfen, wobei aber dieser Begriff inzwischen ziemlich beliebig eingesetzt, ja: benutzt wird. Hier ist eine aktuelle Begriffsklärung nötig, womit ich den Diskurs meine, nicht ein direktes Eingreifen in das kulturelle Handlen der Menschen. (Das Kulturgeschehen hat schon mehrfach unter dem Engagement von „Kulturschützern“ gelitten.)

Es war dann die Popkultur, von der in meiner Kindheit diese Dichotomie „Volkskultur/Hochkultur“ aufgebrochen wurde. Dabei kam es zu stellenweise atemberaubenden Verzahnungen und Interferenzen mit der Gegenwartskunst.

Ich sehe mich nun bei solchen Betrachtungen weder im Dienst der Renaissance, noch des Klassizismus‘. Es geht mir nicht um die Reproduktion, sondern um die Kenntnis der alten Formen. Mir nützt die Betrachtung der Antike, um unsere Ideengeschichte besser zu kennen und um zu begreifen, wie Kultur über Jahrtausende hinweg wirkt, sich ereignet. Das hilft mit, meine kulturellen und künstlerischen Ambitionen in der Gegenwart genauer einzustellen. Anders ausgedrückt, ein Leben in der Provinz zwingt uns ja nicht provinziell zu sein.