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Notiz 073: Textil, Textur, Text#

(Zeit.Raum: der Netzkultur-Zusammenhang)#

von Martin Krusche

Im aktuellen Projekt habe ich mit drei Frauen verschiedener Generationen zu tun. Das ergibt einen Bogen zwischen 31 und 90 Jahren. Dabei rückt ein Teilthema in mein Blickfeld, über das ich bisher noch nicht genauer nachgedacht hab. Das mögliche Verhältnis zwischen Handwerk und Handarbeit. Dabei tut sich eine Art Zwischenwelt des Bastelns auf.

Gewebe als Medium. (Foto: Andrea Habeler)
Gewebe als Medium. (Foto: Andrea Habeler)

Während meiner Kindheit wurden in der Schule zwei getrennte Fächer unterrichtet: Werken und Handarbeit. Hier die Buben, dort die Mädchen. Das betrifft die 1960er Jahre. Spätestens in meiner Lehrzeit als Buchhändler (in den 1970ern) war das Basteln mit einem überbordenden Sortiment an bunt illustrierten Ratgeber-Publikationen hinterlegt.

Das Magazin „Wunderwelt“. Die Perlen-Reihe. Der FalkenVerlag. Nicht zu vergessen das Magazin „hobby“ mit seinen Bastelanleitungen, die vom Modellflugzeug über Tretautos und elektrische Zeitschaltuhren bis zu Schrankwänden und anderen Möbelarten reichten. Das stand in farbenfrohem Kontrast zu der ab 1961 laufenden TV-Serie „Wer bastelt mit“, die naturgemäß schwarzweiß war und von Oberschulrat Franz Kotscher gnadenlos steif exekutiert wurde. Das Motto lautete auf jeden Fall: Do it yourself!

Die Ehre des Handwerks#

Ich hab für den Zeit.Raum einen passenden Auftakt zum Thema „Die Ehre des Handwerks“ gefunden, denn Irmgard Eixelberger ist handwerklich in einem Genre zuhause, das ich davor nur als ein dekoratives Fach aus der Bastelecke kannte, vorzugsweise weiblich besetzt. Eixelbergers Maisstroh-Püppchen im Kontrast zu den massiven Holzschnitzter-Figuren der Mannsbilder? Ein Klischee!

Eixelberger hat dieses Klischee in der ersten Episode des Zweier-Slots auch gleich demontiert. Aber behalten wir es vorerst einmal im Auge: Handwerk und Handarbeit. In meiner Korrespondenz mit Monika Lafer zur ihrer zweiten Episode im Einser-Slot kam kürzlich folgende Passage vor: „Ränder mit der Nähmaschine versäubern“. Da hatte ich gleich eine Assoziation. Meine Begegnung mit dem Nähmaschinen-Fachmann: „Von kleinen und sehr großen Schrauben“ (Der Handwerker Karl Lagler)

Eixelbergers Strickerin im Zeit.Raum. (Foto: Monika Lafer)
Eixelbergers Strickerin im Zeit.Raum. (Foto: Monika Lafer)
Eixelbergers Steinmetz im Zeit.Raum. (Foto: Monika Lafer)
Eixelbergers Steinmetz im Zeit.Raum. (Foto: Monika Lafer)

Die komplette Passage lautet: „Das leichte Leinengewebe sollte nicht auf einen Rahmen aufgezogen werden, da man jeden Knick nach der Wiederabnahme sehen würde. Also: Ränder mit der Nähmaschine versäubern, das Gewebe an die Wand fixieren und nicht vorleimen bzw. grundieren (denn da bliebe das Ding unweigerlich an der Wand kleben). Das Ergebnis ist ein Acrylgemälde auf ungrundiertem Leinengewebe.“

Das ergibt eine Resonanz zu Arbeiten, die Andrea Habeler gerade auf dem Tisch hat, wovon dann beizeiten etwas als eigene Episode in den Zweier-Slot kommen wird. Wir haben dazu bezüglich der Exponate noch keine Entscheidung getroffen, aber ich sehe schon, was sich da an Optionen auftut. In der Korrespondenz mit Habeler kam ich dann auch auf dieses Begriffs-Ensemble: Textil, Textur, Text.

Das größere Ganze#

Textilien als das Greifbare, Textur als dessen Oberfläche, wahlweise als etwas Inhaltliches, Text als die Abstraktion, das Symbolische: eine Übersetzung von Dingen und Vorgängen in Code. Das verweist auf ein anderes Feld, mit dem ich befaßt bin. Unser aktuelles GISAlab-Projekte, läuft derzeit unter dem Titel „Geteilte (in)Kompetenzen“. (Ein Beitrag zum „Graz Kulturjahr 2020“).
Früher FMT-Folder, Außenseite.(Foto: GISAlab)
Früher FMT-Folder, Außenseite.(Foto: GISAlab)

Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov hat diese aktuelle Position aus einem mehrjährigen Prozeß abgeleitet. Das begann im Juni 2010 mit dem „Frauenmonat“ und dem Thema „Frauen, Macht und Technik“. Davon war für die Fachtagung im Juli 2011 das Kürzel „FMTechnik!“ abgeleitet worden. Peitler-Selakov beließ es nicht dabei.

Demnach war am 26. Oktober 2012 bekanntzugeben: „In den letzten Jahren entwickelte Mirjana Peiter-Selakov für die soziokulturelle Drehscheibe ‚kunst ost‘ den Themenschwerpunkt „FMTech_Lab!“, wo die Fragestellungen zu den Zusammenhängen ‚Frauen, Macht und Technik‘ bearbeitet wurden, was schließlich zu einer neuen Praxisebene, der des Labors, führte.“

Was damals konzipiert wurde, kam 2013 auf eine nächste Ebene. Peitler-Selakovs Intention: „In dieser Laboranordnung wirken Kunst, Technik und Pädagogik zusammen, um Mädchen und jungen Frauen Zugänge zu den Bereichen Mathematik, Technik und Naturwissenschaften zu ebnen, aber auch, um die Potentiale der Befassung mit Gegenwartskunst deutlich zu machen.“

Kopfgrafik der Website: GISAlab
Kopfgrafik der Website: GISAlab

Die Konsequenz war das GISAlab: Girls_In_Science_and_Art, das sich inzwischen auch längst von Kunst Ost abgekoppelt und eigenständig etabliert hat. Eine frühe Notiz auf der Website steht unter dem Titel „Frauen, Technik und Handwerk“, enthält die Frage: „Warum sollte eine Volkswirtschaft auf all diese Talente verzichten?“ (Quelle) Das meint die technischen Talente der Mädchen.

Das aufschlußreiche Jahrzehnt#

Sie sehen, 2010 bis 2021 haben wir uns in einer prozeßhaften Form der Wissens- und Kulturarbeit dieses gesamte Themenfeld erschlossen. Es besteht auf jeden Fall zu einem Aspekt keinerlei Disskussionsbedarf: Mädchen und Frauen können – je nach Laune und Talent – in allen diesen Bereichen aktiv sein und ihre Interessen umsetzen.
Im Schrauber-Workshop mit Künstler Niki Passath. (Foto: Mirjana Peitler-Selakov)
Im Schrauber-Workshop mit Künstler Niki Passath. (Foto: Mirjana Peitler-Selakov)
Die Prüfung: das Maschinchen läuft oder läuft nicht. (Foto: Mirjana Peitler-Selakov)
Die Prüfung: das Maschinchen läuft oder läuft nicht. (Foto: Mirjana Peitler-Selakov)

Das findet auf allen denkbaren Qualitätslevels statt. Ich hab also beides gerade im Blickfeld, das Nähen und Stricken wie und das Löten und Schrauben. Dabei muß klar sein, wenn sich eine Frau entscheidet, für ihre Ambitionen jene Werkzeuge und Medien zu wählen, die wir traditionell mit „Handarbeit“ assoziieren, muß ihr das völlig freistehen. Das darf noch kein Anlaß für eine geschlechtsspezifisch Zuschreibung sein, wie auch eine Frau die Bevorzugung von Lötkolben, Schraubenzieher und Seitenschneider nicht rechtfertigen muß.

Es paßt mir grade, daß sich diese beiden Projekte nun zeitgleich entfalten. GISAlab: „Geteilte (in)Kompetenzen“. Zeit.Raum: „Die Ehre des Handwerks“. Hier die Fragen nach Mädchen und Frauen in der Technik. Dort dieser andere Bereich in meiner Griffweite: diese Bevorzugung von Wolle, Textilien, Nähnadeln etc.

Kunst und Handwerk… (Foto: Monika Lafer)
Kunst und Handwerk… (Foto: Monika Lafer)

Das hat zwar in seiner Dichotomie bei uns sehr konkret mit Aspekten von Frauenleben zu tun, aber – wie ich denke - ganz wesentlich aus ideologischen Gründe. Es ist nicht von Natur aus „weiblich“. Allerdings scheint mir subjektiv, daß Mädchen mit Lötkolben inzwischen mehr Akzeptanz finden können als Buben mit Stricknadeln. Schiebe ich dann die Ideologie beiseite, bleiben vor allem Fragen nach Handfertigkeit und handwerklichen Aspekten. Das vereint all diese Bereiche wiederum, denn die Hände kennen keine Ideologie.


(Foto: Andrea Habeler)
(Foto: Andrea Habeler)