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Pathos und Ethos#

(Überlegungen zum Projekt Die Quest)#

von Martin Krusche

Das regionale Kulturprojekt „Die Quest“ hat im Titel einen bewußt gewählten Bezug zu jenem alten kulturellen Ereignis, der Sinn- und Erfahrungssuche auf selbstgewählter Fahrt. Eine Version der „Heldenreise“. Bloß, daß es in zeitgemäßer Form als eine kollektive Praxis angelegt ist. Nicht um Heldentaten zu generieren, sondern um Erkenntnisgewinn zu ermöglichen. Mit dem Aspekt der Reise ist das Prozeßhafte betont.

Künstler Klaus Rinke auf dem Rechner von Künstler Selman Trtovac bei unserem 2017er Kunstsymposion – (Foto: Martin Krusche)
Künstler Klaus Rinke auf dem Rechner von Künstler Selman Trtovac bei unserem 2017er Kunstsymposion – (Foto: Martin Krusche)

Der Helden-Aspekt ist hinfällig. Ich bin in einem Klima aufgewachsen, da die herausragende Persönlichkeit als Stereotyp noch höchste Bedeutung hatte. Ich erinnere mich, daß mir als etwa Zwölfjährigem in der Schule die Frage nach einem Vorbild gestellt wurde; vor der versammelten Klassengemeinschaft. Wir sind reihum drangekommen. Ich war so töricht, John F. Kennedy und Albert Schweizer zu nennen.

Es war mir dann auch gleich vor mir selbst unangenehm, eine derart dümmliche Pose gewählt zu haben, um in der Nennung dieser Männer absolut auf Nummer sicher zu gehen. Trotz meiner jungen Jahre schien mir klar zu sein, daß beide unanfechtbar seien, prächtige Exemplare, wunderbare Vorbilder, um sich mit solcher Namensnennung hervorzutun. Erwachsene gefielen sich, Personen von angeblich singulärer Exzellenz in unseren Fokus zu rücken und so zu tun, als würde es was bedeuten.

Die Verehrung einzelner Personen halte ich keineswegs für anrüchig. Es kommt auch bei mir bis heute vor. Als eine schöne Emotion, die sich an konkreten Eindrücken entzündet. Aber das ist ein innerer Vorgang, eine intime Erfahrung. Es gibt wenig Gründe, derlei nach draußen zu trompeten, womöglich vor sich herzutragen.

Da ich nun für unser Projekt „Kulturwandel durch Technik“ im Austria-Forum einen Text über Volkskultur zu schreiben hatte („Etwas Unschärfe als die nächste Klarheit“), war ich veranlaßt, etliche meiner Ansichten an Quellen aus früherer Zeit zu überprüfen. Das schien mir auch zu einem anderen Text für dieses Projekt nötig: „Da gibt’s kein Dort - Über Veränderungen im Verhältnis von Zentrum und Provinz“.

Helmut Oberbichler (Aprilfestival) – (Foto: Martin Krusche)
Helmut Oberbichler (Aprilfestival) – (Foto: Martin Krusche)
Winfried Lehmann (Aprilfestival) – (Foto: Martin Krusche)
Winfried Lehmann (Aprilfestival) – (Foto: Martin Krusche)

Dabei fiel mir auf, daß viele Beiträge bezüglich der genannten Themen in Publikationen der steirischen Landesregierung und in andere Büchern, soweit sie zwischen den 1940er und 1960er Jahren erschienen sind, aus heutiger Sicht mit einem entsetzlichen Pathos formuliert wurden. Ein Beispiel solle genügen: „Kraft, Trost und Begeisterung empfängt die christliche Gemeinde aus dem Schatz ihres Volkssanges.“ So der verdiente Hanns Koren 1961 zum Geleit für das „Steirische Liederbuch“, in dem man nur mit größte Mühe steirisches Liedgut findet.

Sein Lehrer, Viktor Geramb, trieb es im Raunen und im Andeuten noch weiter. Geramb pflegte eine anhaltende Skepsis gegenüber einer „individualisierten Oberschichtenkultur“, der gegenüber er „Mutterschichten“ vermutete, in die man „absinken“ könnt. Deshalb wäre darauf zu achten, „Daß die Eiszeit der Kulturzertümmerung nicht auch jene Wurzelkräfte der Mütter erfriere“ und das sei „wie wir eingangs sagten, letzter und tiefster Sinn des Heimatschutzes“.

Ich lasse beiseite, solche Ansichten auf ihren ideologischen Gehalt hin zu prüfen, denn in der Betrachtung historischer Quellen soll man sich vor Rückübertragungen hüten. Das meint in diesem Fall, ich befinde mich 2018 weltanschaulich in gänzlich anderen Bedingungen als Geramb, der solche Zeilen vor rund 70 Jahren publiziert hat. Das ist mit heutigen Kriterien schlecht zu bemessen. Es ist aber auf jeden Fall schlechte Prosa, die man Reich-Ranicki, wenn er noch lebte, besser nicht vorgelegt hätte. So viel läßt sich auch aus heutiger Sicht und nach damaligen literarischen Kriterien sagen.

Meine heutige Lektüre der alten Bücher läßt mich annehmen, daß in solchem Outrieren, wie man das bezeichnen wollte, wenn es auf einer Theaterbühne stattfände, ein interessanter Zweck verborgen liegt. Ich würde das glatt als kulturelle Leistung einschätzen. Es simuliert eine Bedeutungsschwere, eine Tiefe, die uns von der Sprache an die Wand projiziert wird, auch wenn man sie bei genauer Prüfung nicht finden kann, wenn als nichts hinter dem projizierten Bild ist, so daß man es nicht einmal hohl nennen könnte. Auf die Art entsteht quasi ein flaches kulturelles Bollwerk aus Worten und Bedeutungen.

Zwei Handwerker, Manfred Haslinger (links) und Fredi Thaler – (Foto: Martin Krusche)
Zwei Handwerker, Manfred Haslinger (links) und Fredi Thaler – (Foto: Martin Krusche)

Damit behaupte ich keineswegs, es läge nichts darunter. Solche Konstruktionen haben sehr konkrete Fundamente. Was in all dem an sozialen, politischen und kulturellen Faktenlagen zu entdecken bleibt, ist evident (und hier nicht mein Thema). Allerdings sind wir heute im günstigsten Fall etwas sensibler, wenn man von sogenannter Symbolpolitik eingehüllt wird. Oder sollte ich sagen: von Propaganda?

Das ist übrigens ein brisantes Stichwort. Ich staune, wie vertraut uns seit geraumer Zeit der Begriff Fake News erscheint, so als könnten Nachrichten auch als Scherzartikel angeboten werden. Wie ein lustiges Hütchen: Fake Hat, oder eine falsche Nase: Fake Nose. Wenn dann erwachsene Menschen ohne jede ironische Brechung von „Alternativen Fakten“ sprechen, habe ich keinen Zweifel, das ist eine obszöne Zumutung. Ethos? Alternative Ethics!

Warum ich all das erzähle? Ich bin ein Anhänger kollektiver Wissens- und Kulturarbeit. Was sich darin bewährt, zeigt keinen Bedarf an bedeutenden Helden, die sich einsam ins Rad der Geschichte werfen, wahlweise in singulärer Exzellenz auftreten, um uns mit dem milden Schein ihrer Bedeutung zu wärmen. Das sind gespenstische Posen.

Dort, wo ich Teil eines Kreises inspirierter Menschen bin, ist außerdem keine Hierarchie eingerichtet, in der man sich bezüglich eigener Kompetenzen gegenseitig übetrifft. Es ist ein Feld, auf dem die Fähigkeiten komplementär zueinander angeordnet werden. Das hat den Vorteil, daß exzellente Einfälle zum allgemeinen Nutzen wirksam sein können, daß ich aber auch mittelmäßige Momente haben darf, ohne deshalb aus dieser Gemeinschaft zu kippen. Selbst temporärer Still stand ist zulässig.

Aus vielen gemeinsamen Stunden mit alten Handwerkern habe ich unter anderem eine Sache als besonders inspirierend empfunden. Diese Leute haben einen sehr ansprechenden Umgang mit dem Nichtwissen. Man könnte fast sagen, das Nichtwissen steht da als ein kultureller Wert, der unverzichtbar ist, um sein Gegenteil, das Wissen, anzustreben. Vielleicht müßte neuerdings wieder ein Ethos des Nichtwissen formuliert werden.

Ich kann jederzeit für zwei Groschen einen ganzen Stapel an Kalendersprüchen bekommen, die mir ein Recht auf Scheitern zubilligen, die gelegentliches Scheitern sogar empfehlen, gemäß der antiken Gewißheit: ohne Krisis keine Katharsis. Aber in der Praxis leiste Dir besser keine Bruchlandung, denn die Kalenderspruch-Klugheiten sind gemacht, um damit Scheiterhaufen zu entzünden.

Von links: Hermann Maurer (Austria-Forum), Martin Krusche (Kultur.at) Ewald Ulrich (Fokus Freiberg) und Burghard Kaltenbäck (SFG) – (Foto: Ursula Glaeser)
Von links: Hermann Maurer (Austria-Forum), Martin Krusche (Kultur.at) Ewald Ulrich (Fokus Freiberg) und Burghard Kaltenbäck (SFG) – (Foto: Ursula Glaeser)

Ich neige übrigens heute zur Ansicht, daß Wissen eine eher platonische Kategorie ist, eine Sache „an sich“, über die wir real gar nicht verfügen können. Worum es eigentlich geht, ist immer der Wissenserwerb. Der lebt unter anderem davon, daß man Wissen nicht für gewiß hält, sondern stets wieder in Frage stellt; als einen wichtigen Teilprozeß des Wissenserwerbs.

Falls Sie nun meinen, das sei bloß Wortklauberei, muß ich annehmen, daß sie sich noch keinen sehr komplexen Themen gewidmet haben, die einem zum Wissenserwerb längere Zeit viel abverlangen. Im oben erwähnten Text über Volkskultur zitierte ich Forscher Michael Narodoslawsky vom Institut für Prozess- und Partikeltechnik an der TU Graz: „Wissenschaft hat nichts mit Wahrheit zu tun.“

Er präzisierte all das mit der Erläuterung, Wissenschaft, wie er sie pflege, sei ein Versuch, das „was die Leute vor uns gefunden haben, zu widerlegen. Das bedeutet, was ich heute finde, ist mit Sicherheit falsch.“ Wissenschaft sei nichts anderes, als eine Auseinandersetzungsform mit der Realität, und zwar mit bestimmten Regeln. „Entlang dieser Regeln gehen wir mit der Realität um und ändern dabei dauernd unser Wissen und ändern dabei dauernd unsere Weltsicht, unsere Realität...“

Ich schweife ab. Die Handwerker und ihr Umgang mit dem Nichtwissen. Es blamiert sich unter diesen Leuten, wer Dinge behauptet, die er nicht kann. Das ist in der Welt des Greifbaren natürlich ganz gut überprüfbar. Nichtwissen gehört allerdings zum laufenden Geschäft, weil immer irgendein Problem auftaucht, dem man grade nicht gewachsen ist. Also zeigt Kompetenz, wer Rat sucht, statt das Werkstück zu ruinieren.

Von links: Die Bürgermeister Peter Moser (Ludersdorf), Werner Höfler (Hofstätten) und Robert Schmierdorfer (Albersdorf) – (Foto: Martin Krusche)
Von links: Die Bürgermeister Peter Moser (Ludersdorf), Werner Höfler (Hofstätten) und Robert Schmierdorfer (Albersdorf) – (Foto: Martin Krusche)

Ich hab außerdem erlebt, daß es ausdrücklich honoriert wird, wenn man fragt. Es drückt Respekt gegenüber dem Erfahrenen aus und zeugt zugleich, daß man die Sache ernst nimmt, nicht vermasseln möchte. Etwas plüschig ausgedrückt: der Werktätige stellt sich hinter sein Werk, statt nach vorne zu drängen, betont das Werk und nicht sich selbst. Ein Modus, der zu vielen angenehmen Situationen führen kann.

Damit mag auch angedeutet sein, was einen Hintergrund des Projektes „Die Quest“ ausmacht. Es ist die inhaltliche Arbeit an den Schnittstellen und Wechselwirkungen zwischen Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst, wie das derzeit beim Kuratorium für triviale Mythen hohe Priorität hat. All das dreht sich um ein Gravitationsfeld, in dem zwei Kulturformationen, nämlich Kunst Ost und Kultur.at, die Praxis einer längerfristigen Kooperation mit anderen Kulturinitiativen ausloten, wie derzeit vor allem das Austria-Forum, Blogmobil, Fokus Freiberg, fas GISAlab oder die Österreichische Gesellschaft für historisches Kraftfahrwesen.

Manches davon ereignet sich im Hintergrund, anderes wird in die Öffentlichkeit übertragen oder beginnt auch dort. Recherche, inhaltliche Arbeit, Projektentwicklung, Veranstaltungsorganisation, Umsetzungen aller Art, konkrete Publikationen eingeschlossen, ergeben einen Lauf der Dinge, in dem alte Denkmuster vom Verhältnis „Zentrum-Provinz“ sich auflösen. Das zeigt sich übrigens auch in der Zusammenarbeit unter dem Titel „Dorf 4.0“, was die Kooperation dreier oststeirischer Dörfer meint, deren Bürgermeister diesen Prozeß mittragen. Nur in diesen auf Synergien bedachten Prozessen lassen sich dann auch abseits des Landeszentrums große Themenstellungen bearbeiten und dabei nennenswerte Ergebnisse erzielen.

Die aktuellen Grundsatz-Texte#