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Notiz 102: Erhebliche Kontraste#

(Die Albersdorf-Tour)#

Von Martin Krusche#

Ich war einigermaßen verblüfft, als mir bei meiner heutigen Kapellen-Tour eine kulturpolitische Kleinigkeit klar wurde, die simpel und brisant ist. (Die tat sich in zwei Momenten auf.) Ich bin für das Projekt „Wegmarken“ derzeit öfter in kürzeren Abständen einige Stunden mit Bürgermeistern der Kleinregion Gleisdorf zugange.

Die gravierenden Spuren der Jahre führen zu beeindruckenden Nuancen. (Foto: Martin Krusche)
Die gravierenden Spuren der Jahre führen zu beeindruckenden Nuancen. (Foto: Martin Krusche)

So eben mit Bürgermeister Robert Schmierdorfer, der mir einige markante Klein- und Flurdenkmäler in seiner weitläufigen Gemeinde zeigte. Ständig raus aus dem Auto, rein ins Auto, um Fotos heimzubringen, die mir als Arbeitsunterlagen dienen. Feine Beute, markante Exponate, kontrastreiche Geschichten und weitere Beispiele, um die verschiedenen Facetten der visuellen Codes zeigen zu können, die in diesem kulturellen System eingesetzt werden. Volksfrömmigkeit manifestiert sich in höchst unterschiedlichen Zeichensprachen und inhaltlichen Gewichtungen.

Beim anschließenden Arbeitsessen war dann Schmierdorfers Amtskollege Peter Moser dabei. (Er koordiniert unser Projekt.) An diesem Tag ereigneten sich jenseits unseres Kernthemas zwei wesentliche Momente von kulturpolitischer Relevanz.

Pragmatische Sanktion#

Wie lange bin ich nun in diesem Metier tätig? Mehr als 40 Jahre. Und zum ersten Mal fiel mir auf, was politisch essenziell ist. Man bekommt gewöhnlich keinen Bürgermeister dazu, daß er sich in einer Abfolge mehrmals mehrere Stunden Zeit nimmt, um für die Erörterung relevanter Fragen zur Verfügung zu stehen. (Also in Serie, statt für einen einzelnen Termin.)

Für kulturpolitische Fragen, in der Provinz auf Dörfer angewandt, kommt das eigentlich nicht vor. Das Alltagsgeschäft der Leute ist fordernd. Wer etwa in der Gemeindestube eine erfahrene Amtsleiterin hat, kann freier disponieren. Aber ansonsten werden Zeiträume und Aufmerksamkeit der Bürgermeister von vielen Leuten beansprucht, sind daher ständig ausgelastet; übrigens oft auch in die private Zeit hinein. Als Künstler kommt man da nicht so leicht auf der Liste für ausführlichere Gespräche nach oben.

Nun haben wir also ein gemeinsames Projekt laufen, das zu einer Buchpublikation führen soll. Im Zuge dieses Projektes verbringen wir in verschiedenen Besetzungen immer wieder mehrere Stunden miteinander. Das bietet die Gelegenheit für detailreiche Gespräche, um einzelne Themen zu vertiefen, hat auch den Nebeneffekt, daß man sich besser kennenlernt.

Die künstlerischen Arbeiten zeigen eine Vielfalt von Qualitätsvarianten. (Foto: Martin Krusche)
Die künstlerischen Arbeiten zeigen eine Vielfalt von Qualitätsvarianten. (Foto: Martin Krusche)

Ich weiß durch derlei Sessions jetzt weit mehr darüber, was der Job eines Bürgermeisters jenseits des Landeszentrums ist und wie diese Männer konkret ticken. Ich weiß nun auch mehr darüber, wie sie sich untereinander darüber austauschen und welche Prioritäten dabei auftauchen.

Moment #1#

Das schafft den Rahmen für einen achtsamen Umgang miteinander, wie es sich zu möglichen Kulturprojekten in ein paar kurzen Meetings niemals erreichen ließe. So viel muß ja klar sein: Wenn es zack-zack gehen soll, kann es kaum in die Tiefe reichen. Andrerseits: kein Bürgermeister braucht einen Superhelden, der ihm ins Büro schneit und ihm eloquent eine super Idee andient, die sich super für seine Gemeinde eignen würde und ein super Deal wäre, weil es super Konditionen gibt.

Diese Art von Gottesgeschenken aus der Geschäftswelt haben die Männer in ihren Praxisjahren alle schon gehabt. Sowas läuft nicht. Will ich ihre Aufmerksamkeit erlangen, braucht es dazu Ideen, bei denen sie aus ihrer aktuellen Situation heraus ganz konkret anknüpfen können, sowohl bezüglich der Inhalte als auch bezüglich der Arbeitsmodi und der Finanzierungsfragen.

Dieses aktuelle Projekt („Wegmarken“) macht uns solche Zeitfenster auf, in denen wir teils sehr ausführliche Gespräche pflegen können, wie sie sonst in den Kommunen nicht möglich sind. Ergo: erst die prozeßhafte Arbeit schafft gute Grundlagen für die prozeßhafte Arbeit. (Nein, das ist kein Wortwitz!)

Interlude#

Ich hatte mit Schmierdorfer an diesem halben Tag der Tour über die Dörfer reichlich Gelegenheit, mehrere Themen zu debattieren und seine diesbezüglichen Ansichten zu erfragen. Das Gemeinwesen. Der Gemeinsinn und der Eigennutz. Welche Art der Balance ist derzeit möglich? Kulturelle Interessen und Bedürfnisse?

Wie ist das aktuelle Verhältnis zwischen Konsumation und Partizipation? Engagieren sich die Leute oder wollen sie vor allem bedient werden? Ich gehe hier nicht auf das Ergebnis unseres Gespräches ein, sondern nenne bloß einige der relevanten Aspekte. Wissens- und Kulturarbeit ist in jeder Art von Struktur damit konfrontiert, daß zwar ausnahmslos alle Menschen kulturelle und spirituelle Bedürfnisse haben, aber Unterhaltungsindustrie und Medien-Konglomerate machen dafür Angebote mit so enormer Schubkraft, da wird es mit Nuancen und feineren Tönen sehr schwierig.

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Moment #2#

Wo haben wir – der Künstler und die Bürgermeister – nun Schnittpunkte der Interessen? Ließe sich daraus ein Vorhaben ableiten, für das wir eine Kooperation reizvoll fänden? Was wären denn kulturpolitische Agenda, die sichtbar würden, wenn man einmal den unnötigen Putz üblicher Propagandasprüche zum kulturellen Leben herunterschlägt? Am gemeinsamen Tisch mit Moser und Schmierdorfer konnte ich dann zwei meiner Lieblingsmetaphern ins Gespräch hieven.
Peter Moser (links) und Robert Schmierdorfer. (Foto: Martin Krusche)
Peter Moser (links) und Robert Schmierdorfer. (Foto: Martin Krusche)
  • 1) Wir waren uns völlig einig, daß wir als gesamte Gesellschaft derzeit in einem enormen Umbruch stecken, der von Corona nicht ausgelöst, sondern bloß kontrastiert wurde. Meine Metapher: entweder ich surfe die Lawine oder sie reißt mich weg und begräbt mich. Wozu sind wir in der Lage? Was trägt die Wissens- und Kulturarbeit zum Thema bei?
  • 2) Wir waren uns einig, daß ein großer Teil der Menschen in unserer aktuellen Mediensituation eine recht kurze Aufmerksamkeitsspanne hat, wobei die Befriedigung von Bedürfnissen nicht gerne aufgeschoben wird. Viele driften dabei aktuell wieder stärker von der Partizipation weg, treiben Richtung Konsumation. Meine Metapher: das ist ein wenig wie in der Wissenschaft, die Grundlagenforschung wird verachtet, die angewandten Formen boomen.

Kopfnicken#

Wir sprachen dann darüber, daß man in der Entwicklung komplexerer kultureller Vorhaben auch diesen Bereich der Kulturpolitik in zwei Sektoren überführen könnten: Grundlagen und Angewandtes. Hier entwickeln, dort umsetzen, aber eher nicht durch die gleichen Leute. Heftiges Kopfnicken am Tisch.

Das hieße, im einen Bereich wird Grundlagenarbeit gemacht, werden Faktenlagen erhoben, werden Inhalte generiert. Der andere Sektor sorgt für Umsetzungsarbeit, geht dabei auf das ein, worin sich Moser und Schmierdorfer einig waren: man muß das Format wählen, das die Leute akzeptieren. Da muß man den Gewohnheiten der Menschen entgegenkommen. Das muß auch unterhaltsam sein.

Indem wir diese beiden Sektoren – Grundlagen und Angewandtes - a) als getrennt und b) als zueinander komplementär verstehen, entfällt vermutlich, was momentan eine große Bürde des steirischen Kulturbetriebs ist. Kunst und Kultur werden oft Mägde des Marketings. Wo aber die Marketing-Leute bestimmen, welches Reiseziel Vorrang hat, leiden erfahrungsgemäß die Inhalte. Das ergibt kulturpolitisch keinen Sinn und schwächt die Situation.

Falls wir also einen Modus finden und in die Praxis überführen können, bei dem das Marketing seinen Aufgaben folgen kann, ohne dabei die Grundlagenarbeit zu korrumpieren, hätten wir kulturpolitisch einen enormen Schritt geschafft.

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Post Scriptchen#

Ich hatte nur ganz kurz Gelegenheit, das Thema Allmende anzusprechen. Das müssen wir später noch vertiefen. Gemeinwesenorientierung, die vom Eigennutz nicht überrollt wird, bedarf offenbar der Vorbilder und der praktischen Erfahrungen in realer sozialer Begegnung. (Telekommunikation und Teleworking leisten das nicht.) In der alten agrarischen Welt war vieles kleinräumiger angeordnet und es gab zum Beispiel die Erfahrung des redlichen Umgangs mit einem Gemeingut, mit der Allmende.
Nicht alles Vorgefundene erklärt sich selbst. (Foto: Martin Krusche)
Nicht alles Vorgefundene erklärt sich selbst. (Foto: Martin Krusche)

Gerade die Klein- und Flurdenkmäler, die ja hauptsächlich privaten Ursprungs, fungieren – wie etwa Dorfkreuze – als Orte der Zusammenkunft und des gemeinsamen Handelns. Gut denkbar, daß wir so ein kulturelles Zeichensystem als eine „geistige Allmende“ deuten sollten. Was würde das für die aktuelle Gesellschaft bedeuten? Was hieße das für eine Wissens- und Kulturarbeit in der Provinz, jenseits des Landeszentrums, wenn wir die Idee einer geistigen Allmende verfolgen würden?

Weiterführend#

Siehe dazu auch: „Auf diesem Feld tut sich für uns ein gemeinsamer Kommunikationsraum auf, ganz egal, wo und wie wir leben, welches Amt, welche Position wir haben. Das berührt ferner die Funktionen eines Kulturbetriebes in einem konkreten Gemeinwesen; diesen gemeinsamen Kommunikationsraum für so unterschiedliche Menschen zu schaffen. Das ist eine Kernaufgabe von Kulturpolitik.“ Ein Zitat aus „Gemeinsamer Kommunikationsraum (Überlegungen zu den Wegmarken), vom Gespräch mit Bürgermeister und Nationalrat Christoph Stark, der im Projekt die Kleinregion Gleisdorf vertritt.

Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark. (Foto: Martin Krusche)
Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark. (Foto: Martin Krusche)
Das Thema Allmende hab ich hier im Jahr 2018 schon einmal mit den Wegmarken Vergknüpft: „Daher ist dieser ‚Garten der Freundschaft‘ gewissermaßen eine soziale Kuriosität und erinnert auf diese Art an eine alte Kategorie: die Allmende. Der Begriff bezeichnet ein Grundstück, welches nicht einzelnen Privatpersonen gehörte, sondern der Dorfgemeinschaft zur Nutzung erhalten wurde. Hier ist in Albersdorf also eine Art geistige Allmende entstanden.“ (Quelle)

Die Fahrt#