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Pygmalion#

(Archiv externer Beiträge, Blatt #2)#

von Martin Krusche

Um menschliche Gemeinschaft zu festigen, nutzen wir Übereinkünfte bezüglich verschiedener Codes und Konventionen, geben wir Erzählungen weiter, um daraus größere Narrative herzustellen, einigen wir uns auf Mythen. Das ist alles stets vieldeutig und verhandelbar, auch wenn so mancher Schwätzer gerne von „ewigen Werten“ schwafelt.

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Ewige Werte sind ja nichts anderes als der Ausdruck eines Machtanspruches. So versucht jemand, für seine Position Legitimität herzustellen: „Das war schon immer so.“ Gerade an solchen Leuten kann man mitunter feststellen, daß sie von diesem „Ewigen“ recht wenig Ahnung haben und oft nur die jüngsten Deutungen dessen kennen, von dem sie sich bestätigt fühlen, aber vom größeren Zusammenhang keine Ahnung haben.

Das ließe sich kaum deutlicher darstellen, als am Beispiel eines Politikers, der mit einem Kreuz in der Hand vor Kameras auftritt, mit dem Symbol herumwedelt und das „christlich Abendland“ beschwört, um unsere Kulturgeschichte in einer Kurzfassung für Deppen auf das Maß zusammenzustutzen, das er sich bei zwei Bier kurz durchgesehen hat.

Ich bin schon geraume Zeit in diese Zusammenhänge verstrickt: Europas Mythen und was davon in unserer aktuellen Politik auftaucht, was davon durch die Kunstgeschichte geistert, wie sich all das auch in unserem Alltagsleben zeigen mag.

Ich hab schon mehrfach erwähnt, daß es vermutlich keiner Renaissance bedarf, keiner „Wiedergeburt von Werten der Antike“, weil sie nie weg waren. Es stellt sich eher die Frage, welche aktuellen Deutungen sich davon gerade durchsetzen, also auch: welche Interessenslagen regieren?

In meinen Betrachtungen, worin Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst verbunden sein mögen, führen einige Wege unausweichlich quer durch die griechische Mythologie und deren Adaptionen im alten Rom, deren Reise durch die Zeiten.

Im 2020er Abschnitt von „Tesserakt“ bin ich damit beim Teilprojekt „Prometheus in Ketten“ (Himmelsstürmerei und die Folgen) angelangt. Nach Ikarus steht nun Prometheus im Fokus. In dem Zusammenhang fällt auf, daß dabei ein paar kuriose Frauenfiguren in Erscheinung treten, die schlicht von Männern gemacht sind.

Eine davon, die gewaltige Pandora, habe ich in Der gesellige Titan schon erwähnt. Sie wird gerne als Quelle menschlichen Leids erwähnt. Unerwähnt bleibt meist, daß Zeus sie von Hephaistos anfertigen ließ, um Prometheus eine reinzuhauen. Sie ist also keine gewachsene Frau, sondern eine gebaute Männerphantasie. Eine ähnliche Geschichte zeigt uns ebenso, was ein verzweifelter Mann sich mitunter selbst einbrockt.

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Ovid läßt den Künstler Pygmalion auf Zypern an seinem Umgang mit zügellosen Frauen Schaden nehmen. Wie gerne bedauern wir verstörte Männer, die sich in der Demimonde umtreiben, dabei ruchlosen Frauen in die Arme fallen, womöglich tagelang den Ausgang nicht finden können, und so gewiß ganz ohne eigenes Verschulden an der Weiblichkeit verzweifeln.

Pygmalion überwindet seinen Kummer, indem er sich eine blendende Frauensfigur aus Elfenbein schnitzt, eine Statue, in die er sich ob ihrer Makellosigkeit prompt verliebt. So ergibt es sich, daß er Göttin Aphrodite eines Tages anfleht, daß seine zukünftige Frau so sein möge wie diese Statue. Kommt uns das bekannt vor. So mancher Mann wünscht sich auch heute eine Frau wie aus dem Baukasten.

Nun stelle ich mir vor, Aphrodite war sofort klar, hier eine Pfeife vor sich zu haben, einen von sich selbst ergriffenen Stutzer, der niemals eine interessante Frau für sich gewinnen wird. Ovid notierte diesbezüglich, die Natur gebot „Pygmalion ohne Gefährtin / Ehlos bleiben, und lang auch teilt' er mit keiner das Lager“. Das sind schlechte Referenzen.

„In Entzücken verloren, / Fasst zu dem scheinbaren Leib Pygmalion glühende Liebe“, heißt es schließlich. „Oft legt prüfend die Hand er daran, ob Leib das Gebilde“. Mehr noch: „Küsse auch gibt er und glaubt sie erwidert und spricht und umarmt sie, / Wähnt gar, dass sich die Haut den berührenden Fingern bequeme…“ (Das wird heute vom Versandhandel angeboten.) Aphrodite löst das Problem pragmatisch, will diesen Pygmalion keiner Menschenfrau anhängen, erweckt die Statue zum Leben. Sie sehen, an der Conditio humana überdauert so manche Schrulle Jahrtausende. (Fotos: Martin Krusche)

Erstmals publiziert in „Krusches Logbuch