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Notiz 011: Zeitsprünge und Gegenwärtigkeit#

von Martin Krusche

Wie kann denn Geschichte erfahrbar werden? Text allein schafft das keinesfalls. Wie soll man eine Vorstellung gewinnen, was zweitausend Jahre sind? Sind hundert Jahre weniger abstrakt? Die Verknüpfungen bleiben klar: Was immer uns gelingt, beruht auf den Vorleistungen anderer.

Mentalitätsgeschichte drückt sich auch in den Artefakten aus. (Foto: Martin Krusche)
Mentalitätsgeschichte drückt sich auch in den Artefakten aus. (Foto: Martin Krusche)

Nur ganz selten schafft jemand besondere Leistungen, die uns erscheinen, als seien sie fast voraussetzungslos und völlig aus dem Blauen gekommen. Aber selbst da gilt, daß Denkvermögen und sinnliche Erfahrungen vielfältige Vorgeschichten haben.

Ein Beispiel in greifbarer Dimension: Was hat meine Großmutter Cäcilia über das Leben gedacht? Was hat mein Großvater Richard im Alltag für wesentlich gehalten? Ich weiß es nicht. Es ist Jahrzehnte her, daß wir in realer Begegnung miteinander zu tun hatten. Es gibt keine aufschlußreichen Quellen.

So bleibt zum Teil auch stark in der Unschärfe, wer ich bin. Es ist unübersehbar, daß Mentalitätsgeschichte enorme Wirkung hat. Man kann eigentlich sehr leicht immer wieder Momente erleben, da man in sich Motive entdeckt, die eine erahnbare Vorgeschichte haben, die auch von vorangegangen Menschen durchlaufen, eventuell geschätzt wurde.

Vieles davon bleibt unausgesprochen. Manches davon wird Teil einer Art Folklore, einer „Volksweisheit“. Anderes schafft es sogar in bedeutende Romane. So erklärt sich etwa die enorme Wirkung von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“, wonach Männer plötzlich begannen, offen Emotionen zu zeigen, wie das vorher in der Gesellschaft verpönt gewesen ist.

Geschichte. Das ist also eine Art Raum, in dem wir uns befinden, eine Dimension des Erfahrbaren, das über eigenes Erleben weit hinausgeht. Darin liegt auch eine so brisante Wirkung von Kultur. Wir müssen nicht alle Erfahrungen selbst machen, wir beziehen ebenso wichtige Impulse aus dem Leben anderer Menschen.

Zufallsfund: die Rückseite des Mechanismus von Antikythera, einer der wenigen Nachbauten der antiken Maschine, in einer oststeirischen Sammlung verwahrt. (Foto: Martin Krusche bei Richard Mayr)
Zufallsfund: die Rückseite des Mechanismus von Antikythera, einer der wenigen Nachbauten der antiken Maschine, in einer oststeirischen Sammlung verwahrt. (Foto: Martin Krusche bei Richard Mayr)

Mehr noch, ich denke, es macht einen konstituierenden Aspekt von Kultur aus, daß wir als ein Zoon politikon, als ein Wesen, das zum Leben in Gemeinschaft neigt, mit den Erlebnissen und Erfahrungen unzähliger Menschen verbunden sein können; nicht nur in der Gegenwart und in realer sozialer Begegnungen, sondern vor allem auch über räumliche und zeitliche Distanz hinweg.

Darin sind uns überlieferte Texte sehr nützlich. Mündliche Überlieferung, die persönlich zugeordnet werden kann, ist dagegen sehr flüchtig, wie ich mit der Erwähnung meiner Großeltern schon andeuten wollte. Wir vergessen schnell und menschliches Wissen geht leicht verloren.

Das ist einer von mehreren Gründen, weshalb historische Artefakte für mich große Bedeutung haben. Gegenstände aus der Vergangenheit. Es geht darum, sie zu erhalten und sie zu deuten. Das gibt uns die Möglichkeit zu ästhetischen Erfahrungen.

Das sind, der ursprünglichen Bedeutung des Wortes gemäß, Wahrnehmungserfahrungen. Ästhetik ist die Aisthesis, die Wahrnehmung; eine Gegenposition zur Anaisthesis, also Anästhesie, zur Betäubung. (Wir können, je nach Anlaß, auf beides nicht verzichten!) Siehe dazu auch die vorige Notiz: "Diese zwei Jahrhunderte"