Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Notiz 033: Mein Beruf#

(Zu einer fälligen Debatte)#

von Martin Krusche

Ich bin Autor. Das hat einen zentralen Angelpunkt. Ich bin Lyriker. Das ist ein Genre der Kunst. Damit fülle ich nicht alle Tage meines Arbeitslebens. Damit läßt sich mein Brot nicht verdienen. Aber es macht den Kern meines Daseins als Künstler aus. Daher ist diese Obsession in andere Disziplinen eingebettet. Ich hab für eine Romantisierung meines Berufes nichts übrig. Ich mißtraue einem Begriff wie Berufung. Was ich mache und was ich lebe ist weder Sinnstiftungs-Institut für andere Menschen, noch Dekorationsgeschäft für die Repräsentationskultur eines nach Distinktion dürstenden Bildungsbürgertums.

Martin Krusche, gezeichnet von Chris Scheuer
Martin Krusche, gezeichnet von Chris Scheuer

Ich verbinde Obsession und Professionalität mit einigen anderen Aspekten eines Daseins. Das ist eine Variante von vielen unterschiedlichen Lebenskonzepten, mit denen man Künstlerin oder Künstler ist.

Es ist also mein Beruf und meine Leidenschaft. Ich schätze es, wie im alten Handwerk üblich, eine Sache um ihrer selbst willen gut zu machen. Ich brauche dabei ein anregendes geistiges Leben, das ich mit inspirierten Menschen teile. Die finde ich auch in Autowerkstätten und entlegenen Schuppen, in Büros und kleinen Geschäften, in jedem denkbaren Milieu. Die Natur streut solche Gaben blind aus.

Das Schreiben#

Um ein taugliches Gedicht zu schreiben, brauche ich stete Übung im Erzählen, im Umgang mit Sprache und Text, im Gebrauch von Worten. Wie ein guter Geiger jenseits von Konzerten permanent mit seinem Instrument befaßt ist, um seine Virtuosität zu beleben. Wie eine Sängerin, die zwischen ihren Auftritten am Gesang arbeitet und ständig auslotet, was ihr damit möglich ist.

So sind wir, viele von uns, indem wir unsere bevorzugten Instrumente andauernd gebrauchen, damit wir unsere Vertrautheit damit vertiefen. Allein in diesem Sinn beginne ich jeden Tag am liebsten mit Schreiben, aber auch, weil mir das Verfassen von Texten ein sehr leistungsfähiges Reflexionswerkzeug ist. Schreiben ist ein Medium für komplexes Denken.

Es geht in allem um Qualität und um Vollendung nach Kriterien, die wir uns erworben haben, für die wir uns entschieden haben. Das ist unter anderem mit „Freiheit der Kunst“ gemeint. Selbstbestimmung. Sich selbst die Regeln geben. Die Kunstpraxis keinem anderen Zweck widmen als dem der Kunst. (Man kann Menschen, ein Publikum, daran teilhaben lassen, aber man muß es nicht.)

Das ist freilich nur ein Aspekt des Künstlerlebens. In den laufenden Kompetenzerwerb fließen auch ständig Impulse aus anderen Genres ein. Es geht um andere Erfahrungs- und Wissensgebiete, mit denen wir befaßt sind.

Horizont und gute Fragen#

Ich kenne keine Künstlerin, keinen Künstler von Relevanz, die ihre Interessen bloß einem Fachgebiet, nur einer Disziplin widmen würden. Ich kann mir kein Leben ohne Horizont vorstellen. Das ist besonders anziehend, weil wir schon lange in einer extrem arbeitsteiligen Welt leben, die es vielen Menschen schwer bis unmöglich macht, größere Zusammenhänge zu erfahren. Ich aber weiß genau in allen Aspekten meiner Arbeit, wovon dieses Tun handelt.

Ich bin im Bereich anderer Disziplinen stets auch auf der Suche nach guten Fragen. Es geht definitiv nicht dauernd darum, Informationen zu saufen was das Zeug hält. Philosophie beginnt, wenn wir staunen und fragen. Gute Fragen sind etwas überaus Wertvolles. Sie allein setzen schon manche Prozesse in Gang, die nicht auf Antworten zielen, aber unverzichtbar sind.

So lebe ich in einem steten Fluß von Eindrücken, Anregungen, Reflexionsakten, zuzüglich der Arbeitsprozesse rund um das Entstehen von Kunstwerken. Das wird alles von laufenden Debatten begleitet, von Lektüre, von Streitgesprächen.

Wäre auch noch zu erwähnen, daß mein Broterwerb zusätzliche Kompetenzen ganz jenseits der Kunst verlangt. Öffentlichkeitsarbeit, Akquise, Management, auch Buchhaltung und der stets fällige Jahresabschluß beim Finanzamt. Oder Medienkompetenzen. Layout, Satz und Druckvorstufe für Print-Publikationen. Die verschiedenen Internet-Bereiche. Aufnahme und Tonschnitt für Podcasts etc.

Was ich selbst kann, muß ich nicht in Auftrag geben, also die Kosten dafür nicht erwirtschaften. Das ist wie in der alten agrarischen Welt, wo oft nur schwer Bargeld zum Haus kam, das ist auch noch heute in manchem bäuerlichen Leben so.

Dazu kommen soziale Lernprozesse. Kein bezahlter Urlaub. Kein gesicherter Krankenstand. Auch in schlechter gesundheitlicher Verfassung Projekte bewältigen oder einen Auftritt gut hinbekommen, damit die Honorare nicht flöten gehen. All das, was EPU bewältigen müssen, Ein-Personen-Unternehmen, denen niemand einen Arbeitgeberanteil bei der Sozialversicherung oder ein 13. und 14. Monatsgehalt rüberreicht.

Der Broterwerb#

Innerhalb solcher Kräftespiele entstehen Kunstwerke. In genau solchen Zusammenhängen erwerbe ich laufend Kompetenzen, die sich auch jenseits der Kunstpraxis verwerten lassen. Das bedeutet, ich muß nicht zwingend meine Kunstwerke vermarkten, ich kann auch jene Kompetenzen zu Geld machen, die ich in der Befassung mit Kunst gewinne. Solche Bemühungen dienen meinem Broterwerb, der ja keine Kategorie der Kunst ist. Das wird gerne verwechselt. Was ist Sache der Kunst und was sind soziale Agenda?

Selbstverständlich suche ich meine Verdienstmöglichkeiten in kunstnahen Bereichen. Das löse ich in verschiedenen Formen der Wissens- und Kulturarbeit ein. Daraus entsteht doppelter Nutzen. Ich erwirtschafte mein Jahreseinkommen. Ich stärke das geistige Klima meines Lebensraumes durch qualifizierte Kulturarbeit.

Martin Krusche live im SPLITTERWERK, Graz. (Foto: Ursula Glaeser.)
Martin Krusche live im SPLITTERWERK, Graz. (Foto: Ursula Glaeser.)

Und manchmal führt mich der Broterwerb zu Arbeiten, die weit von all dem entfernt sind. Das nenne ich „Steineklopfen“. Bei all dem geht es aber immer auch um meine Fertigkeit Gedichte zu schreiben, die etwas taugen. Dafür profitiere ich übrigens ebenso, wenn ich etwa seit Jahrzehnten die alten Meister in ihren Schuppen, Garagen und Werkstätten besuche. Hackler. Vormalige Fabrikarbeiter. Versierte Handwerker. Menschen zwischen Ende 70 und Anfang 90, die ausnahmslos noch an Projekten arbeiten, ihre Kompetenzen verfeinern. Das alles gehört zu meiner Art Under Net Conditions.

Art Under Net Conditions#

Diese Kunst unter Bedingungen der Vernetzung handelt vom Verknüpfen verschiedener Genres, Disziplinen und Arbeitsweisen. Sie handelt vom Bemühen, aus dem Multidisziplinären ins Interdisziplinäre zu gelangen, was stets neue Erfahrungsräume öffnet. Ich verstehe das als eine Form der Konzeptkunst, die nahelegt, auch banal scheinende Tätigkeiten zu erkunden.

Als Beispiel: Ich hab seinerzeit den Offset-Druck erlernt und mir dann eine alte Offset-Presse gekauft, um daheim zu Drucken. (Ein schwerer Brocken, wegen dem ich in einem Keller hauste, wo der Boden standhielt.) Das ist eine sehr dreckige Arbeit, so lange man noch stümpert. Ein kleiner Fetzen Papier, der versehentlich ins Farbwerk gezogen wird, kann sehr viel Ärger auslösen.

Auf solche Art hab ich dieses Medium ganz anders begriffen und folglich auch von Büchern eine veränderte Auffassung gewonnen. Filmen, Radiomachen, Schallplattenproduktion, ich hab das alles quasi von innen heraus erkundet.

Konzerte der Abschätzigkeit#

Die Corona-Pandemie sorgt für viele Konflikte. Dabei staune ich, welche abschätzigen Debatten sich über mein Berufsfeld ergießen, was da gelegentlich an Häme und Verachtung an uns adressiert wird. Ich staune über die Dichte an Borniertheit und Anmaßung, von der ich manchmal umgeben bin.

Da werden Menschen laut, die sich vormachen, sie stünden emotional und intellektuell im selben Lager wie ich. Da muten mir Leute, deren Kompetenzen eventuell reichen würden, eine gefesselte Maus zu verprügeln, Tiraden zu. Da belehren mich Rabauken, die ihre Leben in subalternen Stellungen zubringen und die Jahre, Jahrzehnte, jede Woche hoffen, daß es bald Freitag sei, mehr aber nicht vorzuweisen haben.

Wenn sie auf meine Arbeit stoßen, sagen sie gerne Sätze wie „Das kann doch jeder.“ Oder: „Ich kann das auch.“ Natürlich können sie es nicht und nicht jeder kann es. Das läßt sich gewöhnlich sehr schnell klären und erweist sich als Phrasendrescherei. Mein Weg ist von einer Legion von Maulhelden flankiert.

Techné#

Von den alten Meistern, den Handwerkern in ihren Schuppen, Garagen und Werkstätten habe ich eine schlichte ethische Grundsatzerklärung mitgenommen: Man sagt nur, was man kann. Und man kann das, was man sagt. Punkt!

In einer Praxis des Kontrasts verbindet mich mit all diesen Kräften verschiedener Disziplinen, egal, ob sie in Lagerhallen oder Universitäten ihre Arbeit machen, was wir seit der griechischen Antike kennen und leben. Ursprünglich waren diese verschiedenen Gebiete von Handwerk bis Kunst mit bloß einem Begriff benannt: Techné.

Selman Trtovac: „Ich kann das auch“
Selman Trtovac: „Ich kann das auch“

Der Hackler und der Künstler… noch heute schöpfen wir teilweise aus den gleichen Quellen, sind bezüglich der Intentionen und Zielsetzungen miteinander vertraut. Wir schätzen Antwortvielfalt. Wir müssen einander unsere Obsessionen nicht erklären. Wir sind Fachkräfte des symbolischen Denkens und verknüpfen das mit den Möglichkeiten, etwas Greifbares zu erschaffen.

Wir hatten über Jahrtausende keine ausreichenden Gründe, das völlig zu trennen. Ganz im Gegenteil! Aber wir unterscheiden zur Orientierung verschiedene Genres, von denen viele zueinander komplementär sind, nicht in einer Hierarchie übereinander stehen. In der Kunstpraxis ist es wie in der Grundlagenforschung. In der Kunst werden Grundlagen der Conditio humana bearbeitet, verfeinert, vertieft, auch weiterentwickelt.

Ohne diese Prozesse gibt es für Gesellschaften keine Zukunftsfähigkeit. Nirgends. Diese Zusammenhänge sind so grundlegend wie ein Kuß, wie jene liebevolle Zuwendung, ohne die Menschen sehr schnell verrohen, manche sogar daran sterben, ohne die Gesellschaften kaputtgehen.

So fundamental sind Quellen und Wechselbeziehungen unseres Metiers. Wer darüber in vor allem ökonomischen Kategorien reden und urteilen möchte, hat die Menschheitsgeschichte nicht verstanden, übersieht, was unsere Spezies ausmacht und was unsere Profession ist. Ich bin Künstler von Beruf.